Panisch und abschätzig

Kommentar: Angst vor den Eintracht-Ultras?

Nichts gegen Sinsheim. Hier kann man ein kleineres Länderspiel austragen. Trotzdem: Das gestrige gegen Peru hätte nicht dorthin gehört. Im DFB war Frankfurt präferiert gewesen. Von Günter Klein

Verbandspräsident Reinhard Grindel brachte in einem Mailverkehr, der an den „Spiegel“ geleakt wurde, die Befürchtung zum Ausdruck, die Ultras von Eintracht Frankfurt könnten eine Pyro-Show veranstalten und so für einen schlechten letzten Eindruck des deutschen Fußballs vor der Vergabe der EM 2024 am 27. September sorgen. Zwar schreibt Grindel in seiner Mail, dass ihm das Argument der am Nationalteam desinteressierten Ultraszene bekannt sei, doch es folgt die Formulierung, die alles noch schlimmer macht: Dass die Ultras von Eintracht Frankfurt „uns das Projekt Euro 2024 gerade kaputtmachen wollen, indem sie dort ein Inferno veranstalten“.

Was für ein Misstrauen und was für eine Abschätzigkeit Grindel hier zum Ausdruck bringt! Wollte er nicht mal zugehen auf die Fans, die in den Kurven stehen und mehr hinterfragen, als es der saturierte Tribünengast tut? Und sollte er sein Vorurteil nicht durch den Faktencheck schicken? Wann sind Länderspiele, bei denen der DFB durch seine Strukturen (Fanclub Nationalmannschaft) die Ticketvergabe kontrolliert, gestört worden - noch dazu durch zündelnde Ultras? Das Problem des DFB ist, dass, wenn er im Ausland antritt, sich die rechte Szene aus Stadionverbotlern auf den Weg macht und über ihre Kanäle Zutritt zum Stadion verschafft.

Pyrotechnik und Protestbanner

Beim Spiel der Kölner gegen Bayern kam es in der vergangenen Saison zum Einsatz von Pyrotechnik durch Kölner Fans.

Fahne beim Spiel Mainz gegen Duisburg.

Grammatikalisch nicht ganz korrekt, aber die Botschaft der Werder-Fans (gegen München) ist zu verstehen.

Der DFB ermittelt, weil Mainz-Fans eine Fahne mit RAF-Symbolen zeigten. Laut eines Sprechers des Mainzer Fanprojektes gibt es die Fahne schon seit mehreren Jahren, es stecke keine politische Motivation dahinter.

Bayern-Fans zündeln im Champions League-Finale gegen Chelsea.

Fans von Union Berlin beim Heimspiel gegen Frankfurt. Eintracht-Fans waren wegen einer DFB-Strafe eigentlich nicht zugelassen, Union-Fans halfen ihnen jedoch, ins Stadion zu gelangen.

Pyrotechnik beim Spiel Chemnitz gegen Dynamo Dresden.

Dortmund-Fans mit einem Spruchband gegen den DFB.

Beim Relegationsspiel Düsseldorf gegen Hertha BSC Berlin brannten beide Fanlager Feuerwerk ab. Düsseldorfer Fans stürmten den Platz, weil sie einen Pfiff des Schiedsrichters für den Schlusspfiff hielten. Weil Berlin Protest gegen die Wertung des Spiels einlegte, beschäftigte der Fall das DFB-Sportgericht über mehrere Instanzen. Die Fortuna stieg trotzdem auf, wurde aber vom DFB mit einem Zuschauer-Teilausschluss im ersten Heimspiel bestraft.

Fan von Fortuna Düsseldorf protestiert im ersten Spiel  gegen die DFB-Strafe.

Dresden-Fans zündeln beim Spiel in Frankfurt gegen den FSV.

Dynamo-Fans in Frankfurt.

Stuttgarter VfB-Fans im DFB-Pokal.

Viele Fans fürchten, dass die Stehplätze abgeschafft werden.

T-Shirt beim Spiel Mainz gegen Düsseldorf.

Freiburg-Fans mit Pyrotechnik beim Auswärtsspiel gegen Eintracht Frankfurt.

Gladbacher zündeln in Mainz.

Rostock-Fans mit einem Feuerwerk in Darmstadt.

Leverkusen-Fans beim Auswärtsspiel im DFB-Pokal in Jena.

Fans von Hessen Kassel im Halbfinale des Hessenpokals gegen den OFC.

Kölner Fans beim Auswärtsspiel in Mainz.

Mainzer Fans fordern einen „Dialog auf Augenhöhe“ mit dem DFB.

Einige Fans fühlen sich von der Presse falsch dargestellt - hier ein Spruchband beim Spiel Nürnberg gegen Stuttgart.

Fans von Preußen Münster beim Spiel in Offenbach.

Münsterer in Offenbach.

Fans des SC Freiburg im Auswärtsspiel gegen die Eintracht.

Teure Tickets sind immer wieder Ziel des Protests der Fußballfans (hier Schalke-Fans gegen Bayern). Zuletzt boykottierten BVB-Fans das Auswärtsspiel in Hamburg wegen der ihrer Meinung nach überteuerten Karten.

Frankfurter Fans freuen sich über den Aufstieg im Spiel gegen 1860 München mit einem Platzsturm und Feuerwerk.

Spruchband der Eintracht-Fans im ersten Spiel dieser Saison gegen Bayer Leverkusen. Wegen der Sanktionen des DFB blieb ein Teil der Plätze leer.

Frankfurter Fans beim Auswärtsspiel in Nürnberg.

Frankfurter Fans beim Auswärtsspiel in Nürnberg.

Frankfurter Fans in Karlsruhe in der vergangenen Saison.

Frankfurter Fans in Karlsruhe in der vergangenen Saison.

Frankfurter Fans beim Auswärtsspiel in Nürnberg.

Darmstädter beim Spiel in Wiesbaden.

Fans des SV Werder Bremen beim Spiel in Wolfsburg.

Fans des VfL Wolfsburg im Spiel gegen Hannover.

Fans von Kickers Offenbach verhindern mit ihrem Protest ein Testspiel des OFC gegen RB Leipzig. Der Leipziger Verein symbolisiert für viele Fans die Kommerzialisierung des Fußballsports und RB wird als Club ohne Tradition abgelehnt.

Erschreckend jedenfalls, wie panisch der DFB-Boss agiert, wenn es um 2024 geht. Die deutsche Bewerbung ist professionell aufgestellt, wirkt aber steril. Gegen die Türkei spricht einiges: die politische Situation, die (Un-) Sicherheitslage. Doch dafür zeigt sie in einem anderen Punkt Liberalität: Sie lässt den Fußball in ihren Stadien Fußball sein. Ursprünglich, laut, derb - auch bei internationalen Spielen. Der Fußball in der Türkei ist echter.

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