Remis

Noch immer ist Eintracht Frankfurt auf der Suche nach der richtigen Balance 

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Andre Silva (rechts) gegen Maximilian Eggestein.

Noch immer ist die Mannschaft von Eintracht Frankfurt nicht richtig austariert. 

Natürlich hat sich der Hase danach in den Staub geworfen, es hätte nur gefehlt, die Neunschwänzige herauszuholen und sich selbst zu geißeln. Es sei seine Schuld gewesen, seine große Schuld, sagte Makoto Hasebe, es tue ihm Leid für die Mannschaft. Und der 35-Jährige, so ist er nun mal der Japaner, hat Wiedergutmachung versprochen: „Jetzt muss ich nach der Länderspielpause die zwei Punkte selbst holen.“

Tatsächlich hatte Eintracht Frankfurt am Sonntag beim 2:2 gegen Werder Bremen die zwei Punkte nicht nur verloren, weil Hasebe in der Nachspielzeit einen Strafstoß verursacht hatte, das kann passieren, sondern weil er zuvor einen weiten Abschlag von Torhüter Jiri Pavlenka unterschätzt hatte. Normalerweise klärt einer wie Hasebe dies in aller Souveränität, so wie er das zuvor in den 90 Minuten in deutlich schwierigeren Situationen überragend getan hatte. Aber auch das ist nichts Außergewöhnliches: Dass nämlich der beste Mann den entscheidenden Fehler macht.

Zur Wahrheit gehört aber ebenfalls: Hätten seine stürmenden Kollegen nur jede dritte ihrer Möglichkeiten genutzt, wäre der Elfmeter eine Petitesse gewesen, nicht mehr als eine schnöde Ergebniskorrektur, die am klaren Frankfurter Sieg nichts geändert hätte.

Eintracht Frankfurt: Viele empfinden 2:2 gegen Bremen als Niederlage

Erstaunlich war aber schon, dass Eintracht Frankfurt die Partie derart lange derart deutlich dominiert hatte: 36 Flanken schaufelten die Außen in den Strafraum, 24 Schüsse gaben die Profis ab, 57 Prozent Ballkontrolle hatten die Hessen - und das alles drei Tage nach einem anstrengenden Spiel im Norden Portugals inklusive Reisestrapazen. Moral und Mentalität dieser Frankfurter Mannschaft stimmen weiterhin, auch körperlich ist das Team topfit, um wahlweise „Einbahnstraßenfußball“ oder „Powerfußball“ zu spielen, wie Trainer Adi Hütter hinterher lobte.

Sie ist sogar so fit, dass der Coach darauf verzichtete, sein Wechselkontingent auch nur annähernd auszuschöpfen: Er brachte lediglich Mijat Gacinovic sechs Minuten vor dem Ende. Vermutlich wäre ein defensiver Wechsel nach dem 2:1-Führungstor durch André Silva (88.) sinnvoll gewesen, um frische Kräfte zu bringen und Zeit von der Uhr zu nehmen. Er habe einen Wechsel nicht für notwendig erachtet, erklärte Coach Hütter, physisch sei die Mannschaft auf dem Damm gewesen, dazu habe er „den Spielfluss nicht stören“ wollen.

Eintracht Frankfurt gegen Werder Bremen: Einzelkritik

Weil der letzte Eindruck haften bleibt, überwiegt in Frankfurt die Enttäuschung - herrschte im vorletzten Heimspiel gegen Borussia Dortmund noch das Gefühl vor, 2:2 gewonnen zu haben, so empfanden viele dieses 2:2 als Niederlage. „Wir hätten einen Sieg verdient gehabt“, sagte Mittelfeldspieler Djibril Sow, der weiterhin aufsteigende Tendenz zeigt. Die Eintracht lieferte ihr bislang bestes Saisonspiel ab. „Mir geht es um die Entwicklung der Mannschaft, darüber mache ich mir mehr Gedanken als um die Punkte“, befand Trainer Hütter.

Eintracht Frankfurt: Defensive ist anfällig

Aber auch ihm ist natürlich aufgefallen, dass die Mannschaft noch immer nicht richtig austariert ist, die Balance stimmt noch nicht. Vor allem: Die Eintracht muss einen gewaltigen Aufwand betreiben, um sich Chancen zu kreieren, sie muss viele, viele Kilometer abspulen, muss viele Pässe spielen, um in die gefährlichen Zonen zu gelangen. Immerhin: Die Profis haben diese Möglichkeiten, nutzten aber zu wenige davon. „Uns fehlen 57 Tore“, erinnerte Hütter erneut an das Fehlen des so treffsicheren Trios Jovic, Haller, Rebic. 

Auch der angeschlagene Bas Dost hätte der Elf mit seiner Wucht, Größe und Präsenz gut getan. Und obwohl die aktuellen Stürmer bislang acht der elf Frankfurter Bundesligatore erzielt haben, entwickeln sie nicht diese gnadenlose Torgefahr wie ihre - allerdings auch stärkeren - Vorgänger. Dazu kommt: Während die Eintracht immense Anstrengungen unternehmen muss, sich Chancen zu erspielen, kommen die Gegner ihrerseits relativ einfach zu gefährlichen Aktionen - oft genug zentral durch das mit Sow, Sebastian Rode, Daichi Kamada sehr offensiv ausgerichtete Mittelfeld. Da ist Feinabstimmung vonnöten.

Franck Ribéry bestätigt: Eintracht Frankfurt war im Sommer an ihm interessiert

Problematisch wird es dann, wenn die Eintracht eben nicht in Führung geht, trotz spielerischer Überlegenheit im Mittelfeld. Denn defensiv, das hat die Partie gegen ersatzgeschwächte Bremer gezeigt, ist Eintracht Frankfurt anfällig - wenn nicht die reinen Bälleklauer Gelson Fernandes oder Dominik Kohr ihre Füße im Spiel haben. Mit ihnen wirken die Hessen in der Rückwärtsbewegung stabiler, siehe etwa die Partien bei Vitoria Guimaraes (1:0) oder Union Berlin (2:1). Diese Stabilität geht aber bislang noch zu Lasten der Offensive, nach vorne geht dann deutlich weniger. Das ist momentan die Krux bei Eintracht Frankfurt und dem bevorzugten 3-2-3-2-System: Offensiv ausgerichtet - zu viele Gegentore, Defensive gestärkt - zu wenige Aktionen nach vorne.

Nach der Pause kommt es knüppeldick für eintracht Frankfurt

Dennoch ist Adi Hütter mit dem bislang Erreichten zufrieden. Elf Punkte, Platz neun, im Pokal in der zweiten Runde, in der Europa League in der Spur, dazu ist der Kader breiter aufgestellt - das alles gefällt dem Fußballlehrer im Grundsatz. Und doch trauert er den zwei liegengelassenen Zählern nach. „Mit 13 Punkten hätte ich von einem Topstart gesprochen, mit 13 Punkten hätten wir uns den oberen Plätzen annähern können“. Nach der Bundesligapause freilich kommt es knüppeldick für die Hessen, Leverkusen (H), Mönchengladbach (A), Bayern (H) heißen die nächsten drei Gegner.

Von Thomas Kilchenstein

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