Auch Youssef Mokhtari kommt

Hessen Dreieich: Trainer Rudi Bommer im großen Interview

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2007 feierten Rudi Bommer und Youssef Mokhtari mit dem MSV Duisburg den Aufstieg in die Bundesliga. In den nächsten Tagen werden die Dreieicher die Verpflichtung des ehemaligen marokkanischen Nationalspielers offiziell bekanntgeben.

Offenbach - Der SC Hessen Dreieich hat Großes vor. Der Fußball-Hessenligist belegt als Aufsteiger derzeit zwar nur Platz 14, will innerhalb von drei Jahren aber in die Regionalliga. Von Jochen Koch 

Gleichzeitig soll die Jugendarbeit intensiviert werden. Dafür hat Sponsor Hans Nolte erfahrene Ex-Profis engagiert. Bundesliga-Rekordspieler Charly Körbel wird Vizepräsident Sport und soll mit dem von ihm gegründeten JFC (Jugendfußball-Club) Frankfurt nach Dreieich wechseln. Ex-Nationalspieler Rudi Bommer soll als Trainer und Sportdirektor die Oberliga-Mannschaft in die Regionalliga führen. Ex-Profi Ralf Weber wird Co-Trainer. Über die Ambitionen, Ziele und Pläne des SC Hessen Dreieich spricht Rudi Bommer.

Rudi Bommer, Sie waren zuletzt Trainer bei Zweitligist Energie Cottbus. Dann haben Sie nach längerer Pause Ihrem Heimatverein Viktoria Aschaffenburg sechs Spiele lang geholfen. Es gab Anfragen und Angebote aus dem Ausland, aus der 3. Liga. Jetzt übernehmen Sie einen Verein in der Oberliga, fünftklassig. Was sind die Gründe?

Das Gesamtpaket hat gestimmt. Das Konzept hat mich voll überzeugt. Charly Körbel hat mich regelrecht begeistert für die Ziele des SC Hessen Dreieich. Dann kommt dazu, dass ich weiter in Aschaffenburg wohnen kann. Und Oberliga muss nicht Endstation für den SC Hessen sein.

Der SC Hessen Dreieich steht auf einem Abstiegsplatz in der Oberliga.

Das ist mir schon klar. Natürlich ist zunächst Grundvoraussetzung, in der Oberliga zu bleiben. Aber wir haben viel mehr vor. Charly Körbel wird mit seinem JFC Frankfurt komplett nach Dreieich wechseln. Dann wären wir im Jugendbereich schon fast auf Augenhöhe mit einigen Traditionsklubs. Wir wollen im Jugendbereich vieles nach vorne bringen und uns als Ausbildungsklub auf hohem Niveau etablieren. Wir werden dafür auch im Jugendbereich sehr erfahrene Trainer einstellen.

Aber die Jugendarbeit wird nicht ausschlaggebend dafür gewesen sein, dass Sie nach Dreieich gewechselt sind.

Natürlich will Hans Nolte, der das alles initiiert hat, auch mit der ersten Mannschaft noch einiges erreichen. Die Regionalliga ist unser Ziel.

Wann?

Hans Nolte hat einen Drei- bis Fünf-Jahresplan herausgegeben. Dann soll das realisiert sein. Genau das hat mich überzeugt. Es macht keinen Sinn, alles auf ein Jahr oder eine Saison zu reduzieren, Knall auf Fall aufsteigen, und dann noch eine Etage höher - nein. Dann wäre der Druck viel zu groß. Wir wollen das solide aufbauen. Zunächst gucken wir nicht nach oben, sondern nur nach unten. Wir wollen so schnell wie möglich gesichert sein.

Und nächste Saison dann aufsteigen?

Klar ist, nächste Saison möchte ich mit der Abstiegszone nichts mehr zu tun haben. Aber der Druck, aufsteigen zu müssen, wird auch nicht da sein.

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Wäre die Regionalliga die ideale Spielklasse für den SC Hessen Dreieich, oder gibt es noch höhere Ambitionen?

Regionalliga wäre ideal. Wir müssen mitwachsen. Da wäre Regionalliga unser Level.

Wie groß wird die Umstellung für Sie, vom Profitrainer zum Übungsleiter für Feierabendfußballer?

Ich sage ganz ehrlich, das ist eine große Umstellung, Das habe ich jetzt schon in Aschaffenburg festgestellt, wenn die Spieler erst um 18 Uhr zum Training kommen. Oder dass Spieler anrufen, weil sie länger arbeiten müssen und nicht zum Training kommen können. Das sind für mich neue Erfahrungen. Aber ich glaube, in Dreieich wird es nicht so krass wie in Aschaffenburg. Beim SC Hessen arbeiten relativ viele Spieler bei Sponsoren, so dass wir das mit Trainingsbeginn 18.30 Uhr ganz gut auffangen können.

Wie beurteilen Sie die Trainingsbedingungen in Dreieich?

Sehr gut für einen Oberligisten. Das ist eine Klasse-Sportanlage. Da war ich schon überrascht. Aber wir stoßen demnächst an unsere Grenzen.

Warum das?

Wenn die Jugendmannschaften vom JFC Frankfurt nach Dreieich wechseln, reichen unsere zwei Plätze für das Training nicht mehr aus. Wir schauen, dass wir zusätzlich noch einen Platz in Dreieich mieten können.

In Fußballerkreisen wird der SC Hessen das kleine RB Leipzig genannt. Die Ähnlichkeiten sind frappierend. Kann man bei den beiden Klubs die Philosophie vergleichen?

Ja, wir haben ähnliche Probleme. Wir werden auch in der Rückrunde gejagt, weil noch einmal drei prominente Namen mit Körbel, Bommer und Weber aufgetaucht sind. Da will jeder Klub glänzen. Aber das wird sich auch beruhigen. Letztendlich sind wir kein Leipzig oder Hoffenheim, gehen mit unserer Arbeit im Jugendbereich etwas anders vor. Und wir können, wollen und werden bei den Aktiven nicht die überhöhten Preise zahlen. Wir zahlen genau so wie andere Oberligisten.

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Wann wird man beim SC Hessen auf Vollprofis setzen?

Das ist kein Thema für uns.

Haben Sie keine Bedenken, dass die Klubs in der Nachbarschaft befürchten, Sie werden die talentiertesten Spieler abwerben?

Diese Bedenken muss keiner haben. Ich werde demnächst Gespräche mit den umliegenden Klubs führen, wir werden da keine Spieler abwerben. Durch den JFC haben wir erst mal sogar einen Überschuss. Davon können dann wieder die anderen Klubs profitieren.

Ein Sponsor, Hans Nolte, finanziert den SC Hessen. Er hat sich inzwischen auch im Dressursport engagiert. Seine Frau zählt zu den besten deutschen Dressurreiterinnen. Was passiert, wenn sich die finanziellen Prioritäten vom Fußballstadion in den Reitstall verschieben?

Das glaube ich nicht. Sein Konzept ist auf die Zukunft gebaut. Da wird nichts auf der Strecke bleiben.

Wird der SC Hessen Dreieich das Auffangbecken für die Spieler aus der U19 der Eintracht, die den Sprung in die Profimannschaft nicht schaffen?

Warum nicht? Da werden wir schon ein Auge darauf werfen. Die Eintracht hat keine U23 mehr, da könnten wir eine Alternative bieten. Und mit unseren Kontakten, über Charly Körbel, Ralf Weber oder mich, können wir den Spielern dann vielleicht noch eine Perspektive nach oben aufzeigen.

Für welche Art von Fußball steht der Trainer Rudi Bommer?

Ich muss die Spieler richtig kennen lernen. Wir müssen jetzt alles dafür tun, die Klasse zu erhalten. Wie ich vorhabe zu spielen, wird sich erst in der neuen Saison zeigen.

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Mit Mimoun Azaouagh wurde schon der erste Neuzugang verpflichtet. Wird es im Kader weitere Veränderungen geben?

Wir sind in Gesprächen mit Youssef Mokhtari. Ihn würde ich gerne bei uns sehen. Er ist erfahren, kann das Mittelfeld stabilisieren. Dann hätte ich gerne noch einen Abwehrspieler.

Da fällt immer wieder der Name Patrick Ochs. Der ehemalige Eintracht-Spieler hat derzeit keinen Verein.

Von Wolfsburg nach Dreieich, das ist nicht realistisch. Ich habe kein Wort mit ihm gesprochen. Man darf nicht vergessen: Wir haben eine relativ alte Mannschaft und wir wollen verjüngen.

Ist das nicht ein Widerspruch, wenn dann ein 36-jähriger Mokhtari und ein 32-jähriger Azaouagh verpflichtet werden?

Nein, alles ist jetzt auf die nächsten drei Monate ausgerichtet. Dann laufen alle Verträge am Saisonende aus. Bis dahin können sich alle Spieler beweisen. Dann werden wir weitersehen.

Ist die Verpflichtung von Azaouagh nicht ein großes Risiko? Er hat seit 2013 nur 45 Minuten Spielzeit aufzuweisen.

Welche Verpflichtung in der Winterpause ist kein Risiko? Wir haben Mokhtari im November nach Aschaffenburg geholt und er war nach einem Jahr Pause sofort der beste Spieler, in der Regionalliga. Azaouagh ist auch topfit. Beide wissen doch, wenn es nicht läuft, sind sie die ersten, die was auf die Ohren kriegen.

Eigentlich sollte der SC Hessen Dreieich um die Meisterschaft spielen. Jetzt überwintert man auf einem Abstiegsplatz. Was ist da schief gelaufen?

Das kann ich im Detail nicht sagen. Ich habe das letzte Spiel, das 1:3 gegen Stadtallendorf, gesehen. Da war mein Eindruck, dass es hinten, in der Defensive, nicht stimmt. Das ist unser erster Ansatzpunkt. Wir müssen vor allem kompakter stehen. Im Spiel nach vorne haben wir viel Qualität.

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Wie gut kennen Sie die Oberliga Hessen?

Ich habe mich intensiv informiert. Man kann sich alle Spiele über das Internet besorgen und analysieren. Mein Co-Trainer Ralf Weber hat die Mannschaft oft live gesehen und mir vieles berichtet.

Planen Sie in der Vorbereitung ein Trainingslager?

Ja, wir fahren drei Tage, von Freitag bis Sonntag, in den Westerwald, werden sehr hart arbeiten, aber auch etwas in Sachen Teambuilding tun. Ich glaube, da gibt es viel Nachholbedarf.

Noch ein Blick in die Bundesliga: Ihr Ex-Verein Eintracht Frankfurt ist in Abstiegsgefahr. Schafft die Eintracht mit Trainer Armin Veh den Klassenerhalt?

Ich hoffe es. Die Hinrunde war nicht gut, die Eintracht zu oft nicht auf Augenhöhe. Hoffentlich wird das mit den Neuzugängen besser. Aber etwas anderes macht mir größere Sorgen.

Verraten Sie es.

Der Abschied von Heribert Bruchhagen. Er ist der wichtigste Mann bei der Eintracht, hat endlich die nötige Seriosität hereingebracht. Ich hoffe, dass das nicht verloren geht. Eigentlich müsste Heribert Bruchhagen weitermachen.

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