Masse, Klasse und Zöpfchen

Russ krönt starke Leistung mit erstem Tor nach Krebserkrankung

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„Kicken kann ich nicht, aber mit dem Kopf geht es“, scherzt Marco Russ nach seinem Treffer zum 2:1 gegen Köln.

Frankfurt - Ein letzter hoher Ball, ein letztes Mal drischt Marco Russ die Kugel weit in die gegnerische Hälfte. Er schaut zum Schiedsrichter und streckt beide Arme in die Luft. Von Daniel Schmitt

Abpfiff, geschafft, die Frankfurter Eintracht besiegt den 1. FC Köln mit 4:2 – auch dank einer bärenstarken Leistung von Frankfurts Mann mit dem Zöpfchen. Marco Russ zählt in dieser Saison keineswegs zu den Stammkräften unter Niko Kovac. Vertrauen kann der Trainer dem Innenverteidiger dennoch. Immer wenn Russ gebraucht wird, ist er da. Zehnmal darf der 32-Jährige bisher in der Bundesliga auflaufen, das Spiel gegen die Kölner ist sein bestes. Hinten räumt der gebürtige Hanauer alles ab. Immer wieder liefert er sich kernige Zweikämpfe mit den Kölner Stürmer-Kanten Jhon Cordoba und Simon Terrode. Aus 80 Prozent der direkten Duelle geht er als Sieger hervor – ein herausragender Wert.

Und selbst im Offensivspiel setzt Russ Akzente. Vor dem Führungstreffer von Ante Rebic steht er am Anfang der erfolgreichen Passstafette, kurz darauf leitet er einen Pfostentreffer von Timothy Chandler mit einer klugen Vorarbeit ein. Russ ist der Spieler mit den meisten Ballkontakten (84) auf dem Feld. In der 59. Minute folgt der Lohn für diese starke Leistung. Nach einem scharf in die Mitte getretenen Freistoß von Marius Wolf dürfte er zwar die Atemzüge der drei Kölner Verteidiger spüren, so nah sind sie an ihm dran. Der 1,90-Meter-Mann der Hessen nutzt jedoch seine ganze Masse, um sie sich fernzuhalten und hat das beste Timing. Russ lässt den Ball über den Scheitel hinweg ins lange Eck einschlagen. „Kicken kann ich nicht, aber mit dem Kopf geht es“, scherzt Russ nach dem Spiel.

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Es ist sein erstes Tor in dieser Saison und – noch viel bedeutender – sein erster Treffer seit der mittlerweile glücklicherweise ausgestandenen Krebserkrankung. Nach der niederschmetternden Diagnose im Mai 2016 hat Russ einen langen Weg vor sich. Er kämpft sich mit Hilfe seiner Ex-Frau Nina, der Mutter seiner beiden Kinder, die ihn auch am Samstag im Stadion unterstützt, durch die Chemotherapie. Er ackert sich durch die Reha, er bolzt Kondition und schafft es schließlich zurück in den Kreis der Mannschaft. „Ich habe im April 2016 das letzte Mal getroffen, das war vor meiner Krankheit. Es ist schön“, sagt er.

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Schön ist auch die Tabellenkonstellation. Die Eintracht ist Vierter. Urgestein Russ, der bis auf ein zweijähriges Intermezzo in Wolfsburg schon seit 1996 bei der Eintracht spielt, hat für die restliche Saison ein klares Ziel vor Augen – den Europapokal. „Je länger wir oben bleiben, umso größer wird die Chance, dass am Ende ein internationaler Platz herausspringt“, sagt Russ.

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