Voller Einsatz für die Literatur

Beim Bücherfest Rhein-Main Offenbach froren alle ein wenig: Es lohnte sich dennoch

Taute langsam auf: Bestseller-Autor Leif Randt.
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Taute langsam auf: Bestseller-Autor Leif Randt.

Offenbach – Es sei seine erste Lesung, bei der das Publikum die Mund-Nasen-Masken anbehält, sagte Leif Randt, als er sich aufs Podest in der Afip – Akademie für interdisziplinäre Prozesse setzte, und ließ den Satz bedeutungsschwer im Raum stehen. Lutz Jahnke, Betreiber des Kulturorts am Goetheplatz, hatte dem gefeierten Autor mit spöttischer Bemerkung einen kleinen Heizstrahler an die Füße geschoben, weil ihm kalt war. In der Afip, diesjähriger Veranstaltungsort des Bücherfests Rhein-Main Offenbach, blieb die Tür die ganze Zeit geöffnet. Die auf Abstand gesetzten Besucherinnen und Besucher ließen ihre dicke Bekleidung an: Voller Einsatz für die Literatur! Vier Lesungen standen am Sonntag auf dem Programm.

Vielleicht war es diesem Klima geschuldet, dass der 1983 in Frankfurt geborene Randt zuerst nicht so richtig in Fahrt kam und die Lesung – die letzte des Tages – ein wenig unterkühlt startete. „Allegro Pastell“, ist der vierte Roman des Autors, er bescherte ihm viel mediale Aufmerksamkeit und Nominierungen für den Preis der Leipziger Buchmesse und für den Deutschen Buchpreis der Frankfurter Buchmesse.

Es geht um eine Fernbeziehung zwischen dem in Maintal lebenden Webdesigner Jerome und der in Berlin als Autorin arbeitenden Tanja. Randt hatte, „weil wir ja in Hessen sind“, Stellen rausgesucht, die in der Region spielen: an der Hanauer Landstraße, in Maintal, im Robert Johnson in Offenbach. Die Protagonisten reflektieren darin sehr viel: ihre Gespräche mit ihren emanzipierten Eltern, ihre Beziehungen, ihren Alltag, sich selbst. Wie viel Ironie in dieser etwas klischeehaft erscheinenden Betrachtung der Millennial-Generation steckt? Randts festgefrorener Miene konnte man’s schwer ablesen.

Lebhafter war am Nachmittag die in Berlin lebende Autorin Zoë Beck in ihren dystopischen Thriller „Paradise City“, eingestiegen. Auch sie hatte sich auf Stellen konzentriert, die in der Umgebung spielen: in der zur Megacity angewachsenen, neuen deutschen Hauptstadt Frankfurt. Ihre Protagonistin Liina arbeitet als Journalistin bei einem Untergrund-Medium, das die Fake-News des staatlich gelenkten Rundfunks überprüft. In dieser Zukunft hat die Menschheit einige Pandemien hinter sich – weshalb Becks Roman etwas Wahrsagerisches nachgesagt wird. Ausgangspunkt ihrer Geschichte seien aber die Verschwörungsmythen über einen angeblichen Staatsfunk gewesen. „Das hat mich sehr nachdenklich gestimmt“, sagt die in Ehringshausen geborene Beck.

Mit steckbriefartigen Einleitungen stellte Britt Baumann vom Kulturamt die Autorinnen und Autoren vor, während die Besucheranzahl zwischen 15 und 27 variierte. Wolf Harlander las, vielleicht um die Spannung konterzukarieren, mit ruhiger Stimme aus seinem Klimathriller „42 Grad“. Olga Grjasnowa präsentierte ihren Roman „Der verlorene Sohn“, der im Kaukasuskrieg im 19. Jahrhundert spielt und für die Autorin ein weiterer Versuch ist, durch das Dickicht der russischen Geschichtsschreibung zu dringen.

Zum Ende des Bücherfests taute Popliterat Randt dann doch noch auf, wollte ein weiteres Kapitel lesen, schmunzelte bei der Formulierung „Sie parkte souverän rückwärts ein.“ - „Was ist das für ein Satz, warum steht er da?“, fragte sich der Autor im Gespräch mit den Lesern. Stoffgedämpfte Lacher aus dem Publikum – ja, Unterhaltung geht unter diesen Bedingungen irgendwie auch.

(Lisa Berins)

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