Serie: Vor 25 Jahren

Stepi über Eintracht-Abstieg 1996: „So etwas trifft einen doch unvorbereitet“

Wo geht’s lang? Trainer Dragoslav Stepanovic (hinten) gibt die Richtung vor. Sein damaliger Assistent und heutiger OFC-Chefscout Ramon Berndroth sieht es offenbar etwas anders.
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Wo geht’s lang? Trainer Dragoslav Stepanovic (hinten) gibt die Richtung vor. Sein damaliger Assistent und heutiger OFC-Chefscout Ramon Berndroth sieht es offenbar etwas anders.

Vor 25 Jahren: Eintracht Frankfurt ist in der 1. Liga auf Talfahrt und holt Dragoslav Stepanovic als Trainer zurück. Aber auch „Stepi“ kann den historischen Absturz nicht verhindern

Frankfurt – Der letzte „Rettungsanker“ soll es richten. So titelt jedenfalls unsere Zeitung am 1. April 1996, jenem Tag, an dem Dragoslav Stepanovic seine Mission bei der Frankfurter Eintracht beginnt. Die könnte kniffliger kaum sein: Der Serbe soll den erstmaligen Abstieg des Klubs nach 33 Jahren Erstliga-Zugehörigkeit abwenden. Jener „Stepi“, der die Eintracht 1992 beinahe zur Meisterschaft geführt hatte, ehe er sie ein Jahr nach dem Trauma von Rostock wieder verließ.

Nun - nach einem Intermezzo bei Bayer Leverkusen und der Entlassung bei Athletic Bilbao - ist der damals 47-Jährige heimgekommen, übernimmt keinen Titelfavoriten, sondern ein Kellerkind, das mit dem Rücken zur Wand steht.

„Ich wusste, dass ich irgendwann wieder zurückkommen und dem Klub helfen werde“, erinnert sich „Stepi“ noch 25 Jahre später. Für den damaligen Manager Bernd Hölzenbein ist er trotz aller Differenzen „ein Weltklassetrainer“. Hölzenbein ist sich sicher: „Stepi wird uns in der Bundesliga halten.“

Doch nach 25 Spieltagen stehen gerade mal 26 Punkte zu Buche, der schleichende Niedergang nach solider Hinrunde (10. Platz/20 Punkte) ist in Gange, was Charly Körbel Ende März den Job kostet.

Sein Nachfolger übernimmt eine Mannschaft mit großen Namen. Nationaltorwart Andreas Köpke beispielsweise, er gewinnt wenige Wochen später die EM in England. Oder Jay-Jay Okocha, der Mann mit dem Zauberfuß, trickst Nigeria in Atlanta zum Olympiasieg. Beides Meister ihres Fachs. Und doch können sie der Eintracht im Endspurt nicht mehr aus der Patsche helfen.

Beim 1:2 am Hamburger Millerntor gegen den FC. St. Pauli überrascht Stepanovic mit personellen Schachzügen. Neue Chancen erhalten die Stürmer Johnny Ekström und Rainer Rauffmann, Stand-By-Profi Rudi Bommer gibt sein Comeback nach mehr als einem halben Jahr. Erfahrene Spieler sollen ran. Doch dann patzt ausgerechnet der ehrgeizige Köpke. „Der hat da zwei blöde Dinger kassiert, das war entscheidend“, erinnert sich Stepanovic. „Da merkst du schnell, dass in so einer Situation alles gegen dich arbeitet.“

Und die Sorgenfalten werden in der „Woche der Wahrheit“ immer größer. Beim 2:2 gegen den VfB Stuttgart holt die Eintracht zwar einen 0:2-Rückstand auf und beweist Moral. Doch unterm Strich ist der eine Punkt zu wenig, die Frankfurter rutschen auf den drittletzten Platz.

Pikanterie am Rande: Ausgerechnet der FC Hansa Rostock versetzt der Eintracht wenige Tage später den wohl vorentscheidenden Gnadenstoß. 1:3 im Waldstadion, das neunte sieglose Spiel in Serie. Die Gewissheit reift immer mehr, dass es abwärts geht. Auch bei Trainer Stepanovic. „Ich wusste von Beginn an, dass es eine schwierige Aufgabe wird, aber nicht dass es so schwierig wird“, blickt er zurück. „Dennoch habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, bis es auch theoretisch feststand.“

Tatsächlich kommt mit dem 1:1 beim FC Bayern München und dem 1:0 gegen Werder Bremen noch mal leichte Hoffnung auf, doch die 0:3-Pleiten in Köln und am 32. Spieltag gegen den FC Schalke 04 besiegeln den vorzeitigen Abstieg. Die Enttäuschung ist groß, auch wenn sich der Absturz abgezeichnet hat. „So etwas trifft einen doch unvorbereitet, vor allem, weil es das erste Mal war und man vier Jahre vorher noch fast Meister geworden wäre“, betont Stepanovic.

Dass er das Ruder nicht mehr herumreißen kann, sieht er als Teil des Geschäfts, in dem es immer rauf und runter gehen kann. Anders gesagt: Kein Auftrag ohne Risiko. Warum sein Unterfangen letztlich gescheitert ist? „Ich habe eine Mannschaft übernommen, die angeschlagen war und nicht von mir zusammengestellt wurde. Einige Spieler waren in keiner guten Form. Außerdem ist mit Jay-Jay Okocha ein wichtiger Spieler im Endspurt verletzt ausgefallen. Das erschwert die Aufgabe sehr“, meint „Stepi“, der auf mehr als drei Jahrzehnte und knapp 20 Stationen im Trainergeschäft zurückblickt.

Zurück zu den finalen Akten der ersten Abstiegssaison: Nach dem Schalke-Desaster stellt Präsident Matthias Ohms die Vertrauensfrage und muss gehen. Am Ende steht für die Eintracht der vorletzte Tabellenplatz. Doch Stepi bleibt. Manager Hölzenbein auch. Gemeinsam geht es in die 2. Liga. Ein Neuanfang mit Hindernissen. „Am Hamburger SV sieht man ja aktuell, wie schwer es ist, nach einem Abstieg wieder hochzukommen.“

Der Eintracht gelingt das 1998 – ohne Stepanovic. Der hat rückblickend seine Lehren aus der missglückten Rettungsmission gezogen. Fazit: „Am besten geht man nicht noch mal dahin zurück, wo man schon mal erfolgreich gearbeitet hat.“

Von Jörn Polzin

Nach dem 0:3 gegen Schalke ist der Abstieg besiegelt. Unten: der geknickte Eintracht-Keeper Andreas Köpke.

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