Sehnsucht nach Heimatgefühl

Dreieich statt Athen: Pezzoni hat genug vom Wandertum als Fußball-Profi

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Überzeugt von sich und vom SC Hessen: Kevin Pezzoni (links) stemmte sich bei seinem Einstand mit Erfolg gegen den FC Homburg und Daniel di Gregorio. 

Offenbach - Weit fahren muss Kevin Pezzoni nicht mehr. Rund zehn Kilometer sind es zum Trainingsgelände des SC Hessen Dreieich. Das war für den 29-Jährigen ein Aspekt, der die Zusage zum Wechsel in die Regionalliga Südwest beeinflusst hat. „Es war eine Herzensentscheidung, wieder in die Heimat zu gehen“, sagte der 14. und prominenteste Zugang.Von Jörg Moll 

Der Defensivallrounder, der beim 1:0 gegen den FC Homburg ein starkes Debüt gab, erst als Abräumer im Mittelfeld, dann nach Denis Strekers Platzverweis in der Innenverteidigung, hatte auch andere Angebote. Erstligisten aus dem Ausland waren dabei, auch deutsche Klubs.

Doch Pezzoni, der in 13 Jahren als Profi 80 Bundesligaspiele, 31 Zweitligapartien und 90 Einsätze in der 3. Liga für den 1. FC Köln, Erzgebirge Aue, den 1. FC Saarbrücken und den SV Wehen Wiesbaden absolvierte, wollte nach Hause. Im Mörfelder Stadtteil Walldorf ist er aufgewachsen. Dort fühlt sich der 1,94 Meter große Modellathlet heimisch. Da kam der Ruf des SC Hessen gerade recht. „Das Projekt ist reizvoll, ich freue mich, es mittragen zu dürfen“, sagt Pezzoni, der bis Juni 2020 unterschrieben hat.

Heimat war für ihn als Profi oft ein Fremdwort. Nach Jugendzeiten bei Darmstadt 98 und Eintracht Frankfurt ging er zu den Blackburn Rovers (England), von dort nach Köln, Aue, Saarbrücken, ins schweizerische Wohlen. In den drei Jahren beim Drittligisten SV Wehen Wiesbaden wohnte er wieder zu Hause.

Dann lockte der griechische Erstligist Apollon Smyrnis. Doch aus dem Abenteuer wurde schnell ein Albtraum. Der Klub aus dem Athener Stadtteil hatte den früheren Bremer und Münchner Valerien Ismael als Trainer verpflichtet. In Justin Eilers (Werder Bremen/Dynamo Dresden) und Hilal El-Helwe (Hallescher FC) kamen weitere Spieler aus Deutschland.

„Nach wenigen Wochen wurde der Sportdirektor ausgetauscht und wir Deutschen wurden ausgemustert“, berichtet Pezzoni, der fortan Sondertraining um sechs Uhr früh machen musste. „Wir liefen nur Runden. Der Trainer kam oft erst um 6.30 Uhr.“ Ismael warf später hin, weil ihm der Präsident reinreden wollte. Auch Pezzoni, der die Stadt Athen als traumhaft zum Leben beschreibt, hatte die Nase voll und kehrte zurück nach Walldorf.

Nicht die erste Enttäuschung in seiner Karriere. Zweifelhafte mediale Berühmtheit erlangte er 2012, als er vom 1. FC Köln freigestellt wurde - nach monatelangen Anfeindungen und Bedrohungen der Fans. „Ich möchte darüber nicht mehr reden“, sagt er: „So wie es ist, ist alles gut.“

Pezzoni freut sich auf den nächsten Abschnitt seiner Karriere, in dem er auch das Leben nach dem Fußball planen will: „Ich bin nicht der klassische Fußballertyp: einmal trainieren und dann Essen gehen ist mir schon länger zu wenig.“ Als Mitinhaber einer Immobilienfirma hat er längst konkrete Vorstellungen für die Zukunft. Sportlich natürlich auch. „Für uns geht es erstmal nur um den Klassenerhalt. Aber den schaffen wir, da bin ich sicher.“

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Bei den neuen Teamkollegen hat er schnell Eindruck gemacht. „Er ist ein super Typ, vollkommen klar im Kopf“, lobt Denis Streker, der auch Pezzonis Qualitäten auf dem Platz schätzt: „Solch einen Spieler will jeder im Team haben.“ Mit Dominic Rau spielte Pezzoni von 2012 bis 2014 für Aue. „Schon damals haben wir uns super verstanden“, sagt Rau.

Typen mit solcher Überzeugung kann der SC Hessen gebrauchen. Pezzoni weiß, dass er dafür geholt wurde. „Der Glaube an die eigene Stärke war etwas verloren gegangen“, hat er erkannt. Bis zum 1:0 gegen Homburg, bis zu Pezzonis perfektem Einstand.

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