Hallenfußball

Als Ronaldo gegen die Kickers wirbelte

Zweikampf in der Halle: Kickers-Mittelfeldspieler Paul Koutsoliakos (Mitte) enteilt dem Freiburger Sascha Borodjuk. Rechts: OFC-Zugang Erdal Yildiz. Fotos (2): archiv

Da stand er nun, umlagert von Autogrammjägern: Ronaldo Luís Nazário de Lima, kurz Ronaldo. 18 Jahre, Wunderknabe. Stürmer der PSV Eindhoven, die das Teilnehmerfeld beim Hallenfußballturnier in der Frankfurter Ballsporthalle bereicherte. 

Offenbach – Brasiliens Supertalent, damals schon Fußball-Millionär und als „achtes Weltwunder“ gefeiert, tat das, was man von ihm erwartete: Er zauberte, sorgte mit seinen Kabinettstückchen für Ganzlichter. Auch auf Kosten des OFC, der sich zwar wacker schlug, den Niederländern aber mit 3:4 unterlag. Auch wenn der neunfache Torschütze in dem Spiel ohne Treffer blieb: Sein bestes Turnierspiel zeigte Ronaldo gegen die Kickers.

Vor 10 000 Zuschauern waren die Offenbacher dennoch eine Belebung für das Turnier. 80 Sekunden fehlten am Ende zum Halbfinaleinzug. 80 Sekunden, in denen sie ein 3:2 gegen Eindhoven noch verspielten. „Schade“, kommentierte Hallensprecher Rolf Töpperwien damals. OFC-Trainer Valentin Herr meinte: „Ich hatte etwas Angst, dass wir uns blamieren könnten, aber wir haben jedem Gegner Paroli geboten.“ Dem verpassten Halbfinaleinzug konnte er etwas Positives abgewinnen: „Sonst wären in Offenbach wieder Träume gesponnen worden.“

René Keffel, damals im OFC-Kasten und heute Torwarttrainer der Kickers, hat nur noch dunkle Erinnerungen an das Turnier. Womöglich auch, weil es kein Duell mit der Eintracht gab, die in der anderen Gruppe antrat und im Halbfinale am SC Freiburg scheiterte. Das Turnier gewann der 1. FC Nürnberg. „Es hat uns immer gefreut, gegen die Großen zu spielen. Die Duelle mit der Eintracht waren natürlich sehr motivierend“, sagt er.

Besonders als Torwart sei das Spiel in der Halle reizvoll. „Man hat viel mehr Aktionen als auf dem Feld. Und man muss nicht so viel mit dem Fuß machen, wie es heute üblich ist“, erzählt Keffel, der sich mit Thorsten Rohrbach im Tor abwechselte. „Wir hatten in der Halle keine Torhüter-Hierarchie.“

An ein anderes Turnier erinnert er sich besser. Als die Kickers 1999 in der Frankfurter Festhalle den Titel holten und sich damit als Amateurmannschaft für das Hallenmasters in Dortmund qualifizierten. Dem Halbfinalsieg über die Eintracht folgte das 5:4 im Endspiel gegen den Deutschen Meister 1. FC Kaiserslautern. - eine Sensation. Kickers Offenbach kehrte für ein Wochenende zurück in den Kreis der Großen.

Und das in einer Zeit, in der der Hallenfußball wieder „in“ war. Bundesligaprofis zum Anfassen boten einen unterhaltsamen Zeitvertreib. Amateure mit Lokalkolorit sorgten für reizvolle Derbys, deren Anhänger für noch bessere Stimmung in der Halle. „Der Hype war groß“, erinnert sich auch Keffel. Das schlug sich in den Zahlen nieder. So setzte der Deutsche Fußball-Bund bei den 19 Hallenturnieren im Januar 1995 20 Millionen Mark um, einschließlich dem Masters-Finale in München. Mehr als 100 Stunden Budenzauber flimmerten über die TV-Bildschirme, fast im Tagesrhythmus.

Vom damaligen Kult ist wenig übrig geblieben. Das Hallenmasters wurde 2001 eingestellt. Hallenfußball gibt es nur noch auf regionaler Ebene. Woran das liegt? „Es kümmert sich keiner mehr so richtig darum, der finanzielle Aufwand ist auch sehr groß und das Interesse gering“, meint Keffel. Das traditionsreiche Turnier in Frankfurt wurde 2015 letztmals ausgetragen. Organisiert von Ex-Eintracht-Spieler Gert Trinklein, der 2017 verstarb. Ein Jahr später wurde das Turnier in Mannheim, das letzte mit Profi-Beteiligung, aus dem Programm genommen.

Grund ist sicher auch der aufgeblähte Terminkalender der Vermarktungsmaschinerie Fußball. Einige Klubs zieht es im Winter-Trainingslager in wärmere Gefilde. Da bleibt keine Zeit für Budenzauber vor der Haustür.

VON JÖRN POLZIN

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare