Vor 50 Jahren: Festival des Offensivfußballs

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Der Eintracht-Kader vor dem Finale 1960. Hinten von links: Eberhard Schymik, Richard Kreß. Dieter Lindner, Erwin Stein, Hans-Walter Eigenbrodt, Alfred Pfaff, Erich Meier, Adolf Bechthold, Trainer Paul Oßwald. Vorne von links: Lothar Schämer, Hans Weilbächer, Friedel Lutz, Egon Loy, Hermann Höfer, Dieter Stinka, Erich Bäumler, Wolfgang Solz.

Offenbach ‐ Nein, es war nicht der FC Bayern München: Eintracht Frankfurt zog als erster deutscher Verein in ein Finale um den Europapokal der Landesmeister ein. Damals vor 50 Jahren, am 15. Mai 1960 im Hampton Park in Glasgow. Von Holger Appel

Das Ticket für die Europacup-Teilnahme hatten die Frankfurter im Jahr zuvor mit dem 5:3 nach Verlängerung im Finale von Berlin gegen die Offenbacher Kickers gelöst. Gegen die Weltauswahl von Real Madrid hatten sie im Finale nach zuvor ordentlichen Leistungen auf europäischer Bühne aber keine Chance. Sie verloren mit 3:7. „Eintracht Frankfurt hat eine großartige Tradition, von der wir bis heute durch dieses Ereignis profitieren“, versicherte Vorstandsvorsitzender Heribert Bruchhagen vor wenigen Tagen gegenüber unserer Sportredaktion. Die Frage, wie groß denn seine Hoffnung sei, dass man die Eintracht irgendwann wieder - wie damals vor 50 Jahren - auf der großen europäischen Fußball-Bühne bewundern könne, wollte der 61-Jährige aber nicht beantworten.

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Zurück in das Jahr 1960. Erich Meier hatte bereits in der ersten Minute die Latte getroffen und Richard Kreß seine Mannschaft nach 18 Minuten in Führung gebracht. „Wenn wir diese Führung länger gehalten hätten, wäre Real sicher nervös geworden. Mir war klar, dass wir verhindern mussten, dass die Spanier das erste Tor schießen, weil dann diese Partie kippen könnte“, wird Alfred Pfaff im Buch „Champions League - Sternstunden des Sports“ des Sport Verlags Berlin zitiert. Doch das Spiel kippte tatsächlich.

Real, zuvor im spanischen Halbfinale gegen den FC Barcelona erfolgreich, war gereizt. Alfredo di Stefano sprach ein Machtwort und weckte sein Team auf. Madrid, das bereits vier Jahre in Folge den Europapokal gewonnen hatte, spielte sich in einen Rausch. Die Eintracht, ganz in Rot mit weißen Ärmeln angetreten, wehrte sich zwar nach Kräften, kassierte aber noch vor der Pause drei Treffer.

Torhüter Egon Loy, in den Spielen zuvor ein prima Rückhalt, hatte ausgerechnet im Finale nicht seinen besten Tag erwischt. „Wenn wir zum Beispiel nur mit 1:2 in die Pause gegangen wären, wären wir sicher nochmals zurückgekommen. Die Mannschaft hatte eigentlich hervorragende Moral und viel Selbstvertrauen“, meinte Pfaff.

Festival des Offensivfußballs

Doch Real erhöhte bis zur 70. Minute auf 6:1. Die Partie war entschieden, als Erwin Stein noch zweimal für die Eintracht traf. In der Endphase vergaben die Frankfurter noch zwei Großchancen zur Resultatsverbesserung. Aber auch Real versiebte weitere Möglichkeiten. „Madrid hätte auch 15 Tore schießen können“, meinte der damalige Bundestrainer Sepp Herberger, sprach aber auch der Eintracht ein großes Kompliment aus.

Als Real nach dem Abpfiff zur Ehrenrunde ansetzte, standen sämtliche Zuschauer im Hampton Park auf und applaudierten. Die Frankfurter Spieler standen Spalier zu Ehren von Real. Wie das die Rangers zuvor im Halbfinale für sie getan hatten.

Dieses Endspiel war ein Festival des Offensivfußballs, in dem beide Teams nahezu ohne Fouls auskamen. Zum Glück, berichtet Klaus Leger, in seinem im Agon Sportverlag erschienen Buch „So wie einst Real Madrid“, gebe es ein BBC-Video, das man den 1:0-Königen der heutigen Zeit mit ihrem Angsthasenfußball ruhig einmal vorführen sollte. Auch wenn sich der Fußball erheblich verändert hat - so ganz widersprechen kann man ihm sicherlich nicht.

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