Beschimpfungen, Pöbeleien und Gewalt

Immer weniger Schiedsrichter

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Schiedsrichter Frank Pietruschka zeigt Mirko Möckel von KV Mühlheim im Kreisoberligaspiel bei Germania Bieber die Rote Karte.

Offenbach - Beschimpfungen, Pöbeleien und Gewalt: Der teilweise frustrierende Alltag deutscher Fußball-Schiedsrichter führt langsam, aber sicher zu einem Nachwuchsproblem. Im Kreis Offenbach sieht es allerdings noch relativ gut aus.

Schon jetzt müssen ganze Ligen auf Kreisebene ohne Schiedsrichter auskommen, die gut 76.000 Unparteiischen in Deutschland reichen längst nicht mehr. „Über 95 Prozent des deutschen Fußballs spielen sich auf Kreisebene ab. Da gibt es ganz klar Nachwuchsprobleme, wir können Spiele nicht besetzen“, sagt Lehrwart Lutz Wagner vom Deutschen Fußball-Bund (DFB). Exakt 76.019 Schiedsrichter waren im Januar 2012 beim DFB registriert, das sind 2436 weniger als im Vorjahr und gleich 5353 weniger als Anfang 2006.

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Im Kreis Offenbach ist die Zahl von 279 aktiven Schiedsrichtern allerdings nach wie vor in etwa konstant. „Wir haben nur etwa 30 Karteileichen aussortiert, bekommen Jahr für Jahr aber auch immer neue Schiedsrichter hinzu“, sagt Kreis-Schiedsrichter-Obmann Volker Geupel, „wir haben keine Probleme, ab E-Jugend aufwärts alle Spiele im Kreis zu besetzen, helfen sogar immer wieder in anderen Kreisen aus, die nicht alle ihre Spiele besetzen können. Wir leben hier im Kreis Offenbach noch in einer glücklichen Welt, müssen aber viel dafür tun, dass das so bleibt.“

Deutschlandweit wurden im vergangenen Jahr zwar mehr als 8000 neue Schiedsrichter ausgebildet, aber immer mehr legen ihre Pfeife zur Seite. Die Ausstiegsgründe sind zwar ganz unterschiedlich: Alter, Umzug, Familie, Beruf oder Studium spielen entscheidende Rollen. Fest steht aber auch: „Ein großer Hauptgrund ist, dass viele sagen, sie kommen mit den Zuständen auf dem Platz und dem Verhalten der Beteiligten nicht zurecht. Dieser Prozentsatz ist viel zu hoch“, sagt Wagner. Von denen, die aufhörten, gebe jeder Dritte Aspekte wie Beschimpfungen als Grund an.

Zunehmende Gewalt schreckt ab

Auch in den 21 Landesverbänden wird das nicht erst seit dem tödlichen Übergriff auf einen Linienrichter in den Niederlanden Anfang Dezember so wahrgenommen. „Die Gewinnung von neuen Schiedsrichtern ist nicht das Problem. Das Problem ist, sie für den Fußball zu erhalten“, sagt Bernd Domurat, Schiedsrichter-Lehrwart im Niedersächsischen Fußball-Verband. Die Hemmschwelle bei Spielern, Eltern oder Zuschauern, gegen den Schiedsrichter vorzugehen, sei gesunken. „Und die Vorfälle werden öffentlicher“, sagt Domurat. Werbung für den Schiri-Job ist das nicht.

Auch im Kreis Offenbach gab es nach diesem schrecklichen Todesfall einige Nachfragen besorgter Eltern von Jung-Schiedsrichtern. „Abmeldungen mit Bezug auf diesen Vorfall gab es bei uns aber nicht“, sagt Kreis-Schiedsrichter-Obmann Geupel, „bei uns im Kreis hat es ja auch schon Gewalt gegen Schiedsrichter gegeben, aber der Anteil an der Gesamtzahl der zu leitenden Spiele liegt ja nur im Promille-Bereich.“

Bei einer aktuellen Befragung der Uni Tübingen von 2600 Schiedsrichtern in Württemberg gaben allerdings 54,6 Prozent an, oft, fast immer oder manchmal auf dem Platz beleidigt zu werden. 17,3 Prozent sind bereits tätlich angegriffen worden. Und die Dunkelziffer ist groß.

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Im Bayerischen Landesverband, mit etwa 16.000 Schiedsrichtern der größte im DFB, wurden in den vergangenen beiden Jahren bereits 100 bis 200 weniger Schiedsrichter ausgebildet als aufhörten. Vor allem bei den 20- bis 40-Jährigen, also denjenigen, die eigentlich im besten Alter sind, fehlt es an Quantität. Dabei unternehmen DFB und Landesverbände einiges, um ihre Schiedsrichter zu unterstützen. Bewährt hat sich das Prinzip des Paten, eines älteren Begleiters, der dem Nachwuchs auch das Auftreten auf und neben dem Platz sowie korrektes Verhalten in Konflikten vermitteln soll. „Aber der Vorfall in den Niederlanden hat gezeigt, dass alle Beteiligten gefordert sind, am gegenseitigen Respekt zu arbeiten“, sagt Wagner. Vor allem die Vereine sehen die Schiedsrichter-Obleute dabei in der Pflicht.

sid/mos

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