Public Viewing beim Klub Croatia

Am Ende steht riesiger Jubel

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Gemeinsam haben Kroaten aus Obertshausen das WM-Viertelfinale „ihrer“ Fußballer gegen Russland im Fernsehen geschaut – und am Ende gejubelt.

Obertshausen - Für einen echten Kroaten ist Fußball mindestens so wichtig wie für die Fans des ausgeschiedenen Löw-Teams. Von Michael Prochnow 

Anhänger der kroatischen Fußball-Nationalmannschaft zittern deshalb im Vereinsheim des Hrvatski Klub Croatia (HKC) um den Einzug ihrer Elf ins Halbfinale der Weltmeisterschaft. Sie sitzen im „Podrum“, dem größten der Vereinsräume im Keller hinter dem Mayer-Motel an der Albrecht-Dürer-Straße, vor dem Bildschirm.

Schon am Nachmittag haben Mitglieder Koteletts gebrutzelt. Grill und Blech liegen noch im Hof, aus dem Souterrain dringen Schreie, die das Mark durchdringen. Rakitic, sonst Spieler beim FC Barcelona, hat das Netz ganz knapp verfehlt, die Szene wird gerade in Zeitlupe wiederholt.

Der Raum ist nicht überfüllt. Männer und einige Frauen verteilen sich auf den Brauereistühlen um die Holztische. Plastikteller sind mit Paprikachips oder süßen Gummis beladen. In einem Kunststoffkasten von der Bäckerei liegen viele Brezeln, Ketchup- und Senfflaschen stehen bereit, dazu Schalen mit Plastiklöffeln, abgepacktem Zucker und kleinen Einheiten Kaffeesahne.

Getrunken wird Grasevina, die Weinsorte aus dem slawonischen Kutjevo bei Pozega, von wo einst viele Gastarbeiter kamen. Bier gibt‘s auch, ebenso Limonade, Wasser und Cockta, ein Fruchtsaftgetränk aus der Heimat. Marija und Elvira bringen die Getränke von der Theke im Flur. Kristina reicht gebückt die Brezelkiste herum, um bloß nicht die Sicht auf den Fernseher zu blockieren. Nur eine verlässt ihren Platz in der ersten Reihe nicht, Vorstandsmitglied Danica. „Mir schlägt das Herz bis zum Hals“, gesteht sie.

Sie trägt ein Hemd mit der typischen „Sahovnica“, dem rot-weißen Schachbrettmuster, auf dem Rücken. Es gibt Kleidungsstücke, die komplett mit den Quadraten überdeckt sind, wie das von Milan, dem Vorsitzenden des gleichnamigen Fußballclubs auf demselben Gelände. Zum Mannschaftstrikot gehört freilich auch das Wappen des kroatischen Fußballverbands HNS. Danica hat noch eine locker gebundene Krawatte mit dem fünfzackigen Wappen Kroatiens umgebunden.

Dann wieder Schreie, Ivica und Stefan sind schon mit ausgestreckten Armen aufgesprungen. Verwirrung herrscht. Danica sieht gerade in der Wiederholung, dass der Ball vom Pfosten nicht hinter die Torlinie gelangt ist. Der Jubel erstarrt.

Die Südosteuropäer und ein paar einheimische Freunde verfolgen den Kampf über den kroatischen TV-Kanal HRT2. „Lopta“ ist der Ball, lernen die Gäste rasch, „puca“ heißt schießen. Und mit „idi, idi“ fordern die Männer vorm Bildschirm jene auf dem Rasen auf, los zu rennen. Und Fußball überhaupt ist „Nogomet“.

Kroatien nach Elfmeterschießen gegen Russland im Halbfinale

Gefühlt hunderte Mal hat der Sprecher den Namen von Stürmer Raketic in allen Variationen geschrien, enttäuscht aufgesagt, aufgeregt gerufen, als spielte nur dieser. An die anderen Namen, von denen viele aus der Bundesliga bekannt sind, hängt der Fernsehmann ein „-a“ an, sodass sie für deutsche Ohren kaum erkennbar sind. Aber so funktioniert die Grammatik der kroatischen Sprache, sieben Fälle, und im Akkusativ erhalten männliche Namen noch ein finales „a“.

Jemand hat noch einen Eimer Popcorn aufgemacht. Das interessiert aber keinen, weil gerade der Ausgleich in der Verlängerung fällt. Jetzt also auch noch die Entscheidung per Elfmeter, da halten alle im Raum die Luft an. Bis zum letzten Schuss. Dann ist der Jubel grenzenlos.

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