Kickende Jugend

Fußball künftig ohne Schiedsrichter

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Vier gegen einen. HFV-Präsident Rolf Hocke würde künftig in der G-, F- und E-Jugend ohne Schiedsrichter spielen lassen. Eine Szene von den Offenbacher Stadtmeisterschaften mit der Partie SG Wiking gegen VfB 1900 (F-Jugend).

Offenbach - Es klingt verrückt. Aber Rolf Hocke meint es ernst. „Ich bin wild entschlossen“, stellt der Präsident des Hessischen Fußballverbandes (HFV) mit Blick auf die Idee klar, die er kürzlich publik gemacht hat. Von Christian Düncher

Worum es geht? Hocke will von der G- bis zur E-Jugend künftig probeweise ohne Schiedsrichter spielen lassen. Zudem sollen Zuschauer einen Mindestabstand zum Spielfeld halten, damit sie nicht mehr so viel Einfluss auf die jungen Kicker und die Partie nehmen können. Dadurch soll es auf und neben dem Platz wieder fairer zugeht.

„Die Präsidenten der 21 Landesverbände treffen sich regelmäßig. Da tauscht man sich natürlich aus“, sagt der 70-Jährige. Bei einem Treffen sei er auf das Projekt „Schleswig-Holstein kickt fair“ aufmerksam geworden, zu dem auch „Fair-Play-Turniere“ gehören, die ohne Schiedsrichter stattfinden. Die Teams sind angehalten, strittige Situationen selbst zu regeln, wobei am Spielfeldrand zwei Mediatoren zur Verfügung stehen, die in besonderen Fällen eine Lösung mit den Spielern suchen sollen.

Immer wieder unschöne Vorkommnisse

Im Rahmen der jüngsten Diskussion über Ausschreitungen beim Fußball sei zuletzt oft darüber gesprochen worden, dass es auch im Amateurfußball immer wieder unschöne Vorkommnisse gebe, sagt Hocke. „Sogar bei Jugendspielen kommt so etwas vor“, weiß der Verbandspräsident. „Schiedsrichterbeleidigungen oder sogar tätliche Angriffe sind mittlerweile leider keine Einzelfälle.“ Der HFV-Chef will sich daher am schleswig-holsteinischen Vorbild orientieren und im Bereich bis zur E-Jugend ohne Schiedsrichter spielen lassen. Zudem sollen dort künftig keine Zuschauer mehr direkt an der Außenlinie stehen. Vor allem durch Eltern und Großeltern, die immer wieder laut rufen, ergebe sich ein großes Konfliktpotenzial. Dieses will Hocke dadurch „entschärfen“, dass Zuschauer 20 Meter Abstand zum Spielfeld halten müssen. Das Pilotprojekt in Schleswig-Holstein sei so gut gelaufen, dass es sich dort überall durchgesetzt habe, so der HFV-Präsident. „Und zwar mit Zustimmung der Schiedsrichter.“

Hocke ist von dieser Idee so begeistert, dass er sie sogar noch diesen Monat mit den entsprechenden Gremien diskutieren will. „Vor allem die Jugendvertreter müssten da natürlich zustimmen“, sagt der Verbandsboss. „Man sollte den Mut haben, auch mal etwas von anderen Landesverbänden zu übernehmen. Was sich nachweislich in Schleswig-Holstein bewährt hat, müsste doch auch in Hessen funktionieren.“

Neuerungen werden oft erst abgelehnt

Der HFV-Präsident weiß, dass es bei Neuerungen „natürlich oft erst eine ablehnende Haltung gibt. Damit muss man sich auseinandersetzen. So wie es jetzt ist, kann es nicht weitergehen“, meint Hocke und wehrt sich gegen den Vorwurf, dass es der falsche Weg sei, die Unparteiischen zu schützen, indem man sie abzieht. „Wir haben doch schon alles versucht – bis hin zu drakonischen Strafen. Uns kann keiner vorwerfen, dass wir präventiv nicht tätig geworden seien.“

Ein Novum ist Hockes Idee in Hessen übrigens nicht: Im Kreis Hersfeld-Rotenburg finden bei den G- und F-Junioren bereits Partien in einer „Fair-Play-Liga“ statt. Die Zuschauer müssen sich auch hier in einer fünf bis 15 Meter vom Spielfeld entfernten Fanzone aufhalten. Für die Spiele werden jedoch weiter Schiedsrichter angesetzt, die die Begegnung allerdings nicht leiten, sondern lediglich moderieren. Über Fouls und weitere Vergehen entscheiden die Kinder selbst.

Bernd Holzauer, Klassenleiter der G-Junioren im Kreis Hersfeld-Rotenburg, berichtet: „Mit Schiedsrichtern als Moderatoren ohne Pfeife haben wir eine optimale Lösung. Ganz ohne sie geht es nicht, denn die Betreuer haben bei den Kleinen genug zu tun, sie können das nicht auch noch übernehmen. Da muss ich Herrn Hocke ein wenig widersprechen.“

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