Interview nach Attacken

Sportpsychologe über den Umgang mit Schiedsrichtern: "Einige treiben Machtspiele"

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Die sich häufenden körperlichen Übergriffe auf Fußball-Schiedsrichter im Amateurbereich werfen viele Fragen auf. 

Die sich häufenden körperlichen Übergriffe auf Fußball-Schiedsrichter im Amateurbereich werfen viele Fragen auf. Zum Beispiel die, warum es in anderen Sportarten viel gesitteter zugeht.

Offenbach – Die Emotionen seien überall gleich, betont Sportpsychologe Prof. Dr. Michael Gutmann aus Mühlheim. Viel ist seiner Meinung nach vom Umfeld abhängig. Der Fußball könne dabei einiges von anderen Sportarten lernen.

Hat es Sie überrascht, dass es im Amateurfußball zuletzt vermehrt Attacken auf Schiedsrichter gegeben hat?

Leider nein. Das ist eine Entwicklung, die bereits seit einiger Zeit anhält. Zudem ist Fußball eine Sportart mit hoher Aufmerksamkeit und hohem Interesse. Da werden solche Ereignisse schnell bekannt. Dennoch gibt es nach meinem Eindruck im Fußball nicht mehr Emotionen als in anderen Sportarten, sie werden bloß anders ausgelebt, weil die Umgangsformen einem gefühlt mehr Spielraum geben und suggerieren, dass mehr möglich ist. Zudem gibt es oft ein Umfeld, das das alles zulässt.

Oft werden Vorfälle mit dem Satz „Das sind Emotionen, die zum Fußball gehören“ heruntergespielt. Wie bewerten Sie diese Aussage?

In der Tat gehören Emotionen zum Fußball, aber sie gehören auch zu anderen Sportarten und zum Leben. Das Problem ist der Umgang mit ihnen und welche Reaktionen sich daraus ergeben. Und da sind zuletzt Dinge vorgefallen, die einfach nicht in diese Welt gehören.

Fußball lässt mehr Emotionen zu

Täuscht es, oder haben andere Sportler ihre Emotionen oft besser im Griff als Fußballspieler?

Es gibt auch im Fußball Spiele mit weniger Emotionen. Die Sportart lässt aber grundsätzlich mehr Spielraum zu, um Emotionen auszuleben als andere Sportarten. Beispiel Torjubel. Das sind ja positive Emotionen. Beim Fußball hat man aber manchmal das Gefühl, als sei dabei die Kontrolle komplett verloren gegangen. Würde man beim Basketball jeden getroffenen Wurf so ausgelassen bejubeln wie beim Fußball, bekäme man von den Kollegen einen Riesenrüffel, weil man in der Defensive gefehlt hat. Es geht also nicht darum, die Emotionen im Griff zu haben, sondern die Reaktionen darauf. Da unterscheiden sich die Sportarten, was erwünscht und zulässig ist.

Sie haben das Umfeld angesprochen, das im Fußball vieles zulasse. Was genau meinen Sie damit?

Wenn man sich Videos von Vorfällen im Amateurfußball ansieht, fragt man sich oft, was die anderen Spieler auf dem Platz eigentlich in solchen Situationen machen. Decken die das alles? Normalerweise müssten alle zusammen – also Spieler, Ersatzspieler, Trainer, Betreuer, Zuschauer – klarmachen, was nicht geht. Das Zulassen der Aggressivität ist ein Problem. Es geht dabei auch um die Frage, wie sich der Verein verhält. Lässt man wichtigen Spielern mehr durchgehen, weil sie im nächsten Spiel gebraucht werden? Wichtig wäre auch, dass der Schiedsrichter vom kompletten Umfeld als Respektsperson akzeptiert wird. Stattdessen wird oft Intoleranz toleriert. Das ist ein Problem, dessen Folgen man nur schwer abschätzen kann.

In anderen Sportarten fallen oft wesentlich mehr Punkte, sodass sich eine entscheidende Situation schwerer ausmachen lässt. Spielt das eine Rolle?

Das wird natürlich dazu beitragen, wie Sportler mit Entscheidungen der Schiedsrichter umgehen. Im Fußball sind einzelne Situationen gefühlt bedeutsamer. Wenn nach 90 Minuten in der Nachspielzeit etwas passiert, neigt man dazu, diese Szene hochzuspielen und als spielentscheidend herauszustellen, auch wenn es vielleicht zuvor zahlreiche Situationen gab, in denen man das Spiel hätte selbst entscheiden können.

Seit 2010 sind Sie Leitender Psychologe des Deutschen Leichtathletikverbandes. Dort haben Sie zumeist mit Einzelsportlern zu tun. Gehen diese anders mit Emotionen um?

Bei den Laufdistanzen gibt es auch Körperkontakt. Mal wird gerempelt, mal kriegt man einen in die Hacken. Die Leichtathleten wissen aber, dass ihr persönlicher Erfolg von ihnen selbst abhängt und die Kampfrichter eigentlich nicht entscheidend sind. Sofern es doch mal zu so einer Situation kommt, wurde meistens vorher etwas falsch gemacht. Emotionen gibt es in den Einzelsportarten genauso, nur die Reaktionen darauf unterscheiden sich und aggressive Ausbrüche werden weniger toleriert.

Umgang mit Schiedsrichtern: In unteren Klassen herrscht schneller Enttäuschung

Zuletzt häuften sich die Vorfälle beim Fußball in unteren Klassen. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Die Beobachtung, dass es in unteren Klassen heißer hergeht, gibt es auch in anderen Sportarten. Da die Kompetenzen dort nicht so ausgeprägt sind, herrscht schneller Enttäuschung. Die kann leicht in Verärgerung umschlagen und führt dann bei dem einen oder anderen zu aggressiven Verhaltensweisen. In höheren Klassen ist den Spielern eher bewusst, worum es geht. Sie haben die Reaktionen auf ihre Emotionen daher in der Regel eher unter Kontrolle.

Im Handball, Rugby oder Eishockey geht es deutlich härter zur Sache als im Fußball. Trotzdem gibt es dort seltener Übergriffe. Wie ist das zu erklären?

Die Regeln sind dort in Bezug auf die Frage, was im Bereich der „normalen Härte“ erlaubt ist, teilweise sehr viel klarer gefasst. Im Rahmen des Erlaubten wird ordentlich zugelangt, das schafft ein gewisses Ventil. Es gibt zudem klare Regeln, die den Umgang mit dem Schiedsrichter betreffen. Beim Rugby darf nur der Spielführer mit ihm reden. Den unmittelbaren Kontakt des betroffenen Spielers mit dem Schiedsrichter gibt es somit nicht. Davon könnte sich der Fußball vielleicht ein Scheibchen abschneiden.

Müsste im Fußball also die Rolle des Schiedsrichters gestärkt werden?

Ja, bitte, auf jeden Fall. Da ist der Respekt aller gefragt. Der Schiedsrichter ist ja jemand, der versucht, eine gerechte Spielausführung zu ermöglichen. Einige treiben aber mit ihm Machtspiele und versuchen, sich einen Vorteil zu verschaffen. Es wäre wichtig, dass die Rolle des Schiedsrichters von allen akzeptiert wird. Er macht seinen Job, aber er macht manchmal auch Fehler. Erfahrungsgemäß gleicht sich das aber unterm Strich im Laufe der Saison aus.

Spieler und Trainer greifen Schiri brutal an: Situation „eskalierte in Sekundenschnelle“

Sie haben selbst Basketball gespielt. Wie haben Sie den Umgang mit den Schiedsrichtern dort wahrgenommen?

Die Regeln sind auch beim Basketball klar. Die Spieler wissen, dass alles Konsequenzen hat und die Partie für sie zum Beispiel nach einer gewissen Anzahl an Fouls beendet ist. Sie akzeptieren vielleicht eher, dass das nicht zu ändern ist, auch weil man sich mit Fehlverhalten nicht nur selbst, sondern dem ganzen Team schadet. Ein technisches Foul hat zum Beispiel zur Folge, dass der Gegner Freiwurf und danach Ballbesitz hat. Dennoch kochen auch im Basketball manchmal die Emotionen hoch, aber dort sorgen die Mitspieler und Betreuer gefühlt effektiver dafür, dass die emotionalisierten Spieler ihre Emotionen besser in den Griff kriegen.

Das Gespräch führte Christian Düncher

ZUR PERSON

Prof. Dr. Michael Gutmann (61) war 1975 Deutscher Jugendmeister im Hochsprung. Er hat von 1978 bis 1983 Psychologie an der Uni Bielefeld studiert und betreibt eine eigene Praxis in Mühlheim. Seit 2010 ist er Leitender Psychologe des Deutschen Leichtathletikverbandes (DLV), zudem Professor für Gesundheits- und Sportpsychologie an der Privaten Hochschule Göttingen und war fünf Jahre Sportpsychologe des Fußball-Nachwuchsleistungszentrum der Frankfurter Eintracht. cd

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