„Spiel meines Lebens“

Dreieich-Duo traf mit Afghanistan auf Japan

Offenbach - Zubayr Amiri und Khaibar Amani pendeln derzeit zwischen den Welten. Statt mit den Kollegen des SC Hessen Dreieich zu trainieren, liefen sie am Dienstag für Afghanistan in der WM-Qualifikation gegen Japan auf - bei 50 Grad in Teheran. Von Jörn Polzin 

Khaibar Amani

Am heutigen Samstag (15 Uhr) steht das Hessenliga-Spiel in Lehnerz an. Zweikämpfe mit Stars wie Shinji Kagawa, Makoto Hasebe oder Keisuke Honda statt Spielern aus Vellmar, Griesheim oder Baunatal. Für Zubayr Amiri und Khaibar Amani erfüllte sich vor knapp 40.000 Zuschauern im Stadion von Teheran ein Traum. Im Alltag verdienen sie in der Hessenliga ihr Geld. Nun der Auftritt auf der großen internationalen Bühne. Da konnten sie auch die 0:6-Pleite gut verkraften. „Es war klar, dass wir das Spiel nicht hoch gewinnen werden“, sagt Amiri. Die anfängliche Nervosität sei schnell einer Extraportion Motivation gewichen. Zumal es zur Pause „nur“ 0:2 stand. Auch wenn der hohe Favorit bis zum Schlusspfiff noch vier Treffer nachlegte, wird der 25-Jährige die 90 Minuten in bester Erinnerung behalten. „Es hört sich nach einem 0:6 vielleicht blöd an, aber ich habe das Spiel meines Lebens gemacht“, betont Amiri. Mitspieler, Trainer und Medien hätten ihn sogar als „besten Mann auf dem Platz“ ausgezeichnet.

Dort lieferte er sich zumeist Duelle mit dem japanischen Linksverteidiger. Der heißt Yuto Nagatomo und spielt für Inter Mailand. „Ich habe ihn vor große Probleme gestellt“, sagt Amiri stolz und schickt eine Kampfansage hinterher. „Der Linksverteidiger von Lehnerz kann sich warm anziehen.“ An Selbstbewusstsein mangelt es dem Fußballer nicht, der in Afghanistan geboren wurde und 1992 in Folge des Bürgerkriegs mit seiner Familie nach Deutschland kam. Wie sein Bruder Nadiem (TSG Hoffenheim II) fühlt er sich im offensiven Mittelfeld am wohlsten. Nach seiner ersten Station Viktoria Aschaffenburg spielte er für die Reserve der Frankfurter Eintracht mit den jetzigen afghanischen Teamkollegen Hassan Amin (Saarbrücken) und Abassin Alikhil (Aschaffenburg). Die Frankfurter Delegation in der Nationalelf komplettieren Zamir Daudi (einst Ober-Roden und TGM SV Jügesheim, jetzt Aschaffenburg) sowie Trainer Slaven Skeledzic (Jugendcoach beim FSV und der Eintracht, Ex-Profi bei Kickers Offenbach).

„Ich habe sogar bei den Eintracht-Profis unter Christoph Daum trainiert“, erzählt Amiri. Doch sowohl dort als auch beim SV Jahn Regensburg unter dem damaligen Coach Markus Weinzierl blieb ihm der große Sprung verwehrt. Warum? „Es hat das Quäntchen Glück gefehlt, vielleicht lag es auch etwas an den Trainern.“ Über Alzenau und Aschaffenburg landete Amiri schließlich beim SC Hessen Dreieich, für den er in der vergangenen Verbandsliga-Saison zwölf Tore erzielte und 18 Vorlagen gab. „Das wird natürlich schwer zu wiederholen“, sagt Amiri, der in der Hessenliga-Spielzeit bislang einmal traf. Das wäre aus Sicht seines Heimtrainers auch zuviel verlangt. „Zubayr betreibt viel Aufwand und ist sehr fleißig“, lobt Thomas Epp, weiß aber auch, dass sein Schützling früher als schwieriger Typ galt. „Bei uns ist er anständig, verantwortungsbewusst und ruhig geworden.“

Ein ruhiger, bodenständiger Typ war Amiris Klub- und Nationalelfkollege Khaibar Amani schon immer. Dabei hätte er zuletzt allen Grund gehabt, Freudensprünge zu vollführen. Gegen Japan feierte der Stürmer sein Pflichtspiel-Debüt für Afghanistan. Wenige Tage zuvor hatte er beim Testspiel in Thailand 90 Minuten auf dem Platz gestanden. „Da ist es für mich richtig gut gelaufen und der Trainer hatte sogar überlegt, mich gegen Japan von Beginn an zu bringen.“ Doch aus dem Startelf-Einsatz wurde nichts. Aus taktischen Gründen, die Amani gut nachvollziehen kann. „Der Trainer hat eine defensivere Taktik gewählt und wollten den Spielaufbau des Gegners ständig stören, da passe ich als Strafraumstürmer nicht so gut rein.“

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Doch auch von der Bank kam der 28-Jährige aus dem Staunen nicht mehr heraus. Vor allem das Führungstor von Kagawa, der mit einer Drehung zwei Spieler stehen ließ und aus 20 Metern traf, sei nicht zu verteidigen gewesen. „Da fehlen einem die Worte.“ So erging es dem Debüttanten auch bei seiner Einwechslung nach 68 Minuten. „Das war einfach nur Gänsehaut.“ Obwohl nennenswerte Szenen ausblieben, kann sich Amani an eines noch gut erinnern: „Ich musste viel laufen.“ Getrübt wurden die „tollen Eindrücke“ von den Szenen nach dem Abpfiff, als sich Polizisten und Soldaten ein Handgemenge mit afghanischen Zuschauern lieferten. „Unsere Fans wollten nur näher zu uns, um abzuklatschen, und wurden verprügelt. Das war schlimm anzusehen“, sagt Amani. Wegen der Terrorgefahr im eigenen Land trägt Afghanistan seine Spiele im Ausland aus. „Das Verhältnis zwischen dem Iran und Afghanistan ist sehr angespannt. Das hat man leider gemerkt“, sagt Amani: „Ich bin froh, wieder in Deutschland zu sein.“

Mit seiner Ausbeute beim SC Hessen ist der „Prellbock“ (Epp). der vier Jahre bei der TGM SV Jügesheim spielte, hingegen nicht zufrieden. „Drei Tore in sieben Spielen sind keine gute Quote.“ Diese will er in Lehnerz verbessern. Fit genug fühlt sich das afghanische Duo trotz aller Reisestrapazen. Immerhin zehn Tage war die Nationalelf insgesamt unterwegs. „Für die Jungs war das ein großes Erlebnis, das wir ihnen nicht verwehren wollten“, sagt Epp. Eines müsse beiden aber klar sein: „Bei uns verdienen sie ihr Geld, der Verein hat Priorität.“ In knapp vier Wochen steht der nächste Doppelspieltag für die afghanische Auswahl an. Singapur und Syrien sind dann die Gegner. Ob sie die Nationalspieler erneut freistellen, will sich die Sportliche Leitung der Dreieicher überlegen. Für Amiri und Amani steht fest: „Wir wären gerne wieder dabei.“

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