Eintracht Frankfurt

Wie aus verschüchterten Profis „Mentalitätsmonster“ werden

Frankfurts Spieler jubeln nach dem Tor zum 1:0 durch Daichi Kamada (r).
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Frankfurts Spieler jubeln nach dem Tor zum 1:0 durch Daichi Kamada (r).

Die Wandlung der Eintracht im Europacup. Nach dem 4:1 gegen Salzburg hat die SGE gute Chancen aufs Achtelfinale.

Frankfurt - Was passiert da eigentlich, wenn das Flutlicht in der Frankfurter Arena angeht und Europapokal gespielt wird? Die fast regelmäßige Verwandlung der Eintracht-Mannschaft überrascht und verblüfft immer wieder aufs Neue. Da wird aus einer mutlosen, höchstens durchschnittlichen, spielerisch sogar minderbemittelten Mannschaft wie zuletzt in Dortmund (0:4) auf einmal eine selbstbewusste, von Talenten gesegnete, kombinationssichere Gemeinschaft, die den FC Salzburg mit 4:1 (2:0) aus dem Stadion fegt und dabei sogar noch einen höheren Sieg verpasst. Da werden aus verschüchterten Spielern, die kaum Gegenwehr leisten innerhalb von weniger als einer Woche auf einmal Mentalitätsmonster, die eine Wucht entwickeln, dass es ihrem Trainer „warm ums Herz wird.“ Und nicht nur Adi Hütter war begeistert. Die Frankfurter Anhänger gingen einmal mehr berauscht von einer „magischen Nacht“ nach Hause und dürfen nun von weiteren Europapokalauftritten träumen. Das Achtelfinale ist ganz nahe. „Wir haben unsere Ausgangsposition deutlich verbessert“, blieb der Trainer noch vorsichtig. „Das Weiterkommen wird erst in Salzburg entschieden, dabei bleibe ich“, mahnte Sportvorstand Fredi Bobic in der Stunde des Triumphes. „Wir müssen aufpassen“, glaubt auch Manager Bruno Hübner vor dem Rückspiel am nächsten Donnerstag.

Trainer Hütter hatte seine Mannschaft im Spiel gegen seine eigene Vergangenheit (einst Spieler und Trainer in Salzburg) auf den Punkt genau präzise vorbereitet ins Spiel geschickt. Die Taktik hatte gestimmt, die Personalauswahl auch. „Ich hatte ein ganz gutes Händchen“, sagte der 50 Jahre alte Fußball-Lehrer später lächelnd. Das war vor allem auf den dreimaligen Torschützen Daichi Kamada gemünzt. Der Japaner durfte diesmal wegen seiner „Spielstärke“ von Beginn an ran. Dass er gleich dreimal getroffen hat, gehört zu den Mysterien des Frankfurter Europapokal-Schaffens. Kamada ist die Personifizierung des Unterschieds. Denn in der Liga trifft er nicht, bislang kein einziges Mal in dieser Saison. Dafür in der Euro-League nun schon zum fünften Mal. Einmal mit rechts zum 1:0, einmal mit links zum 2:0, einmal mit dem Kopf zum 3:0. Zuvor zweimal beim 2:1 bei Arsenal London.

Kamada war wahrlich nicht der einzige, der ein anderes Gesicht gezeigt hat. Die beiden Außenverteidiger Almamy Touré und Evan Ndicka können plötzlich auch stürmen und vorbereiten. Touré hat den ersten Treffer eingeleitet, Ndicka den dritten. Gerade Ndicka hatte so viele gute offensive Szenen wie sonst in einem Monat nicht. David Abraham hat um Längen besser gespielt als noch in Dortmund. War er dort nach einer misslungenen Grätsche vor einem Gegentor im Netz noch verspottet worden, konnte er diesmal mit einer „Monstergrätsche“ einen Gegentreffer verhindern. Als habe er in Dortmund nur für Salzburg trainiert. Die Eintracht, die auswärts nur noch Fußball arbeitet und in Dortmund nicht einmal dies getan hatte, ist zu Hause wie auf Knopfdruck in der Lage Fußball zu spielen.

Der Ball lief gegen Salzburg in der zweiten Halbzeit wie am Schnürchen durch die eigenen Reihen. Neben Kamada (23) sicher auch ein Verdienst von Makoto Hasebe (36). Der älteste Frankfurter Profi ist der beste Fußballer und darum im Grunde unverzichtbar. Wie gut das fußballerisch gehen kann, zeigt auch die Entwicklung von André Silva. Er hat zwar kein Tor geschossen, aber wieder eines vorbereitet, das 4:0 von Filip Kostic, und sehr gut gespielt. Ist die Mannschaft in der Lage Lösungen zu finden, um den Ball bis in die Spitze zu bringen, den Ball bis zu ihm zu bringen, ist der Portugiese in der Lage auch was draus zu machen. Das sind Einzelbeispiele, die in ihrer Gesamtheit zu einer totalen Gesichtsveränderung geführt haben.

Unterstützt und befeuert wird das ganze vom Publikum. Auch ohne die sowieso überflüssige Pyro und ohne Wunderkerzen, die von der UEFA unverständlicherweise verboten worden waren, sprang der sportliche Funke von den Rängen auf den Platz über – und umgekehrt. „Wir waren bissig und griffig, die Fans waren beeindruckend und haben uns beflügelt“, fasste Trainer Adi Hütter zusammen. Er hatte die „stärkste Saisonleistung“ gesehen. Und dies sechs Tage nach der schwächsten. Neuzugang Stefan Ilsanker muss sich erst noch an diese Diskrepanzen gewöhnen. „Wenn wir immer so spielen würden, stünden wir in der Liga anders da“, sagte er. Bei aller Ungläubigkeit über die Sprunghaftigkeit, hat das Spiel gegen Salzburg, wie zuvor die Spiele gegen Leipzig, die Erkenntnis gebracht, dass die Eintracht immer noch in der Lage ist, außergewöhnliche Leistungen zu bringen, vor allem international. „Wir haben heute gezeigt, was in uns steckt“, sagte Torwart Kevin Trapp und mahnte gleich volle Konzentration auf die nächsten Aufgaben an. „Bevor wir uns auf das Rückspiel konzentrieren, geht es am Montag gegen Union Berlin“, sagte der Nationalspieler, „dann müssen wir wieder genauso auftreten und aktiv sein. Wir brauchen die Punkte in der Liga.“ Es komme darauf an, „genauso zusammenzuspielen wie gegen Salzburg“.

Am Montagabend dann übrigens ohne die lautstarke Unterstützung der Fans, die mal wieder ihr eigenes Ding machen und nicht in die Kurve kommen, sondern vor dem Stadion bleiben wollen. Grund: Protest gegen die Montagspiele, die allerdings für die kommenden Saison sowieso schon gestoppt sind. Dieses Verhalten ist noch schwerer zu verstehen als die unterschiedlichen Leistungen der Spieler. 

Von PEPPI SCHMITT

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