Interview mit Armin Veh

„Was Khedira spielt, kann Sebastian Rode auch“

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Armin Veh

Frankfurt - Eintracht Frankfurt steht dicht vor dem Durchmarsch aus der 2. Bundesliga in die Europa League. Der Aufsteiger benötigt nur noch einen Sieg, um sicher das internationale Geschäft zu erreichen. Als Vater des Erfolges gilt Trainer Armin Veh.

Im Interview der Nachrichtenagentur dpa spricht der 52 Jahre alte Fußball-Lehrer über die Bedeutung des möglichen Erfolges für den Verein, die mittelfristigen Entwicklungschancen der Hessen und seine persönliche Sicht auf den Fußball.

Zu Saisonbeginn hing in der Kabine ein Zettel mit dem Saisonziel 40 Punkte. Steht da jetzt Europa League drauf?

Armin Veh: "Wir haben einen kleinen Pokal an der Wand hängen. Das stimmt, ja."

Was würde es für Sie bedeuten, wenn der Eintracht nach sieben Jahren wieder der Sprung in einen internationalen Wettbewerb gelänge?

Veh: "Wir würden etwas erreichen, mit dem keiner auch nur ansatzweise gerechnet hat. Das wäre ähnlich wie die Meisterschaft 2007 mit dem VfB Stuttgart. Du freust dich natürlich mehr, wenn du etwas schaffst, mit dem du vorher selber nicht rechnen kannst."

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Und für den Verein?

Veh: "Für uns und die Fans wäre es schon etwas ganz Besonderes, europäisch zu spielen. Man spielt ja auch dafür, diese Chance einmal zu bekommen. Und dann braucht man auch nicht zu jammern, dass man dann zu viele Spiele hat. Das werde ich auch nicht tun."

Würde die Mannschaft die Doppelbelastung verkraften?

Veh: "Diese Mannschaft nicht. Dafür fehlt uns im Kader die Breite. Da würden wir in der Bundesliga riesige Probleme bekommen."

Sie haben mit Rosenthal und Flum schon zwei Neue für die nächste Runde geholt. Wie viele Spieler sollen noch kommen?

Veh: "Unabhängig davon, ob wir es in die Europa League schaffen oder nicht, brauchen wir noch Spieler, die uns nicht nur ergänzen, sondern verstärken. Insbesondere dann, wenn jemand angeschlagen oder nicht in Form ist. Diese Ausgeglichenheit haben wir derzeit nicht. Können wir aber auch nicht haben. Wir haben ja schon zwei Sprünge gemacht, einen mehr als gedacht."

Zieht die Marke Eintracht dank der überraschend guten Saison wieder mehr als in den Jahren zuvor?

Veh: "Ich weiß natürlich nicht, wie das vorher war. Aber ich glaube schon, dass die Eintracht durch dieses Jahr ein gutes Image bekommen hat. Weil die Mannschaft auch die Mentalität besitzt. Wir haben viele junge Spieler, die gute Kerle sind, ordentlich Fußball spielen und nach außen hin keinen Blödsinn machen. Das Stadion ist auch immer voll. Die Fans stehen zur Mannschaft."

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Zählt das heute noch in Gesprächen mit potenziellen Neuzugängen?

Veh: "Das glaube ich schon. Natürlich nicht, wenn es riesige Lücken gibt. Aber wenn die finanzielle Schere nicht weit auseinanderklafft, überlegt der Spieler schon, wo die Lebensqualität größer ist."

Hat das Fluidum auch Ihre Entscheidung beeinflusst, in Frankfurt zu bleiben? Oder blendet man das als Trainer aus?

Veh: "Nein, das blendet man nicht aus. Sonst hätten wir ja keine menschlichen Züge mehr. Gerade wenn du älter bist, suchst du auch nach solchen Kriterien aus, weil du finanziell unabhängiger bist."

Geld spielte bei ihrer Vertragsverlängerung trotzdem eine Rolle. Der Verein hat den Lizenzspieleretat auf Ihr Drängen hin um 6,5 Millionen Euro angehoben.

Veh: "Bei einem Umsatz von 70 Millionen Euro 24,5 Millionen Euro für die Mannschaft auszugeben, wie in dieser Saison, ist zu wenig. Ich habe gesagt, drei Millionen für Verstärkungen sind zu wenig. Dann stehe ich nicht mehr zur Verfügung. Da hat sich der Verein bewegt."

Wünschen Sie sich manchmal, aus dem Vollen schöpfen zu können wie die Bayern?

Veh: "Ich bin ja kein Fantast und weiß, was wir wirtschaftlich leisten können. Ich weiß aber auch, was wir verbessern können. Ich verlange keine Dinge, die nicht gehen. Und wenn ich sage, statt drei Millionen benötige ich sechs, sieben Millionen Euro zum Einkaufen, ist das notwendig, um sich in der Bundesliga zu etablieren. Sonst laufen wir Gefahr, wieder an einen Punkt zu kommen, wo man um den Klassenverbleib spielt und vielleicht sogar absteigt."

Haben Sie trotzdem den Eindruck, dass noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind in Frankfurt?

Veh: "Ja, dieses Gefühl habe ich schon, dass noch mehr gehen könnte oder sogar müsste. Mit der Wirtschaftskraft, die hier ist."

Woran hapert es aus Ihrer Sicht?

Veh: "Erst einmal muss das auch wachsen, dass man Vertrauen in den Verein hat. Die Eintracht ist ein Club, in dem immer ordentlich gewirtschaftet wurde, seit Vorstandschef Heribert Bruchhagen da ist. Aber vielleicht will man nicht unbedingt investieren in einen Verein, der zwar solide ist, aber jedes Jahr schauen muss, dass er die Klasse hält. Das ist nicht so attraktiv. Dementsprechend muss man vielleicht über Jahre beweisen, dass man auch mit geringen Mitteln gute Arbeit leistet. Den ganz großen Deal werden wir in naher Zukunft nicht machen können. Immerhin haben wir schon einen neuen Hauptsponsor und damit Planungssicherheit für die kommenden drei Jahre."

Sie sind seit 23 Jahren im Trainergeschäft. Wie hat sich die Fußball-Landschaft aus Ihrer Sicht verändert?

Veh: "Als ich 1990 in Augsburg anfing, habe ich praktisch alles alleine gemacht. Da war ich auch Konditionstrainer und Taktiktrainer. Jetzt hast du für jeden Bereich einen Spezialisten. Die medizinische Abteilung hat sich auch verändert und die Medienlandschaft, ganz gewaltig sogar. Es hat sich auch geändert, dass viel mehr Frauen im Stadion sind. Fußball ist ein Event geworden."

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Sie sind für Ihre teilweise sarkastischen Kommentare bekannt. Geht Ihnen der Hype um den Fußball manchmal auf den Geist?

Veh: "Ja, denn es ist und bleibt ein Fußballspiel. Das ist doch nicht wie im Alten Rom, wo der Daumen nach oben oder unten zeigte und man sein Leben hergeben musste, wenn man es nicht geschafft hat. Ich kann nicht jeden Tag über gewonnene oder verlorene Zweikämpfe grübeln. Oder dieser Spruch, die Spieler müssen Gras fressen. Damit kann ich nichts anfangen, weil das nur populistischer Krampf ist. Ich gehe anders mit den Dingen um. Vor allem, weil ich älter und erfahrener geworden bin."

Wird der Fußball in der öffentlichen Wahrnehmung überhöht? Immerhin sollen sich viel mehr Menschen in Deutschland für die schönste Nebensache der Welt interessieren als für die Politik.

Veh: "Der Fußball ist auch ehrlicher. In der Politik müssen sie Sachen machen, von denen man schon vorher weiß, dass es Blödsinn ist. Sonst wird man gar nicht gewählt. Und wenn sie etwas Vernünftiges machen, werden sie abgewählt."

Der Bundesligamarkt für Trainer ist auf 18 Stellen limitiert. Wirkt sich das im Verhältnis untereinander aus?

Veh: "Wenn ich meine Kollegen sehe, die ich gerade habe, dann ist das Verhältnis viel entspannter als früher. Da war der Egoismus viel größer als heute. Es ist kollegialer."

Bei den Club-Funktionären war dies zuletzt nicht der Fall. Wie bewerten Sie die Diskussionen um Stil und Moral?

Veh: "Da prallen so viele Interessen aufeinander. Ich erwarte nicht, dass es in diesem Geschäft anders läuft. Wenn du etwas öffentlich machst, und der Transfer kommt dann nicht zustande, beißt du dich doch in den eigenen Schwanz."

Könnten Sie ohne weiteres auf die Droge Fußball verzichten?

Veh: "Ich liebe den Sport. Ich habe mit fünf Jahren angefangen, Fußball zu spielen. Meine Schwester hat mir damals meine ersten Fußballschuhe gekauft. Wenn ich nicht Trainer wäre, würde ich trotzdem ins Stadion gehen, weil ich den Sport einfach mag. Aber ich kann auch ohne Fußball etwas mit mir anfangen. Ich muss nicht täglich auf dem Platz stehen. Das war schon so, als ich vor meinem Engagement in Stuttgart eineinviertel Jahre nichts gemacht habe. Da ging es mir auch gut."

Die Eintracht wird 2014 Sebastian Rode verlieren. Haben Sie Angst, dass der Verein im Falle eines lukrativen Angebotes schwach wird und ihn schon im Sommer ziehen lässt?

Wollen Sie der Bundesliga noch viele Jahre treubleiben oder könnten Sie sich vorstellen, auch Nationaltrainer zu werden?

Veh: "Jetzt habe ich erst mal hier für ein weiteres Jahr unterschrieben. Meine Wünsche und Träume behalte ich für mich."

dpa

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