„Alles, was ich bin, ist hier“

Eintracht-Fans und ihre Liebe zur launischen Diva vom Main

+
Meisterfeier in Frankfurt nach dem Titel-Gewinn 1959.

Frankfurt - Das Leben als Fan von Eintracht Frankfurt – Othmar „Doc“ Herrmann beschreibt es als „langsam progredierende Krankheit, die nicht heilbar ist, aber auch nicht zum Tode führt“. Für Ronald Reng ist jede Unterhaltung über seinen Lieblingsverein wie „warmes Bad“. Von Michael Eschenauer

50.000 Mitglieder und über 750 Fan-Clubs zählt der Traditions-Fußballverein. Nicht wenige davon sind echt „hardcore“. Jetzt ermöglicht das Projekt „Weil wir dich alle Lieben“ des Eintracht-Museums einen Einblick in ihre wundersame Welt.

Was macht die launische Diva vom Main für ihre Anhänger so faszinierend? Auf der Suche nach einer Antwort haben der Historiker Dr. Holger Köhn und der Diplom-Designer Christian Hahn vom Büro für Erinnerungskultur in Babenhausen 40 langjährige Fans der SGE in bis zu einstündigen Interviews zu ihrer Beziehungskiste mit der Eintracht befragt. Ergebnis: Die vom Morbus Eintrachtiensis Befallenen wissen genau, dass ihr Treiben für normale Menschen kaum nachvollziebar ist. Sie genießen es trotzdem und wollen es niemals missen. „Wir haben die Interviewpartner so ausgesucht, dass sich die echten Freaks mit den Normalos in etwa die Waage halten“, berichtet Matthias Thoma, der Leiter des Eintracht-Museums.

Ganz weit hinaus aufs Meer der Hingabe rudert in den Interviews der Eintracht-Fan und einstige „Einpeitscher“ Jürgen „Seemann“ Vieth. Sein Spitzname rührt her von einer Art Wellenbrecher, von dem aus er die Fangesänge dirigierte. Viele Fans, so Vieth, hätten die Idee im Hinterkopf, wenn sie schon irgendwann sterben müssten, dann solle dies am besten im Stadion geschehen. Und zwar „bei irgendeiner aufregenden Szene“. Er habe schon von einigen gehört, die sich hätten einäschern und anschließend „an der Wintersporthalle, wo früher der G-Block war, als Asche ausschütten lassen“. Für ihn ist das durchaus nachvollziehbar. Bestechendes Argument: „Lieber lieg’ ich da, wo ich mein Leben verbracht habe, als auf dem Südfriedhof. Da kennt ich ja keinen.“

Im legendären G-Block standen im alten Waldstadion nur die ganz Harten. Dass bei Beerdigungen Eintracht-Trikots, Wimpel oder Schals mit in die Grube fliegen, hat Vereinskollege und langjähriger Fan-Akivist Siegfried Endrikat schon häufiger erlebt. Für den Psychiater Professor Dr. Johannes Pantel, den die beiden Ausstellungsmacher bei ihrem Blick in die Fan-Köpfe um Beistand gebeten haben, ist es „nur konsequent, dass man wie bei langen Partnerschaften oder Beziehungen sagt: Dies ist ein so starker Teil meiner Persönlichkeit, dass das auch nach meinem Tod Auswirkungen hat.“ Den Vogel schießt bei Gedankenspielen um den Tod allerdings ein Fan ab, der sich einäschern und die Asche zu einem Diamenten pressen lassen will. Der Edelstein soll dann in einer Eintracht-Fahne eingenäht werden, so dass der Verstobene auf immer bei jedem Heimspiel dabei ist. Es sind die Gänsehaut-Gefühle, die Emotionen, das adrenalingesättigte Mitfiebern, die die Fans bei der Stange halten. „Das ist einfach Gänsehaut pur, wenn die Hymne ‘Schwarz-Weiß wie Schnee’ ertönt“, sagt Jens Streit. Außerdem könne man bei Leidenschaft und Entspannung auch mal „die Sau rauslassen“. „Doc“ Hermann, Eintracht-Historiker und passionierter Devotionaliensammler, würde gar nicht erst ins Stadion gehen, wenn die Emotionen fehlten. Und Tom Leichum pflichtet bei: „Dass sich bei den Toren alles um den Hals fällt, das hat eine unheimliche Kraft“.

Projekt des Vereinsmuseums

Für „Seemann“ Vieth begann das Leben als Eintracht-Fan, als er vor vielen Jahren vor dem damaligen G-Block stand. „Es war die Kurve, es waren die großen Fahnen und gar nicht so das Spiel“, das ihn fasziniert habe. Auch Psychologe Pantel sieht „in der Flucht aus dem Alltag“ den entscheidenden Reiz der Fankultur. „Ich darf meine Emotionen offen zeigen, mich enthemmt verhalten. Ich zieh’ mich verrückt an, ich schminke mich, ich lass’ meine Emotionen raus, ich schreie, ich schimpfe – all das ist im Stadion akzeptiert.“

Der Autor mehrerer Fußball-Bücher des Jahres, Ronald Reng, sieht allerdings jenen berauschenden Cocktail an Emotionen gefährdet. Diese typische Atmosphäre gehe verloren, wenn die Menschen nicht mehr in die Stadien kämen, um ihre Mannschaft zu unterstützen und eben diese Stimmung zu erschaffen, sondern nur noch um sie zu passiv erleben. „Dass Leute als Mitglieder eines Stammes ins Stadion gehen und diese Stimmung über 90 Minuten vorantreiben. Das wird aufgrund der Entwicklung des Fußballes zum Event weniger werden“, sagt er. Unumstritten gilt für alle Interviewteilnehmer, was Britta Merle sagt: „In keinem Stadion der Welt ist es so schön wie hier.“ Merle steht für das Geschlecht, dessen Rolle als Fan sich über die Jahre verändert hat.

Nicole Selmer, Fach-Journalistin und Autorin, stellt zwar für die Gegenwart fest: Dass Fußball zwar auf den ersten Blick eine Männerwelt sei, dies sich aber beim näheren Hinschauen als Fehleinschätzung entpuppe. In der Vergangenheit habe man die Frauen allerdings systematisch ausgeschlossen. „Es gab ein deutliches Signal: Das ist eine Welt, in die du nicht gehörst.“ Heute gebe es zwar noch immer einen kurzen „Verblüffungsmoment“, wenn sich Frauen in Gespräche über Fußball einschalteten, dann aber gehe die Unterhaltung ganz normal weiter. Zumindest in den 50er bis 70er Jahren, das zeigen die Interviews deutlich, hatten Frauen auf dem Fußballplatz im Grunde aber nichts zu suchen. Käthe Jopeck erinnert sich mit den Worten „es war nicht einfach“ an jene Zeit. Wenn es hoch kam, seien drei bis vier Frauen bei den Spielen dabeigewesen. Heute habe sie den Eindruck, dass mehr Frauen als Männer die Stadien füllen würden.

Bilder: Eintracht-Fans früher und heute

Ähnliche Erfahrungen hat auch die langjährige Fan-Aktivistin Susi Leister-Schmidt gemacht. „Als man im ersten Bundesligajahr von Dynamo Dresden 1991/92 mit dem Zug nach Dresden gefahren sei, sei sie die einzige Frau im Eintracht-Block gewesen. Helmut „Sonny“ Sonneberg erinnert sich, dass „zehn bis fünfzehn Jahre nach dem Krieg höchsten fünf Prozent Frauen im Stadion gewesen seien. Der Fanforscher Robert Claus spricht auch mit Blick auf die Gegenwart von einem „wahnsinnig männerdominierten Business“ mit einem „männlich ausgerichteten Wertekanon“. Bis heute gebe es bis auf Bibiana Steinhaus keine einzige Schiedsrichterin im oberen Ligabereich. Gleichzeitig seien Schätzungen zufolge 30 bis 40 Prozent der heutigen Stadionbesucher Frauen. In der Szene der „Ultras“ und Hooligans gebe es das weibliche Geschlecht praktisch nicht, dort würden Frauen gar nicht erst aufgenommen. „In diesen von Gewalt geprägten Bereichen ist kein Raum für Frauen“, so Experte Claus

Ein drastisches Beispiel für die offensichtlich noch immer latent vorhandene Frauenfeindschaft bei männlichen Fans nennt Anhängerin Sabine Claudia Klug: Es gebe noch immer eine Fankneipe in Frankfurt, wo ein Plakat mit dem Schriftzug „Fotzen raus aus der Kurve!“ hängen dürfe. Die Analye der Projektmacher lässt keinen Zweifel: Der Morbus Eintrachtiensis befällt auch Frauen. Die Eintracht sei „Teil von meinem Leben, ich glaube, ich würde die Eintracht über ganz viele andere Sachen in meinem Leben stellen“, sagt Susi Leister-Schmidt, und Marianne Bartl pflichtet bei: „Das Gefühl hat sich nie geändert, in guten wie in schlechten Zeiten.“ Sabine Claudia Klug dreht die Schraube noch fester: „Das ist einfach mein Leben, ich muss ins Stadion. Alles was ich bin, ist hier.“ Eine Steigerung der Bindung ist kaum vorstellbar.

Auch „Seemann“ Vieth spricht in seinem Interview offen von einer Beziehung: „Negative Dinge können auch sehr zusammenschweißen.“ Und weiter: „Die Eintracht liebt mich nicht, aber ich liebe die Eintracht, und ich liebe die Leute, die da sind.“ Niemand sei perfekt, so Vieth weiter – deshalb: „Die Eintracht spiegelt für einen Großteil der Leute das eigene Leben.“ Harry Schwarz, er hat noch Spiele Anfang der 1940er Jahre am Riederwald erlebt, bezeichnet sich nicht als bloßer Fan, sondern als „Verehrer“. „Sonny“ Sonneberg läuft auf der gleichen Spur: „Ich hab zu meiner damaligen Freundin gesagt: Nur damit du Bescheid weißt, ich treff mich gerne mit dir, ich hab’ dich auch gern. Aber alle 14 Tage sonntags hab’ ich um 3 Uhr eine Verabredung mit meiner Heißgeliebten im Waldstadion.“ Bei dem alten aktiven Fan Siegfried Endrikat geht die Liebe buchstäblich unter die Haut. „Im Spaß“ sagt er im Interview: „Wenn ich als Vereinsmanager einen neuen Spieler verpflichten würde, müsst der sich als erstes das Vereinslogo auf die Brust tätowieren. Und wenn er wieder weggeht, kriegt er es rausgelasert, damit’s richtig weh tut.

Fehlbarkeit als Grund für Sympathie

Dem ebenfalls eintrachtverliebten evangelischen Pfarrer im Ruhestand, Hartmut Benner, gelten die tiefen Bindungen als ein Stück Glaubensersatz. „Man holt sich ein Stück ins Leben, eine Stütze, einen Halt, den andere Menschen vom Glauben her haben.“ Er sebst bezeichnet sich als „verrückt“, wenn es um diesen Verein geht. Ein Glauben der sich aus Quellen speist, die über die sportliche Leistung hinausgehen. Ronald Reng fasziniert, dass dies „mehr ist als ein Spiel: es ist eine Spielwiese des Lebens.“ Im Anschluss formuliert er den vielleicht entscheidenden Satz bei der Suche nach einem Motiv für die Faszination des Fußballs im Allgemeinen und der Eintracht im Besonderen: „Wir spüren hier viel deutlicher Liebe, Hass, Begeisterung, Euphorie, Traurigkeit als in den meisten anderen Lebenssituationen“. Viele erlebten hier „Extremsituationen“. Fußball sei die „Verstärkung der Lebensgefühle“.

Die Eintracht fängt ihre Fans mit einer Art Doppelschlinge: Einerseits ärgert man sich über die Misserfolge, mit denen man immer rechnen muss, andererseits ist es gerade die Fehlbarkeit, die Unperfektheit, die Sympathie weckt. Thomas Paul, er moderiert regelmäßig die Sendung „Fanomania“ auf „Radio X“: „Schon seit Jahren wollen sie mit den großen Hunden pissen gehen und kriegen das Bein nicht hoch. Und das ist das Schöne an Eintracht Frankfurt. Das liebe ich an dem Verein.“ Die Frage, ob am Ende der 90 Minuten ein Sieg oder eine Niederlage steht, ist zwar von gewisser Bedeutung, aber nicht entscheidend. Ganz anders sieht es bei den persönlichen Bindungen aus. Für Markus Baumhackel ist das „Besondere die Atmosphäre, und Freunde wieder zu treffen.“ Tom Leichum: „Die Menschen, denen ich hier begegne, sind für mich auch Eintracht. Wenn ich zu einem Spiel gehe, ist das immer eine Freude, ganz viele mehr oder weniger wunderbare Menschen zu treffen.“

Fanproteste gegen Montagsspiel der SGE gegen Leipzig

Psychologe Pantel bezeichnet die Chemie der Gruppe als entscheidend. Sie sei „eine Art Resonanzboden, in dem die Gefühle von Erfolg, Misserfolg, Freude, Leid, und Rausch aufgepusht und viel intensiver erlebt werden“. Dass diese Gruppe aus „Glücksspielern“ besteht, macht Tom Leichum deutlich. So ein Spiel, merkt er an, sei genau wie im „prallen Leben – man weiß nie, wie es ausgeht.“ Auch Psychologe Pantel benutzt den Begriff „Glücksspiel“. Der Fan „setzt zehn Mal auf Rot und verliert zehn Mal“. Es sei aus der Lernpsychologie bekannt, dass das positive Erlebnis am Ende, also der Sieg oder das rettende Tor, „umso intensiver wirkt und erlebt wird, je unvorhersehbarer das ist.“

Die Installation mit den Interviews „Weil Wir Dich Alle Lieben“, wurde von der Deutschen Fußball Liga unterstützt und ist bis 8. April im Eintracht Frankfurt-Museum, Commerzbank Arena (Mörfelder Landstraße 362) zu sehen.

„Seemann“ Vieth gibt zu Protokoll, er habe „mehr schlechte Spiele der Eintracht erlebt als gute“ und dürfte eigentlich gar kein Fan sein. Aber darauf komme es gar nicht an. Siegfried Endrikat nennt die Eintracht „eine große Wundertüte“. Klar, vom Titel Deutscher Meister träumen sie alle in den Interviews – allerdings mit einer großer emotionalen Distanz. „Dafür müsse man 200 Jahre alt werden“, sagt Endrikat. Käthe Jopek schätzt, dass es vielleicht im Jahre 2030 passieren könnte, sie das aber nicht mehr erleben werde. Susi Leister-Schmidt setzt auf unterschüterlichen Optimismus: „Am ersten Spieltag kann ich immer noch die Hoffnung haben, Deutscher Meister und DFB-Pokalsieger zu werden solange ich in der 1. Liga bin.“ Und Ronald Reng weiß: „Es muss einfach so sein. Wir sind nahe dran, wir sind nahe dran...“

Pyrotechnik und Protestbanner

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare