OFC-Publikumsliebling Josef Weilbächer

Über die „Genugtuung, es im dritten Versuch geschafft zu haben“

+
Josef „Seppl“ Weilbächer (links) grätscht beim 1:0-Sieg gegen Borussia Mönchengladbach Herbert Wimmer den Ball vom Fuß. Der Klein-Auheimer Rechtsverteidiger absolvierte 1968/69 alle 34 Spiele für den Bundesliga-Neuling aus Offenbach.

Offenbach - Was für die meisten Viertligakicker heute unverstellbar ist, war für Josef Weilbächer in den 60er Jahren Normalität: Nach dem Fußballtraining bei Kickers Offenbach ging es nach Hause nach Klein-Auheim - die Arbeit in der Familiendruckerei wartete. Von Jörg Moll

Josef „Seppl“ Weilbächer zog mit seiner Frau vor zehn Jahren von Klein-Auheim nach Steinheim.

Der Rechtsverteidiger war 1965 von Eintracht Frankfurt zu den Offenbacher Kickers gewechselt. Im Interview erinnert sich der 74-Jährige, der später auch im Vorstand des OFC aktiv war, an den ersten Aufstieg - und die bewegten Zeiten rund um den Bieberer Berg.
Herr Weilbächer, Sie waren Stammspieler in der Aufstiegsmannschaft von 1968. Welche Momente sind Ihnen noch in besonderer Erinnerung?
Die ganze Aufstiegsrunde war etwas Besonderes. Für uns Spieler war es eine Genugtuung, nachdem wir zuvor zweimal gescheitert waren. Die Euphorie nach dem letzten Spiel, dem 2:0 gegen TuS Neuendorf, auf dem Bieberer Berg war riesig. Auch intern haben wir richtig gefeiert (lacht). 

Heute ist der Ärger groß, dass die Meister der Regionalligen nicht aufsteigen und stattdessen zwei Relegationsspiele bestreiten müssen. Darüber können Sie nur lachen, oder?

Dass die Meister der damals zweitklassigen fünf Regionalligen nicht aufsteigen durften, kann man sich heute nicht mehr vorstellen. Noch viel weniger, dass sie mit den Vizemeistern eine Aufstiegsrunde mit Hin- und Rückspielen bestreiten mussten. Wir waren ja mit den Kickers zwischen 1965 und 1970 in fünf Jahren viermal in der Aufstiegsrunde. Das bedeutete: Sommerurlaub war für uns tabu. Stattdessen standen alle vier Tage Spiele an. Zu den Auswärtsspielen sind wir immer mit dem Bus quer durch die Republik gefahren.

108.000 Zuschauer in vier Heimspielen der Aufstiegsrunde. Wie oft hatten Sie Gänsehaut?

Die Leute haben unglaublich mitgefiebert. Und die Zuschauer hatten immer nur eines im Sinn: Den OFC lautstark zu unterstützen. Die Zuschauer haben dich so nach vorne gepeitscht, dass du selbst mit Verletzungen immer weiter gespielt hast.

Wie groß war die Genugtuung nach der skandalösen Nichtberücksichtigung bei Einführung der Bundesliga 1963?

Das galt eher für den Verein und das Umfeld. Für uns Spieler war die Genugtuung groß, weil wir zuvor schon zweimal in der Aufstiegsrunde gescheitert waren. Endlich hatte es mit dem Aufstieg geklappt. Blöd war, dass wir direkt wieder abgestiegen sind.

Beschreiben Sie mal die damalige Mannschaft. Da gab es ja einige richtige Charakterköpfe, oder?

Ja klar. Angefangen bei Hermann Nuber. Er war natürlich der Chef. Ich habe sehr gerne mit ihm zusammengespielt. An ihm konntest du dich immer aufrichten. Aber er sagt mir auch heute noch: „Als ihr (Anm. d. Red.: Josef Weilbächer und Torwart Wolfgang Mühlschwein) 1965 zu uns gekommen seid, ging es erst richtig aufwärts.“ Sensationell auch Alfred Resenberg. Der war Verkehrspolizist in der Offenbacher Innenstadt und stoppte schon mal den kompletten Verkehr an der Kreuzung, weil er meine Frau gesehen hatte und ihr die Vorfahrt gewähren wollte (lacht). Ein Original war auch Ferdinand Heidkamp. Der fuhr immer im Porsche vor, trug schicke Designerklamotten - hatte aber nie Geld. Kaum zu glauben: Beim OFC gab es Spieler, die am Monatsende kaum ihre Miete zahlen konnten.

Sie selbst wechselten 1965 von den „Unaussprechlichen“, also Eintracht Frankfurt, auf die andere Mainseite. Was mussten Sie sich da anhören?

Ach, das war nur anfangs etwas heikel. Der OFC hatte mich vor Bekanntgabe des Wechsels zur Sicherheit irgendwo im Spessart „einquartiert“. Aber ich war dann schnell ein Publikumsliebling in Offenbach. Wolfgang (Mühlschwein) und ich kamen zum OFC, um etwas zu reißen. Das haben alle honoriert.

Die Offenbacher Nuber, Rodekurth, Oehlenschläger, der Klein-Auheimer Weilbächer, der Dietesheimer Schmitt: Der OFC stieg damals mit vielen Spielern aus der Region auf. Wäre so etwas heute noch denkbar?

Ich weiß es nicht. Aber wenn du die richtigen Spieler findest? Aber klar: Der Sprung in die erste Mannschaft war schon damals groß. Es gab auch viele Spieler aus der Umgebung, die es versucht, aber nicht geschafft haben.

Nach dem Aufstieg gelang im ersten Heimspiel ein 2:1-Sieg gegen Meister Nürnberg, am Ende stand aber der Abstieg als Tabellenletzter. Warum reichte es nicht zum Klassenerhalt?

Weil die anderen einfach besser waren. Bei uns war am Anfang die Euphorie groß, aber später hingen nach einigen Niederlagen die Köpfe.

Es folgten wilde Jahre beim OFC mit Wiederaufstieg, DFB-Pokalsieg, Bundesliga-Skandal. Wie haben Sie diese Gefühlsachterbahn erlebt?

Das war schon sehr extrem, das stimmt. Positiver Höhepunkt war natürlich der Pokalsieg 1970. Wie unerwartet unser 2:1-Sieg kam, zeigte sich, als wir beim Siegerbankett nicht in der ersten Reihe sitzen sollten. Da hatte der DFB den 1. FC Köln platziert. Das hat unser Präsident Horst-Gregorio Canellas dann schnell geändert (lacht).

Testen Sie Ihr Wissen: Das OFC-Quiz für Experten

Sie selbst haben 1971 nach dem erneuten Abstieg in Folge des Bundesliga-Skandals aufgehört - mit 28 Jahren.

Ich hatte einige Angebote - etwa von Hertha BSC oder Grasshoppers Zürich. Aber ich habe mich dann für eine Zukunft in unserer Druckerei entschieden und bin deshalb zum FC Alemannia Klein-Auheim gegangen.

Noch heute heißt es, dass der OFC einen hohen Preis für die Erfolge in dieser Zeit zahlte, weil er über seine Verhältnisse lebte.

Der Niedergang begann, als der OFC fremde Spieler holte - aus Österreich und sonst woher. Von da an lebten die Kickers über ihre Verhältnisse.

Seit 2013 spielt der OFC wieder Regionalliga - allerdings viertklassig. Werden Sie wieder Spiele im Stadion verfolgen?

Das Herz hängt immer noch am OFC, mal sehen, ob ich es wieder hinkriege.

Und wann feiert der OFC mal wieder eine Aufstiegsparty?

Oh je, das ist schwer zu sagen. Das muss man erstmal abwarten. Ein neuer Trainer ist da, dazu einige neue Spieler. Das muss sich alles erst finden. Viel wichtiger ist: Der OFC muss aufpassen, dass der SC Hessen Dreieich ihm nicht den Rang abläuft.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare