Amateurfußball

Verbandsliga-Umfrage: „Abwechslung wichtiger als Spielbetrieb“

Doppelfunktion: Dejan Alempic (rechts) ist beim SV Pars Neu-Isenburg Spieler und Trainer.
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Doppelfunktion: Dejan Alempic (rechts) ist beim SV Pars Neu-Isenburg Spieler und Trainer.

Niemand weiß, wie und wann es weitergeht mit dem Amateurfußball. Über die monatelange Pause, die Probleme und Perspektiven sprachen wir mit sechs Trainern sowie einem Sportlichen Leiter der sieben Verbandsligisten aus unserer Region.

Wie viel Fußball prägt aktuell Ihren Alltag?

Bastian Neumann (TS Ober-Roden): Wochenlang war Fußball in Bezug auf die Mannschaft auf ein Minimum reduziert bis überhaupt nicht vertreten, seit Januar bereitet man sich aber wieder auf die kommenden Aufgaben vor. Online-Lehrgänge und Weiterbildungen, Vereinsarbeit, Vorbereitungsplanung und Online-Gespräche mit Spielern finden wieder regelmäßig statt.

Dejan Alempic (SV Pars Neu-Isenburg): Fußball prägt mein Leben, da ich aus einer Fußballer-Familie komme, ob wir nur darüber sprechen oder im Fernsehen schauen. Aber es gibt auch wichtigere Dinge. Durch die Pandemie ist die Gesundheit an die erste Stelle gerückt.

Nick Janovsky (Spvgg. 03 Neu-Isenburg): Da ich auch noch Sportlicher Leiter bin, habe ich jeden Tag mit Fußball und im speziellen mit der 03 zu tun, aktuell vor allem.

Fabian Bäcker (Germania Ober-Roden): Sehr wenig. Die Samstag-Konferenz der Bundesliga ist eine willkommene Abwechslung, ersetzt aber nicht das Feeling, mit seiner Mannschaft zu arbeiten und um Punkte zu spielen.

Naser Selmanaj (SV Münster): Weniger als zuvor. Ich habe die Mannschaft im Kopf und mache mir Gedanken. Ich habe zwei Kinder, mein Sohn will jeden Tag Fußball spielen. Ich bin Fußballer und der Fußball prägt weiter den Alltag, aber eben nicht mit der Mannschaft.

Savas Erinc (SC 1960 Hanau): Der Fußball ist immer noch präsent, ich bin noch als Scout für die TSG Hoffenheim tätig, da sind wir noch intensiv in der Planung für die kommende Saison. In Hanau sind wir Amateure, da gibt es andere Prioritäten.

Andreas Humbert (Sportlicher Leiter des JSK Rodgau): Die Planungen für die neue Saison sind in vollem Gange. Sind die abgeschlossen, wird sich Fußball wieder stark reduzieren. Selbst im TV macht es aktuell nicht so viel Spaß.

Wie halten Sie Kontakt zu Ihren Spielern?

Neumann: Wir versuchen, über alle gängigen Medien regen Austausch zu halten.

Alempic: Über unsere Whatsapp-Gruppe und Zoom-Sitzungen.

Janovsky: Per WhatsApp oder Telefon. Da wir mit allen Gespräche bezüglich der neuen Saison geführt haben, haben wir auch mit allen Jungs erst kürzlich gesprochen.

Bäcker: Über WhatsApp-Gruppen und gelegentliche Telefonate. Da es keine Neuigkeiten gibt, was die Weiterführung betrifft, geht es aber meist um private Themen.

Selmanaj: Wir halten seit Beginn der Pandemie über die Social Media, via WhatsApp und Zoom Kontakt. Ich telefoniere auch oft mit Spielern.

Erinc: Wir telefonieren ab und an, wir hatten auch mehrere Zoom-Konferenzen. Anfangs haben wir auch gemeinsam trainiert, wichtig ist aber der Teamspirit und sich wieder mal zu sehen.

Humbert: In der Regel über WhatsApp. Persönliche Treffen sind sehr stark reduziert.

Wie halten sich Ihre Spieler derzeit fit?

Neumann: Wir haben den Spielern keinen Plan gegeben. So wurde das bei der letzten Trainingseinheit 2020 besprochen. Sobald wir wissen, dass ein Trainingsstart in Aussicht steht, werden die Spieler einen Vorbereitungsplan bekommen. Bis dahin wissen wir, dass Joggen, Kräftigung in Heimarbeit und ausgedehnte Spaziergänge alles sind, was die Jungs körperlich fordert.

Alempic: Wir halten uns zweimal pro Woche in intensiven Zoom-Trainings fit. Dazu muss jeder Spieler wöchentlich einen Lauf absolvieren.

Janovsky: Jeder individuell. Zumal kein Start absehbar ist. Ich vertraue den Jungs, dass jeder etwas macht.

Bäcker: In Eigenregie, da ein Plan keinen Sinn macht, solange es kein Ziel gibt.

Selmanaj: Zu Beginn des zweiten Lockdowns haben wir über eine App eine Challenge gemacht mit zwei bis drei Laufeinheiten pro Woche. Zum Glück habe ich Spieler, die in Selbstverantwortung einen gewissen Fitnessstand halten wollen. Die Spieler haben jetzt ihre Vorgaben, aber sie sind alle erwachsen und machen vieles für sich selbst.

Erinc: Anfangs hatten wir den Jungs einen Plan mitgegeben, mittlerweile macht es nach der langen Pause keinen Sinn, einen Plan zu erstellen, wir haben die Verantwortung den Jungs übergeben.

Humbert: Da ist viel Eigeninitiative gefragt. Unser Trainer hat eine Challenge ausgerufen, an der sich einige beteiligen.

Wie hoch ist der Qualitätsverlust eines Spielers und der Mannschaft nach einer so langen Pause?

Neumann: Nach vier, fünf Monaten Pause ist der körperliche Zustand wahrscheinlich so schlecht wie noch nie in den Werdegängen der Spieler. Es wird ähnlich wie im Sommer 2020 eine extrem lange Eingewöhnungszeit nötig sein, um sich an das Gefühl für den Sport, das Tempo und die Abläufe in allen Bereichen wieder zu gewöhnen.

Alempic: Mit der Problematik muss jeder zurechtkommen. Als Qualitätsverlust würde ich das nicht bezeichnen, eher als Konditions- und Athletikverlust. Negativ ist, dass unser nächster Hessenpokal-Gegner trainieren und spielen kann (lacht).

Janovsky: So eine lange Phase musste glaube ich noch keiner durchmachen, außer bei Verletzungen. Fakt ist: Individuell fit halten ist schon ein Unterschied zum „Fußball-Fit“ halten. Nach dieser langen Phase benötigt man eine normale fünf- bis sechswöchige Vorbereitungsphase.

Bäcker: Das wird man sehen, wenn es wieder losgehen sollte. Aber klar ist, dass man gerade im fußballspezifischen Teil einen hohen Nachholbedarf haben wird.

Selmanaj: Der Verlust ist sehr hoch, auch vom Kopf her. Als Fußballer ist man normalerweise durchgetaktet. Jetzt sind wir fast fünf Monate weg. Natürlich hält man sich fit, aber das ist eine andere Sache, der Teamspirit fehlt.

Erinc: Es wird einen hohen Qualitätsverlust geben, man weiß nicht, wo die einzelnen Spieler stehen. Die Priorität aber ist, endlich wieder auf dem Platz zu stehen und gemeinsam Fußball zu spielen.

Humbert: Aus der letzten Unterbrechung haben wir die Erfahrung gemacht, dass sich das recht unterschiedlich auswirken kann. Spieler reagieren sehr unterschiedlich. Je nachdem, wie die Aktivitäten des Spielers waren, war auch der Zeitaufwand, um wieder in eine gute Belastbarkeit zu gelangen. Abläufe, die sich das Team erarbeitet hatte, müssen natürlich neu angegangen werden, sind aber von den Handlungsmustern in der Regel noch präsent.

Fangen Sie bei der Vorbereitung bei null an?

Neumann: Ja, nach so einer langen Pause ist das auch nicht anderes zu erwarten.

Alempic: Bei null würde ich nicht sagen, wir haben ja noch unseren Verstand und Köpfchen und die werden für den Fußball auch gebraucht. Deswegen werden wir ein paar Dinge nur auffrischen.

Janovsky: Ja klar. Fit sein heißt nicht „Fußball-Fit“ sein.

Bäcker: Nicht komplett, da gewisse Abläufe schnell wieder da sein werden. Anders sieht es bei der Wettkampf-Praxis aus. Das wird Zeit benötigen und das halte ich für die größte Hürde.

Selmanaj: Das variiert von Spieler zu Spieler. Die Vorbereitung wird eine andere sein, vor allem mental.

Erinc: Ja, physisch und da den Jungs jede Spielpraxis fehlt.

Humbert: Nein. Der Anspruch an unsere Fußballer ist es, dass sie mit einer Grundfitness wieder ins Training einsteigen. Das Durchschnittsalter ist bei uns auch so, dass sich Anpassungen sehr schnell ergeben. Taktisch können wir auf eingespielte Abläufe zurückgreifen.

Wie wird das Training aussehen?

Neumann: Um Überbelastung in den ersten zwei bis drei Wochen zu vermeiden, muss der Trainingsplan zu 100 Prozent stimmen, aber auch die Vorbereitung der Spieler auf diese Belastungen muss passen. Jede Einheit wird von den Inhalten bis ins Detail geplant werden.

Alempic: Ganz normal mit viel Schweiß und mit dem Ball am Fuß. Jedoch kommt die Taktiktafel auch zum Einsatz.

Janovsky: Wir hätten Ideen für das Training, aktuell sehe ich aber kein Licht am Ende des Tunnels.

Bäcker: Kommt darauf an, wann was wieder erlaubt ist. Also wann beispielsweise wieder mit Vollkontakt trainiert werden darf. Aber wichtig wird sein, den Spaß wieder zurück zu bringen.

Selmanaj: Das kommt darauf an, wie viele Vorschriften es noch gibt, wie wir trainieren dürfen. Ganz wichtig ist die Trainingssteuerung, damit sich der Körper daran gewöhnt, dass er wieder einer gewissen Belastung ausgesetzt ist.

Erinc: Wir werden viel in den Bereichen Technik und Athletik tun und hier bei den Basics anfangen, sodass die Jungs eine gute Grundlagenausdauer haben. Natürlich darf der Ball nicht fehlen.

Humbert: Wohl dosiert mit Anpassung in mehreren Phasen. Eventuell ist es notwendig, in unterschiedlichen Gruppen zu arbeiten. Die einzelnen Fitnesszustände können so besser angeglichen und Verletzungen besser vermieden werden.

Wann wird wieder um Punkte gespielt?

Neumann: Wenn der leichte Trend anhält, könnten wir im besten Fall ab Mai die Hinrunde zu Ende spielen. Eine Vorbereitungszeit von sechs Wochen vorausgesetzt. Aber auch das halte ich für nicht realistisch. Letztlich steht der Spielbetrieb auch nicht im Vordergrund. Mir wäre es wichtig, die Vereine für den Sport wieder zu öffnen, um den Mitgliedern die ersehnte Abwechslung vom Pandemie geprägten Alltag zu bieten.

Alempic: Ich hoffe, dass es so schnell wie möglich wieder losgeht, die Lust ist groß.

Janovsky: Gute Frage, keine Ahnung.

Bäcker: Ich befürchte, diese Saison nicht mehr. Wenn ich bedenke, wie lange es 2020 gedauert hat, bis man normal trainieren konnte, kann ich mir vor Sommer keine Wettkämpfe vorstellen.

Selmanaj: Das darf gar nicht unser Gedanke sein. Wichtig ist, dass wir wieder auf den Platz können. Es ist ein Fehler, gleich wieder in den Wettbewerb zu gehen. Wir sind Amateure und können dem körperlich nicht standhalten. Du hast einen 18- bis 20-Mann-Kader, sechs Spieler sind angeschlagen, spielst vier Wochen im Rhythmus Sonntag-Mittwoch-Sonntag und darfst nur dreimal wechseln. Das funktioniert nicht.

Erinc: Ich denke, diese Saison nicht mehr, das macht wenig Sinn. Die Jungs brauchen mindestens einen Monat Vorbereitung, das wird von der Belastungssteuerung her sehr schwer. Wir sind nur Amateure, da sollten die Prioritäten anders liegen und die Saison annulliert werden.

Humbert: Wenn die dritte Welle durch ein mutiertes Virus einschlägt, vielleicht erst wieder im Juli/August.

Was nehmen Sie persönlich aus dieser Krise mit?

Neumann: Freude auf die Normalität, die wir mal hatten.

Alempic: Durch die Krise habe ich vieles schätzen gelernt. Ich bin dankbar, dass wir diesen großartigen Sport betreiben können und dürfen.

Janovsky: Das es Wichtigeres gibt als Fußball. Dennoch merkt man, wie sehr einem das fehlt und man gerne auch wieder ein Stück Normalität zurückbekommen würde.

Bäcker: Dass man Zeit, die man in der Mannschaft oder Gruppe hat, immer wertschätzen sollte. Der soziale Aspekt des Fußballs wird nicht hoch genug eingestuft.

Selmanaj: Auf der einen Seite hat mich die Krise sehr getroffen, unser Klamottengeschäft in Darmstadt ist seit Mitte Dezember geschlossen. Auf der anderen Seite will ich das Beste daraus machen. Positiv ist, dass man mehr Zeit mit der Familie verbringt.

Erinc: Ich habe gemerkt, dass Familie und Gesundheit das Wichtigste ist. Jeder sollte schätzen, was er hat, und nicht zu viel wollen.

Humbert: Es ginge in meinem Leben auch ohne Fußball, naja, vielleicht nicht ganz. Mir fehlt der Kontakt mit Gleichgesinnten, die Stadionwurst, die Emotionen und eben das, was unseren Sport so liebenswert macht. Wie wichtig auf einmal ein Friseur wird und wie schön es ist, sich mal in ein Cafe zu setzen, alles Selbstverständlichkeiten in der Vergangenheit, aktuell aber stark vermisst.

Die Gespräche führte Patrick Leonhardt

Nick Janovsky trainiert die Spvgg. 03 Neu-Isenburg. F: A2
Naser Selmanaj hat beim SV Münster das Sagen.
Savas Erinc coacht den SC 1960 Hanau.
Andreas Humbert, Sportlicher Leiter des JSK Rodgau. F: leo
Ober-Roden I: Fabian Bäcker coacht den FC Germania. F: ey
Ober-Roden II: Bastian Neumann ist Trainer der TS. F: ey

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