Beleidigung auf "unterstem Niveau"

Kommentar: Eskalierter Polizeieinsatz nur wegen vulgärer Wortwahl?

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Plakat der Fans des 1. FC Magdeburg beim Spiel gegen den SC Paderborn.

Frankfurt - Mehrere Tage ist es nun her, dass die Polizei mit zwei umstrittenen Einsätzen beim Spiel der Eintracht gegen Donezk im Frankfurter Waldstadion für Aufsehen gesorgt hat. Die Kontroverse um den Einsatz geht jedoch weiter. Von Niels Britsch

Ein Interview von Vereinspräsident Peter Fischer hatte die Polizei zum Anlass genommen, vor der Europapokal-Partie gegen Donezk die Kurve und Räume der Ultras von Eintracht Frankfurt zu durchsuchen. Gefunden wurde bei der Razzia allerdings nichts. Die Polizei hatte die Sätze Fischers als Aufruf zum Abbrennen von Pyrotechnik missverstanden, obwohl der Eintracht-Präsident seine unglückliche Wortwahl klargestellt hatte. Ein Missverständnis, könnte man meinen. Immerhin sind Teile der Frankfurter Fans für ihre Zündeleien bekannt. Aber ob die Maßnahme verhältnismäßig war, ist dennoch auch Tage später die große Frage, denn Kennern der Szene war klar, dass die Ultras angesichts der Bewährungsstrafe der UEFA vorerst auf Pyrotechnik verzichten würden - zumindest bei Europapokalspielen. Der Frankfurter Polizeipräsident verteidigte allerdings in einem Interview weiterhin den Einsatz.

Doch die Situation eskalierte auch erst nach den Durchsuchungen vollends: Aus Protest gegen die polizeilichen Maßnahmen fertigten die Eintracht-Fans ein Banner, das die Polizei kurze Zeit später unsanft beschlagnahmte. Videos zeigen, wie Beamte gegen Fans gewalttätig vorgehen, es soll zwei Verletzte gegeben haben - allerdings ist auf den Clips nicht zu sehen, was vorher passiert war. "Das sichergestellte Banner hatte einen Wortlaut auf unterstem, beleidigendem Niveau, das wir hier nicht wiedergeben wollen", begründete die Polizei auf Twitter die Beschlagnahmung. Viele Fans fragten sich daraufhin, was auf dem Banner Schlimmes stand, das einen solchen Einsatz rechtfertigte? "Beuth, der Ficker fickt zurück", war die Botschaft. Sicher eine wenig vornehme Wortwahl, doch eine Beleidigung auf "unterstem Niveau"?

Fans solidarisieren sich mit Eintracht-Anhängern

Schauen wir uns den Ausdruck jenseits juristischer Einschätzungen einmal an: Laut Duden ist ein Ficker "jemand, der (häufig) Geschlechtsverkehr hat". Also eine - zugegebenermaßen vulgäre - Umschreibung für einen anscheinend potenten Menschen, der sexuell sehr aktiv ist. Eigentlich also doch fast wieder irgendwie auch ein Kompliment - zumindest für viele Männer. Der Begriff Wichser könnte demgegenüber viel mehr als Beleidigung angesehen werden, handelt es sich dabei doch um einen Mann, der es sich mangels Gelegenheiten (oder Fähigkeiten) selber besorgen muss. Sexualisierte Sprache kann beleidigend sein, muss es aber nicht. Der Spruch mit den F-Worten auf einem Banner ist wohl kaum dermaßen ehrverletzend, dass ein solcher Polizeieinsatz damit zu rechtfertigen wäre.

Zumal die Frankfurter Polizei mit der Sicherstellung des Banners das Gegenteil erreichte: Anstatt die vulgäre Botschaft versteckt zu haben, tauchte sie dann am Wochenende in zahlreichen Stadien auf, denn Fans anderer Vereine solidarisierten sich mit den Anhängern von Eintracht Frankfurt. Sie zeigten Banner und Plakate, die den hessischen Minister mit ebenjenem Ausdruck belegten. Aus keinem einzigen Stadion ist bislang bekannt, dass die Polizei dagegen vorgegangen wäre.

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Dass in Fußballstadien der Tonfall rauer ist, müsste der Frankfurter Polizei bewusst sein, trotzdem schreiten Beamte nicht jedes Mal ein, wenn Gegner oder Schiedsrichter unflätig beleidigt werden - obwohl die Beschimpfungen oft das Niveau des Banners von Donnerstag weit unterschreiten. Auch bei rassistischen Pöbeleien sind solch eskalierte Einätze wie der von Donnerstag nicht bekannt. Dabei wäre es doch viel sinnvoller, gegen rechte Dumpfbacken in den Stadien vorzugehen, als gegen Fans, die ein vergleichsweise harmloses Banner gegen einen Minister hochhalten wollen. 

Mit dem Eingeständnis eigener Fehler könnte die Frankfurter Polizei etwas die Schärfe aus der Diskussion nehmen. Doch davon ist bisher nichts zu erkennen, auch wenn der Polizeipräsident ankündigte, den Einsatz reflektieren und aufarbeiten zu wollen.

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