Hütterzauber

Die braven Frankfurter Wüstensöhne im Schweizer Trainingslager

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Disziplin im Trainingslager.

Dieses Trainingslager läuft so was von gesittet und manierlich ab. Keiner trinkt mehr als drei kleine Bier, kein Gelage, keine Ausfälle, nichts, nada, öde. Die Kolumne.

Wir, die Wüstensöhne a.D., haben schon einiges erlebt mit den Attilas dieser Eintracht-Welt, weil wir ja schon soooo lange dabei sind. Fast so lange wie der Friedhelm, aber nur fast. Wir waren beim Vater der Gazelle (Abu Dhabi), haben da in Ray’s Bar im 62. Stock inmitten der totalen Dürre ein paar promillehaltigen Kaltgetränke zu uns genommen – die übrigens mit einem Passwort geschützt waren. Wir haben im alljährlichen Pressekick die Eintracht-Oberen um Häuptling Bruno gnadenlos abgezogen (doch, doch, das stimmt), wir haben Herris Fußballkarriere mit einem Phantomfoul beendet (Muskelbündelriss, Feierabend). Wir haben Interviews mit Malermeister Rosi Rosenthal am Pool geführt und waren froh, diese Plastikwelt wieder verlassen zu können. War uns nicht scheichegal.

Wir waren irgendwo in Österreich* (da waren wir oft) und haben gezählt, wie viele Bälle Billy Occean über den Fangzaun geballert hat, wir waren dabei, als Benny Köhler* plötzlich im Hochsommer in Linz auf einem Kamel saß, und wir waren am Start, als mit dem legendären Paul Scharner in einer Scheune verhandelt wurde. Ja, jener Paul Scharner, über den der Bruno sagte: „Es heißt ja, er hat nen Riss in der Schüssel, aber wir haben uns davon überzeugt, dass er keinen hat.“ War wohl nur die halbe Wahrheit.

Von Christioph Daum und Motivation an der Bar

Wir waren dabei, als Christoph Daum* aus seinem Denkgefängnis ausbrach und einen seiner cholerischen Anfälle bekam („Und Sie habe ich in meinen Garten gelassen“), so manch Co-Trainer die Journalisten zu mehr Leistung motivieren wollte („Tschakka, auch ihr könnt das“) und ein anderer vom Stuhl in der Bar kippte (einfach nur so, natürlich).

Wir saßen mit Fotograf Peter am Tisch, als er in Andalusien im besten Mittelhessisch seine Bestellung aufgab: „Machste ma nen Bier und ne Woschtplatt“. Wir waren in Jerez dabei, als Geri Cipi den Binde so übel abgegrätscht hat, dass ihn Container-Willi* mit dem nächsten Flieger heimschickte. Wir haben uns 1001 Witze von Herbert Becker angehört (da waren echt gute dabei), und wir fuhren mit auf die Almhütte, auf der der Armin seine Freundschaft zum Loddar erklärte und erzählte, was er früher, als Spieler, so an Frankfurt schätzte (was aber hier nichts zur Sache tut).

Bei der Eintracht ist man brav geworden

Okay, wir könnten das hier jetzt noch ein bisschen fortführen, ist ja klar, wir sind ja schon soooo lange dabei. Und überhaupt: Früher war sowieso alles besser und doller und wilder und weiß der Geier was.

Aber wir sind ja jetzt in der Gegenwart, und da läuft dieses Trainingslager hier gerade mal so was von gesittet und manierlich ab. Keiner trinkt mehr als drei kleine Bier, kein Gelage, keine Ausfälle, nichts, nada, öde. Vielleicht liegt es ja auch an der Schweiz, wo es nicht nur sündhaft teuer ist, sondern alle Menschen auch so was von korrekt und anständig sind, dass es schon fast Schmerzen bereitet. Wir sind hier noch über keinen Zebrastreifen gegangen, ohne dass das herandüsende Auto nicht schon lange vorher abgebremst und der Fahrer ein Handzeichen zum Überqueren gegeben hätte. Ein Fest für Adolph Freiherr Knigge.

Okay, es gibt auch ein paar Schattenseiten der strengen Ordnung. Ein Kollege hat sein Parkticket nicht pünktlich verlängert, weshalb er schon zehn Minuten später einen Strafzettel über 45 Franken zu zahlen hatte (selbst schuld, weiß ja jeder, wie die Schweizer sind). Und gestern beim Frühstück wurden wir doch glatt von einem Herrn am Nachbartisch ermahnt, wir sollten doch nicht so laut sprechen. „Bitte“, hat er natürlich noch angefügt. Wir haben uns dann schnell vom Acker gemacht. War uns irgendwie unangenehm.

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