Interview über mögliche Zeitstrafen im Fußball

Offenbachs Schiedsrichter-Boss: „Zehn Minuten Unterzahl nicht gravierend“

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Meckerei gegen den Schiedsrichter – wie hier bei einem Spiel von Espanol Offenbach – soll im hessischen Amateurfußball eventuell bald wieder eine Zeitstrafe zur Folge haben können. Entschieden ist aber noch nichts.

Zeitstrafen im Fußball? Volker Geupel, Schiedsrichterobmann des Fußballkreises Offenbach, hat dazu eine klare Meinung. 

Offenbach – Volker Geupel hat sie noch selbst erlebt – sowohl als Spieler als auch als Unparteiischer. Die Rede ist von der Zehn-Minuten-Strafe, die das Präsidium des Hessischen Fußball-Verbandes in seinem Einflussgebiet gerne wieder einführen will, um den Sittenverfall einzudämmen. Geupel, Schiedsrichterobmann des Fußballkreis Offenbach, spricht im Interview über die Vor- und Nachteile dieser Sanktionsmöglichkeit und erklärt, warum er eine andere Variante bevorzugt.

Was halten Sie von Zeitstrafen im Fußball?

Im Jugendbereich gibt es das ja immer noch. Dort wird das von keinem in Frage gestellt. Im Aktivenbereich war es früher zumindest ein gutes Mittel, um Hitzköpfe mal etwas abkühlen zu lassen. Man muss allerdings sagen, dass die Spieler, die früher eine Zeitstrafe kassiert haben, von den Trainern dann oft ohnehin ausgewechselt wurden, damit sie nicht Rot sehen. Eines ist aber auch klar: Die Möglichkeit, eine Zeitstrafe zu verhängen, darf nicht dazu führen, dass rotwürdiges Verhalten nicht mehr mit Rot geahndet wird.

Sie haben die Zeit, in der es die Zehn-Minuten-Strafe als Sanktionsmöglichkeit gab, selbst als Schiedsrichter erlebt. Was sind die Vorteile?

Man konnte mal einen Spieler kurz aus dem Rennen nehmen, der sich reingesteigert hatte. Es gibt ja Leute, die kommen aus 45 Metern Entfernung angerannt, um sich über einen Eckball oder Freistoß aufzuregen. In solchen Fällen wurde von den Schiedsrichtern gerne mal eine Zeitstrafe verhängt. Oder um nach einer Rudelbildung von jedem Team mal einen Spieler rauszuschicken.

Volker Geupel, Schiedsrichterboss im Fußballkreis Offenbach. 

Und wie hat man sich als Spieler verhalten, wenn man wusste, dass der Unparteiische einen für zehn Minuten vom Feld schicken kann?

Man war schon vorsichtiger, vor allem bei der Wortwahl. Meistens gab es Zeitstrafen ja wegen Meckerei. Aber gemeckert wurde damals insgesamt weniger. Auch gewisse Unsportlichkeiten kamen seltener vor. Dafür gingen sich die Spieler wie die Verrückten in die Knochen. Gefühlt gab es damals aber wesentlich weniger Rote Karten.

Wäre die Wiedereinführung der Zeitstrafe aus Ihrer Sicht daher sinnvoll?

Ich glaube, beim Handball oder Eishockey tut es eher weh, wenn ein Spieler temporär fehlt. Beim Fußball hingegen sind zehn Minuten Unterzahl grundsätzlich nicht so gravierend, wobei das natürlich auch auf die Position ankommt, auf der der draußen sitzende Akteur spielt. Im Prinzip bin ich aber mit der Gelb-Roten Karte, die ja quasi Nachfolgerin der Zehn-Minuten-Strafe ist, zufrieden. Vom Vorstoß des HFV-Präsidiums bin ich überrascht, weil mit uns in Offenbach darüber noch nicht diskutiert wurde.

Beim Rugby hat man mit der Zeitstrafe gute Erfahrungen gemacht...

Das stimmt. Ich bewundere diese Sportart und habe mir im vergangenen Jahr die WM im TV angesehen. Da gibt es Spieler, die zwei Meter groß sind und 120 Kilo wiegen. Aber keiner meckert, wenn der Schiedsrichter pfeift.

Worin liegen Ihrer Meinung nach die Vorzüge der Gelb-Roten Karte gegenüber der Zeitstrafe?

Die Zehn-Minute-Strafe hat weniger abschreckende Wirkung. Als Spieler nimmt man sie eher in Kauf, weil man ja nächste Woche wieder dabei ist. Ich würde lieber einführen, dass die Gelb-Rote Karte nicht nur in den höheren Ligen, sondern auch in den untersten Klassen eine Sperre von einem Spiel zur Folge hat. Darüber haben wir im Kreisfußballausschuss bereits diskutiert. Das würde dazu führen, dass sich einige kurz vor Schluss überlegen, ob sie sich Gelb-Rot abholen, nur um früher duschen zu können, weil das Wasser dann noch warm ist.

Wie beurteilen Sie die Erfolgsaussichten der Idee des HFV-Präsidiums?

Dafür wäre ja erst mal die Genehmigung des DFB erforderlich. Der Verbandstag im Juni wäre zumindest eine gute Möglichkeit für das HFV-Präsidium, seine Idee vorzustellen. Mit uns Schiedsrichtern hat noch niemand darüber geredet. Und die Leute denken ja oft, die Schiedsrichter machen die Regeln. Das ist aber nicht richtig. Das machen ein paar ältere Herren, die in England sitzen. Der Fußball lebt grundsätzlich davon, dass die Regeln verständlich sind. Man sollte daher nicht zu viele Regeln ändern.

Das Gespräch führte Christian Düncher

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