Stadionverbote

Kommentar: Fans in Sippenhaft

+
Wer nur Randale will, hat im Stadion nichts verloren.

Die Sache ist von erheblicher Bedeutung für den deutschen Fußball: Der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe hat in einem Grundsatzurteil entschieden, dass Fans schon bei dem Verdacht auf Gewaltbereitschaft mit einem bundesweiten Stadionverbot belegt werden können. Von Ralf Enders

Es genügt, dass der Fan Teil einer Gruppe ist, die durch Randale auffällt. Die Vereine, der Deutsche Fußballbund und die Polizei sind zufrieden. Fangruppen reagieren geschockt und wollen bis vors Bundesverfassungsgericht ziehen.

Bei dem Streit geht es um mehr als um einen - zu Recht oder zu Unrecht - ausgestoßenen Fan, der sich wehrt. Vielmehr prallen zwei Welten aufeinander: die Ultra-Szene und der DFB. Beide haben nur Fußball im Kopf. Doch die einen sprechen vom Stadion mit Bier und kalten Füßen und vertreten die reine Lehre der Kurve („Sitzen ist für‘n Arsch“). Die anderen dagegen wollen moderne Arenen und ein klinisch sauberes Familienvergnügen. Die Wahrheit scheint wie so oft in der Mitte zu liegen. Zwischen Fußball in Reinkultur und dem berechtigten Anspruch, für 50 Euro Eintritt sicher und im Trockenen zu sitzen. Schlägt das Pendel in die eine Richtung, gibt es Verhältnisse wie in Italien, wo gewalttätige Ultras die Szene beherrschen und sich Väter mit ihren Kindern nicht mehr ins Stadion trauen. Schlägt es in die andere Richtung, ist unser Fußball bald so künstlich und leidenschaftslos wie Sport in den USA.

Doch das Urteil des höchsten deutschen Zivilgerichts ist nicht dazu geeignet, diesen Konflikt zu lösen. Die Worte Sippenhaft und Willkür drängen sich auf, wenn jeder Fan, der mit einer gewaltbereiten Gruppe vom Bahnhof ins Stadion läuft, ausgeschlossen werden kann. Der Richterspruch belastet also das Verhältnis zwischen DFB, Vereinen, Polizei und den zu Unrecht kriminalisierten Fans weiter.

Gefragt ist vielmehr ein vernünftiger Ausgleich der Interessen, mit Gesprächen und Fanprojekten zum Beispiel. Vor allem darf es nicht sein, dass die Polizei in diesem Spannungsfeld den Kopf hinhalten muss. Die Vereine und der DFB müssen erkennen, dass die Ultras mehr sind als nette Folklore hinterm Tor. Sie gehören zur Seele des Vereins - wenn sie gewaltfrei bleiben freilich. Denn auch darüber darf es keine zwei Meinungen geben: Wer nur Randale will, hat im Stadion nichts verloren. Es wäre gut, wenn hier die Selbstheilungskräfte in der Ultra-Szene für Hygiene sorgen, bevor der Staat zum Handeln gezwungen ist.

Es muss ja nicht gleich so herzergreifend zugehen wie vergangenes Jahr auf dem Weihnachtsmarkt in Gelsenkirchen: Dort verkaufte die „Sektion Stadionverbot" der Ultras zugunsten sozialer Einrichtungen selbstgebackene Waffeln, Kakao und alkoholfreien Punsch.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare