„Schiedsrichtern fehlt Anerkennung“

Karsten Vollmar, bei einem Referat zum Thema Schiedsrichterwerbung in der Sportschule Grünberg.Foto: Dörr

Grünberg Die Schiedsrichter sind im Sport ein Dauerthema - im Fußball, Deutschlands Sportart Nummer eins, ganz besonders. Regelmäßige Kritik in den Medien, Respektlosigkeit von Spielern, Trainern und Funktionären sowie Beleidigungen und Hasstiraden der Fans sind im Profifußball weit verbreitet.

Auch in den Amateurligen haben die unparteiischen Regelhüter oft einen schweren Stand, obwohl sie hier meist aus ideellen Motiven an der Pfeife tätig sind.

Der Bad Hersfelder Karsten Vollmar (31), Mitglied des Verbands-Schiedsrichterausschusses im Hessischen Fußballverband (HFV) und dort verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit, äußerte sich im Interview zur Situation der hessischen Fußballschiedsrichter.

Herr Vollmar, erst vor kurzem wurde auch im Fußballkreis Offenbach wieder ein Spiel abgebrochen, weil der Schiedsrichter sich bedroht fühlte. Geschehen solche Vorfälle häufiger?

Solche Vorfälle sind schlimm, das nehmen wir sehr sensibel wahr - besonders wenn es um Tätlichkeiten gegen den Schiedsrichter geht, die in keinem Fall akzeptabel sind. Es sind aber eher Einzelfälle. Solche Vorkommnisse sind heute vor allem den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen geschuldet, die Frustration auf den Sportplätzen ist allgemein ziemlich groß. Dennoch müssen wir darauf achten, hier nicht zu verabsolutieren, da zumindest in den ländlichen Gebieten in Hessen die Fußball-Welt mit Ausnahmen noch in Ordnung ist.

Manch Unparteiischer bekommt bei bestimmten Spielen inzwischen Angst, auch weil er auf dem Sportplatz vom Heimverein in der Vergangenheit nicht immer geschützt wurde.

Das ist richtig, betrifft vor allem aber die unteren Klassen. Dort herrscht oft sogar Unkenntnis darüber, dass der Heimverein Platzordner zur Verfügung stellen muss. In den höheren Klassen ist der Schutz in den meisten Fällen gewährleistet - die haben aber auch mehr Möglichkeiten und Ressourcen.

Gibt es mehr Probleme mit Spielern aus anderen Kulturkreisen, mit Spielern mit Migrationshintergrund?

Auch hier gilt: Nicht alles ist so, wie es kolportiert wird. Ich etwa habe immer sehr gerne Spiele mit zum Beispiel türkischen Spielern gepfiffen. Dabei muss man sich als Unparteiischer auf die Mentalität des anderen einlassen. Wichtig ist aber auch, dass sich im Gegenzug die Spieler mit Migrationshintergrund an bestimmte Gepflogenheiten anpassen müssen. Machen beide Seiten mit, dann ist der Fußballplatz die beste Möglichkeit zur Integration überhaupt, und wir werben für dieses bessere Miteinander zwischen Spielern und Schiedsrichtern.

Wenn alles halb so wild ist, warum hören dann viele Schiedsrichter früh wieder auf mit dem Pfeifen?

Der Hauptgrund ist die fehlende Anerkennung. Der Schiedsrichter wird von vielen Vereinen als notwendiges Übel angesehen. Bei den Jugendspielen machen Eltern und Betreuer Schwierigkeiten - da werden dem 14-jährigen Jungschiedsrichter oft keine Fehler zugestanden, der eigenen Tochter oder dem eigenen Sohn hingegen sehr wohl. Viele hören im Alter von 17 bis 20 wieder auf - das hat auch mit dieser besonderen Zeit bei jungen Menschen zu tun. Da kommt die erste Freundin, muss der Schulabschluss gemacht werden. Uns fehlen aber eher die Schiedsrichter im mittleren Alter, so zwischen 30 und 40. Doch eines kann man sicher sagen: Diejenigen, die sich durchbeißen, profitieren extrem von der Pfeiferei.

Inwiefern?

Die Schiedsrichtertätigkeit zahlt sich ungemein bei der Persönlichkeitsentwicklung aus. Bei Vorstellungsgesprächen sind die jungen Leute nicht mehr aus der Ruhe zu bringen. Zudem übernehmen sie eine Vorbildfunktion, haben Karriereperspektiven, dürfen bei allen Fußballspielen in Deutschland kostenlos ins Stadion - und verdienen nebenbei noch etwas Geld.

Wobei die Spesen mit 10 Euro für ein Jugendspiel und 23 Euro für ein Kreisoberliga-Spiel knapp bemessen sind.

Klar steht die Bezahlung unserer Schiedsrichter in keinem Verhältnis zu der vieler Spieler und die Frage nach den richtigen Relationen ist eine ganz dringende. Wir müssen aber auch die finanzielle Situation vor allem in den vielen unterklassigen Vereinen zur Kenntnis nehmen - die kämpfen oftmals ums Überleben, und der Schiedsrichter-Ausschuss des Hessischen Fußballverbandes hat dies auch bei seinen Spesenvorschlägen im Blick. Doch auch in der Hessenliga pfeift kein Schiedsrichter wegen eines 50-Euro-Scheins. Das Geld spielt bei den meisten keine Rolle.

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