„Können froh sein, dass er noch unter uns weilt“

Ex-Eintracht-Profi Dietmar Roth kämpft nach Schlaganfall für mehr Normalität

Fussball, Dietmar Roth Legendenspiel
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Dietmar Roth

Offenbach - Vor viereinhalb Jahren reißt ein Schlaganfall Dietmar Roth fast aus dem Leben. Operationen am Kopf, monatelanges Koma, Rollstuhl, Sprachverlust – die Folgen sind schlimm, für den ehemaligen Fußballprofi aber noch lange kein Grund, sich aufzugeben. Von Daniel Schmitt

„Wie heißen noch einmal deine beiden Töchter? Nina und...?“: Vermeintlich eine leichte Frage, die Reinhard Gebel, Chef des Offenbacher Reha-Zentrums Sporeg, stellt. Doch nicht für Dietmar Roth. Er nimmt einen ersten Anlauf. „A...a...a“. Er bricht ab. Nochmal: „A...a...a“. Er schüttelt den Kopf und schaut kurz zu Boden. „Angelika vielleicht?“, fragt Gebel. Der linke Arm von Roth schnellt nach vorne, die Hand bewegt sich von links nach rechts und wieder zurück. „Dadada“, dringen Laute aus seinem Mund. Nein. Angelika ist definitiv falsch. Roth greift nach einem Kugelschreiber, der vor ihm auf dem Tisch liegt, er zieht einen Zettel heran. Ein großes A, ja das ist deutlich zu erkennen. Danach ein länglicher Strich. Vielleicht ein i? Nein, wieder falsch. Roth streicht die beiden Buchstaben durch. Nächster Anlauf, diesmal gelingt es besser. Ali... krakelt Roth auf das Papier. „Alisa?“, wirft Gebel ein. „Ja, ja, ja...“, platzt es aus Roth heraus. Der ganze Körper wippt nach vorne, der linke Arm, der Kopf. Alisa, ja so heißt seine zweite Tochter. Dietmar Roth sinkt zurück in seinen Stuhl. Er strahlt.

Dreimal in der Woche für jeweils vier Stunden trainiert Dietmar Roth (rechts) bei Sporeg. „Seine Entwicklung ist gut“, sagt Reinhard Gebel (links), Chef des Offenbacher Reha-Zentrums und langjähriger Freund Roths.

27. März 2013, ein Mittwoch. Es ist eklig draußen, gerade einmal sieben Grad zeigt das Thermometer. Auch Regen fällt vom wolkenbedeckten Himmel. Es ist der Tag, der das Leben von Dietmar Roth grundlegend verändert. Der einstige Fußballprofi, der unter anderem für die Frankfurter Eintracht, den FSV Frankfurt und auch drei Jahre für die Offenbacher Kickers spielte, wird bei der Arbeit in einer Nieder-Eschbacher Großhandelsfirma völlig unvorbereitet von einem Schlaganfall erwischt. Plötzlich ist für den damals 49-Jährigen nichts mehr, wie es vorher einmal war. Roth schwebt in akuter Lebensgefahr, er wird in ein künstliches Koma versetzt und mehrfach am Kopf operiert, sogar der Knochendeckel des Schädels muss für knapp vier Monate entfernt werden.

Dietmar Roth, heute 54 Jahre alt, senkt seinen Kopf. Er zeigt die Narben, die von diesen aufwendigen Operationen geblieben sind. Mindestens 20 Zentimeter erstrecken sie sich auf seinem Haupt, sind unter den dünner gewordenen Haaren deutlich zu erkennen. Roth schaut wieder auf und zuckt kurz mit seinen Schultern. Ist jetzt halt so, soll seine Geste wohl bedeuten. Die Narben sind das geringste Übel. „Wir können froh sein, dass Dietmar noch unter uns weilt. Er hat damals schon ein ganz schönes Pfund mitgekriegt“, sagt Gebel und schaut Roth dabei an. Beide nicken.

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Gebel ist nicht nur Chef des Reha-Zentrums am Kaiserlei, er ist seit vielen Jahren auch ein guter Freund Roths. Die beiden kennen sich aus der Zeit, als Roth noch Profi war. 318 Spiele machte der Defensivmann in der Bundesliga, 1988 wurde er mit der Eintracht sogar DFB-Pokalsieger. Und ab und an war er eben auch verletzt. Dann ging es für Roth zu Sporeg. Viele Sportler der Region sind seit der Eröffnung 1980 schon dort gewesen. Basketballer der Frankfurt Skyliners, Fußballer vom OFC, der Eintracht, dem FSV. An den Wänden hängen Autogrammkarten, signierte Trikots von dankbaren Sportlern, Zeitungsartikel über fitgemachte Stars – darunter auch einige über Dietmar Roth.

Durch seinen Schlaganfall hat der Körper des gebürtigen Pfälzers gelitten. Die rechte Seite ist mehr oder weniger gelähmt, den Arm kann Roth nicht mehr selbstständig heben. Die Muskeln sind erschlafft. Zur Unterstützung des rechten Beins trägt Roth eine Schiene am Unterschenkel. Und die Sprache? Die ist fast komplett verschwunden: Hallo, Ja, einige Namen und Zahlen – viel mehr Worte wollen den Mund des 54-Jährigen nicht mehr verlassen. Unzufrieden sind sowohl Roth als auch Gebel mit diesem Zustand nicht. „Am Anfang seiner Reha ist er mit dem Rollstuhl bei uns reingefahren“, erinnert sich Gebel, „er konnte eigentlich gar nichts mehr.“

Foto zum Dietmar Roth Legendenspiel im Jahr 2015.

Jetzt ist das anders: Auf beiden Beinen geht Roth durch den Trainingsraum. Er begrüßt die Anwesenden mit der linken Faust. Er umarmt eine schwarzhaarige Frau, die nach einem schlimmen Motorradunfall ebenfalls humpelt. Er steht auf einer Slackline, einem Gummiseil, das über den Boden gespannt ist und die Stabilität des Körpers verbessern soll. Er schießt dem Reha-Trainer einen Fußball zurück, der ihm zugeworfen wird. Und er läuft. Zwar langsam, aber doch durch das ganze Zentrum, rauf und runter. Schrittchen für Schrittchen. Für eine Strecke von 200 Metern braucht er weniger als vier Minuten. Bei seinem ersten Versuch im Januar 2015 waren es noch mehr als 17. Über 1000 Meter liegt der Rekord bei 22:25 Minuten. Im Februar dieses Jahres waren es beim ersten Mal noch 42:22. „Diese Zeiten sind ein Quantensprung. In diesem Fall hilft es wohl, dass Dietmar Leistungssportler war. Es fällt ihm leichter, sich richtig zu quälen. Wir kommen voran“, sagt Gebel zufrieden und lächelt seinen Freund an. Roth erwidert es.

Die Entwicklung geht sogar so schnell voran, dass Roth seit fast zwei Jahren als austherapiert gilt. Für seine drei Einheiten pro Woche erhält er keine finanzielle Unterstützung von der Krankenkasse mehr. Ein Drittel der Kosten trägt die Eintracht, ein Drittel Sporeg und den letzten Teil einige Privatpersonen. Wie lange? Das ist eine Frage, die vor allem Gebel beschäftigt: „Wir müssen es hinkriegen, dass Dietmar auch einmal längerfristig abgesichert ist. Für die nächsten drei, vier Jahre. Allein an seinen Steigerungen bei den gelaufenen Zeiten sieht man ja, wie viel Entwicklungspotenzial er noch in sich trägt.“ Roth schaut zu Boden. Das Strahlen ist für kurze Zeit von seinem Gesicht verschwunden. Ein Thema, das ihn offenbar belastet.

Vor einigen Wochen ist die Stimmung deutlich besser. Da sind Gebel und Roth gemeinsam auf dem Golfplatz unterwegs. Es ist nicht so, dass der 54-Jährige einen Schläger schwingen könnte. Nein, das schafft er nicht. Ein spaßiger Ausflug scheint es aber allemal gewesen zu sein. „Der Dietmar hat mich im Golfwagen über die ganze Anlage kutschiert. Er hat richtig Gas gegeben“, scherzt Gebel, „wir hätten fast ein Platzverbot bekommen, weil er über das Grün gefahren ist.“ Gebel lacht, Roth kriegt sich fast nicht mehr ein. Sein linker Arm schnellt nach oben, der ganze Körper wippt von vorne nach hinten, aus dem Mund dringen wieder dieselben Laute wie wenige Minuten zuvor: „Dadada“. Dietmar Roth hat sichtlich Spaß an der Erinnerung.

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Am Abend nach dem Golf-Ausflug steht auch ein gemeinsames Essen mit ehemaligen Fußball-Größen aus der Region an. Ronny Borchers, Norbert Nachtweih, Cezary Tobollik, Oliver Reck und viele andere sind gekommen. Roth kann nicht wirklich mitreden, aber er hört zu. Und das genau. Denn er kann alles verstehen, jeden Satz, jedes Wort. Und er freut sich über die Geschichten aus alten Zeiten. „Das war super, oder?“, fragt Gebel. Roth nickt und klatscht sich mit seiner linken Hand auf den Oberschenkel. Ein Ja. „Das können wir öfters machen, oder?“ Wieder nickt Roth und klatscht sich sogar zweimal auf den Oberschenkel. Ein doppeltes Ja.

Foto zum Dietmar Roth Legendenspiel im Jahr 2015.

Doch die gemeinsame Zeit mit Reinhard Gebel im Offenbacher Reha-Zentrum ist nur ein Teil seines Lebens. Ein anderer findet im Frankfurter Stadtteil Fechenheim statt. Genauer: Auf einem großen Industriegelände, auf dem der ehemalige Fußballer seine Wohnung hat. Dort wird Roth oft von seinen beiden Töchtern Nina und Alisa besucht. Eine Lebensgefährtin hat er nicht mehr, er wohnt allein in einer zum Loft umgebauten Lagerhalle. Drei Stockwerke, eine offene Küche, in der passend zur Örtlichkeit zwei hellblaue Ölfässer von der Arbeitsplatte bedeckt sind, ein Gästezimmer unter dem Dach. Aufgeräumt ist es, dafür sorgt eine Putzfrau. Auch Essen wird regelmäßig geliefert, aussuchen kann der 54-Jährige es sich nicht. Bei der Frage, ob es denn schmecke, pendelt der linke Daumen aus wagrechter Position nach unten und wieder zurück. Mittelmäßig. Danach zuckt Roth mit den Schultern. Es gibt wohl wirklich Wichtigeres in seinem Leben.

An den Wänden des Lofts sind viele Erinnerungen platziert: Direkt am Eingang etwa hängt ein altes Trikot der Frankfurter Eintracht, daneben steht ein Eishockey-Schläger, ein Geschenk der Frankfurter Löwen. Es sind Eindrücke, die Roth gerne teilt. Einladend streckt er seinen linken Arm aus und deutet auf das großräumige Wohnzimmer. Eintreten bitte. Dort stehen zwei Sessel, einer in grau, einer in schwarz; ein Couchtisch, ein Flachbild-Fernseher, reichlich DVDs, ein dunkelbrauner Esstisch. Roth schreitet voran und steuert auf eine Zweitliga-Meisterschale an der Wand zu. Sie ist aus der Saison 1983/84, als er gleich in seinem ersten Profijahr mit dem Karlsruher SC den Aufstieg in das Fußball-Oberhaus schaffte. Er deutet auf die Namen, die in die Schale eingraviert sind: Gerhard Kleppinger, Hans-Jürgen Boysen und nicht zuletzt sein eigener. Roth reckt den linken Arm nach oben, ballt die Faust. Eine Jubelpose, fast so wie vor 33 Jahren.

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Auf einem Schrank liegen drei Motorradhelme. Selbst fahren kann der passionierte Biker nicht mehr, trotzdem spielen sie in gewisser Weise auch heute noch eine wichtige Rolle. Nur wenige Schritte von seiner Eingangstür entfernt ist eine Motorrad-Werkstatt angesiedelt. Roth ist oft dort, eigentlich jeden Tag. Den Besitzer kennt er seit fast 25 Jahren. Mit Uwe, weiter will der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen, hat Roth vor einigen Jahren zusammen seinen Wohnbereich ausgebaut. „Er bekommt das gut hin“, sagt Uwe, um dann ehrlich auch von schlechten Phasen, traurigen Momenten, zu berichten: „Klar, es gibt auch Zeiten, da muss ich ihn aufbauen, auch manchmal in den Arsch treten.“ Roth steht daneben und lauscht den Worten seines Freundes. Er scheint sie schon öfters gehört zu haben. Er nickt kurz, blickt dann auf den Boden. „Aber insgesamt geht es Dietmar seit einiger Zeit ziemlich gut. Deutlich besser auf jeden Fall“, sagt Uwe.

Roth horcht auf, schaut seinen Freund mit entspannter Miene an und setzt sich in Bewegung – genug geplaudert für heute. Er steuert wieder seine Haustür an, bleibt kurz davor stehen und dreht sich um. „Tschüss“, sagt Roth. Das Wort fällt ihm leicht. Nichts ist in diesem Moment übrig von der qualvollen Buchstaben-Suche am Anfang des Tages. Dietmar Roth strahlt.

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