„Warnzeichen für Polizei und Politik“

Fan-Experte Michael Gabriel über den Polizeieinsatz im Frankfurter Stadion

+
Michael Gabriel spielte früher selbst bei der Frankfurter Eintracht.

Frankfurt – In der Fanszene kennt sich Michael Gabriel als Leiter der bundesweiten Koordinationsstelle Fanprojekte bestens aus. Gabriel wertet den umstrittenen Polizeieinsatz vor dem Europa-League-Spiel in Frankfurt als besorgniserregend.

Der Polizeieinsatz gegen Eintracht-Fans vor dem Europa-League-Spiel am Donnerstag gegen Donezk hat Proteste in etlichen deutschen Stadien hervorgerufen. Warum schlägt der Frankfurter Fall bundesweit so hohe Wellen in den Fankurven?

Weil er aus der Perspektive der Fußballfans als symptomatisch empfunden wird für den Umgang der Polizei mit ihnen, in dem sie ausschließlich als Sicherheitsrisiko wahrgenommen werden. Die Fankultur ist die größte Jugendkultur in Deutschland. Wenn so viele junge Bürger ein so negatives Bild der Polizei haben, sollte das ein Warnzeichen sein. Nicht nur für die Polizei, auch für die Politik.

Innenminister Peter Beuth hat den Einsatz in Frankfurt gerechtfertigt mit einem Interview von Eintracht-Präsident Peter Fischer: Das Stadion müsse brennen, hieß es da unter anderem, ehe es noch ein bisschen missverständlicher wurde.

Das Interview war sicher irritierend, da kann ich die Polizei und den Innenminister verstehen. Aber das hätte der Anlass sein müssen, in einen Dialog zu treten und zu hören, wie Eintracht Frankfurt das einschätzt. Alle Kenner der Fan-Kultur haben genau gewusst, dass daraus eine erhöhte Gefahr von Pyrotechnik bei diesem Spiel abzuleiten, unsinnig ist. Die Eintracht steht unter Bewährung. Weitere Vorfälle hätten einen Zuschauerausschluss bedeuten können. Das wollte keiner.

Kann man als Präsident eines Bundesligisten denn so auftreten?

Ich glaube, dass Peter Fischer und alle bei der Eintracht wissen, dass die Wortwahl ungeeignet war. Nichtsdestotrotz wissen alle, dass er ein emotionaler Mensch ist, dessen Volksnähe dazu beitragen hat, dass Eintracht Frankfurt so reüssiert, mit über 60.000 Mitgliedern. Er wirkt im Verein sehr zusammenführend, das ist ein großer Wert.

Bei der Polizei gibt es doch szenekundige Beamte, die die Lage ähnlich eingeschätzt haben müssen. Weshalb kam es trotzdem zu dem massiven Einsatz?

Das ist eine zentrale Frage. Denn so entsteht der Eindruck, dass das Interview instrumentalisiert wurde, um der Eintracht ein deutliches Signal zu senden. Der Verein wird vom Innenminister sehr kritisch gesehen, weil dieser wohl eine zu große Nähe zum problematischen Teil der Fanszene vermutet.

Gibt es denn zu viel dieser Nähe?

An der einen oder anderen Stelle hätte ich mir schon mal eine kritischere Stellungnahme von der Eintracht erwünscht.

„Fans haben nicht zur Eskalation beigetragen“

In Frankfurt gab es am Donnerstag noch verschiedene Eskalationsstufen. Warum war das nicht mehr aufzuhalten?

Ich sehe nicht, dass die Fans an diesem Tag zur Eskalation beigetragen haben. Sie haben als Protest gegen die aus ihrer Perspektive ungerechtfertigte Durchsuchung und die Behinderung der Choreographie diese abgesagt und ein Transparent gemacht. Das würde ich nicht als Eskalation bezeichnen.

Auf diesem Transparent wurde der Innenminister allerdings heftig beleidigt.

Die Wortwahl ist sicher sehr kritikwürdig. Aber von den Fans ging keine Gewalt aus. Umso bedauerlicher ist, dass zwei Fans bei dem Polizeieinsatz schwer verletzt worden sind.

Wie schwer wiegen die Vorfälle allgemein im Verhältnis zwischen Fans und Polizei?

Sie gießen Öl ins Feuer und bestätigen die Fans bundesweit in ihrer Kritik an der Polizei. Es muss einem Sorge machen, dass sich der Konflikt weiter vertieft. Auch weil auf beiden Seiten die Hardliner dadurch noch einmal Aufwind bekommen.

Wie wirken sich solche Nebenkriegsschauplätze auf normale Fußballfreunde aus, die die Eintracht sehen, feiern und sich an Europa erfreuen wollen?

Wenn man so will, werden die vielen friedlichen Fans von den Hardlinern auf beiden Seiten in Sippenhaftung genommen. Es ist den Eintracht-Fans in Rom und in Kharkiv passiert, dass sie von polizeilichen Maßnahmen betroffen, dass Bewegungsräume eingeschränkt und sie massiven Kontrollen ausgesetzt waren. Wenn es keine Differenzierung gibt, ist das hochproblematisch.

Eintracht Frankfurt schießt sich ins Euro League-Achtelfinale: Bilder

Immer wieder geht es bei den Auseinandersetzungen um Pyrotechnik. Warum muss Pyro im Stadion eigentlich sein?

Viele aktive Fans sagen, dass es für sie Teil von Fankultur ist und ihrer Unterstützung der Mannschaft. Abseits von Fragen der Gefährlichkeit gibt es viele Stimmen – zum Beispiel von Bayern-Präsident Uli Hoeneß – die den optischen Effekt für attraktiv erachten.

Der hessische Innenminister vertritt da eine andere Position. Hat das in die aktuellen Vorkommnisse hineingespielt?

Das ist sicher so. Aber seit bestimmt 15 Jahren wird mit allen Mitteln versucht, Pyrotechnik aus den Stadien fernzuhalten. Wir müssen konstatieren, dass das nicht zu einer Verbesserung der Sicherheit beigetragen hat, im Gegenteil. Daher plädieren wir, dass nach neuen Wegen gesucht wird im Umgang mit Pyrotechnik. Die Basis muss sein, dass die Fans in die Lösung einbezogen werden. Ein Vorgehen ohne Einbeziehung der Fans, wie in Hessen, birgt großes Konfliktpotenzial.

Bengalische Fackeln mit weniger Hitze

Was könnte ein solcher Weg sein?

Der HSV-Vorsitzende Bernd Hoffmann bringt zum Beispiel neue, in Skandinavien entwickelte bengalische Fackeln ins Spiel, die mit viel weniger Hitze abbrennen. Das wäre eine gute Chance, miteinander ins Gespräch zu kommen. In Hamburg passiert das gerade.

In Hessen könnte das schwer werden. Minister Beuth vertritt die Ansicht: Wer im Stadion zündelt, gehört in den Knast. Wie werten Sie diese Aussage?

Das Problem an diesem Satz ist, dass alle wissen, dass er am tatsächlichen Problem nichts lösen wird. Man gewinnt den Eindruck, der Innenminister würde sich ein Feld aussuchen, um sich das Image eines hart durchgreifenden Innenministers zu geben. Fußball, Fankultur und Vereine werden hier instrumentalisiert für ein politisches Eigeninteresse. Junge Menschen ins Gefängnis zu werfen wegen dem Abbrennen von Bengalos – da geraten für mich auch rechtsstaatliche Dimensionen durcheinander.

Das Gespräch führte Markus Katzenbach

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare