OFC-Chancencamp für Flüchtlinge

Der Ball als kommunikativer Kitt

Kicken, Lernen und Anschluss finden: 58 Flüchtlinge trainieren im Chancencamp des OFC am Wiener Ring. Am Freitag können interessierte Kreisklubs anhand der während der fünf Tage erstellten Profile Kontakt zu möglichen Verstärkungen aufnehmen.
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Kicken, Lernen und Anschluss finden: 58 Flüchtlinge trainieren im Chancencamp des OFC am Wiener Ring. Am Freitag können interessierte Kreisklubs anhand der während der fünf Tage erstellten Profile Kontakt zu möglichen Verstärkungen aufnehmen.

Offenbach - Das Chancencamp der Offenbacher Kickers bringt 58 junge Fußballbegeisterte nicht nur auf andere Gedanken. Es könnte Flüchtlingen Zukunftschancen eröffnen. Von Jörg Moll

Dazu beitragen soll ein Profil, das über jeden einzelnen während der Woche im Sana-Sportpark am Wiener Ring erstellt wird. Ein Dutzend junger Männer nehmen sich an der Hand und spielen sich im Kreis den Ball zu, während sie sich gemeinsam über den Kunstrasen bewegen. Afghanen, Albaner und Somalier kicken mit Iranern, Irakern oder Syrern. Mindestens 16-Jährige stolpern und lachen mit maximal 23-Jährigen, sie witzeln mit- und übereinander. Ausgelassen, losgelöst vom persönlichen Schicksal. Das ist zuweilen jenseits der Grenze des Vorstellbaren. Da ist der 20 Jahre alte Iraner, der die meiste Zeit zu Fuß nach Deutschland kam. Da ist der Albaner, der seit acht Jahren in einer der Gemeinschaftsunterkünfte im Kreis lebt, weil sein Asylantrag nicht bearbeitet ist. Und da ist der 17-jährige Iraker, der mit seiner Familie vor zehn Monaten floh. Sprachbarrieren sind schnell vergessen, der Ball ist das kommunikative Kitt.

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„Sie alle sind hochmotiviert“, zeigt sich Sebastian Bruns beeindruckt. Der 28-Jährige ist administrativer Leiter des OFC-Nachwuchsleistungszentrums (NLZ) und stellt sich wie eine Reihe weiterer Trainer der Kickers als Übungsleiter zur Verfügung. Am Freitag wird Ex-Profi Angelo Barletta ein Showtraining auf dem Gelände von Gemaa Tempelsee leiten. Dazu sind alle 75 Kreisvereine eingeladen. Sie können ab 16 Uhr anhand der angefertigten Profile Kontakt zu den Fußballern aufnehmen. Bruns wird mit seinen Kollegen eine Einschätzung über die sportliche Qualität vornehmen. „Für uns ist wohl keiner dabei“, sagt Bruns zwar. Doch es könnte dennoch eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten werden. Die Flüchtlinge hätten den ersehnten Anschluss gefunden und sind - unabhängig von ihrem Asylstatus - sofort spielberechtigt, zumindest bis zur Hessenliga. Für Regionalligisten und Klubs mit NLZ schreibt der DFB strengere Regularien vor.

Die fünf Tage am Wiener Ring sind intensiv getaktet. Um 8.30 Uhr beginnt der Tag mit Frühstück und dem Austeilen der Trainingskleidung, Badetücher und Schuhe gegen Abgabe der Wertsachen. Auch die Aufenthaltsgenehmigung wird einbehalten, was anfangs schwer fiel. „Das ist ein ganz wichtiges Papier für diese Menschen“, zeigt Sarah Schmidt von Mitorganisator KIZ Offenbach Verständnis. Jeder Teilnehmer erhält eine Rückennummer und ein grünes oder rotes Bändchen. Damit werden die Trainingsgruppen unterschieden. Neben zwei Fußball-Einheiten steht Deutsch-Unterricht auf dem Programm. Der kann auch mal in der Kabine beginnen. Lehrerin Anika Kissner bevorzugt anschauliches Lernen. „Das ist eine Pfeife“, sagt sie und deutet auf ein Bild. „For the referee“, sagt ein Junge. Später wird er von Schiedsrichtern sprechen.

Bilder: OFC-Chancencamp für Flüchtlinge

OFC-Chancencamp für Flüchtlinge
OFC-Chancencamp für Flüchtlinge
OFC-Chancencamp für Flüchtlinge
OFC-Chancencamp für Flüchtlinge
Bilder: OFC-Chancencamp für Flüchtlinge

Antje Hagel vom Fanprojekt Offenbach bringt derweil die deutsche Fußball- und Fankultur näher. Im Raum nebenan befragen Ehrenamtler Teilnehmer zu schulischer und beruflicher Qualifikation, Sprachkenntnissen, aber auch zu Hobbys. Dolmetscher helfen, doch auch sie sind zuweilen ratlos. „Ich spreche kein Persisch“, zuckt ein Arabisch-Übersetzer mit den Schultern. Hände und Füße, Stifte und Zettel - alles, was hilft, muss zur Verständigung mit einem Iraner herhalten. Es gelingt schließlich mit einem Lächeln. Für Initiator Lars Kissner vom OFC-Fanradio ist das Chancencamp ein Modellversuch. Bewährt es sich, sollen weitere Angebote folgen. „Aber jetzt sind wir erstmal gespannt, wie es die Vereine am Freitag annehmen“, blickt er voraus.

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