„Zweigleisige 4. Liga nicht darstellbar“

DFB-Vize Zimmermann zu Regionalliga-Reformen: „Ich begrüße vier Aufsteiger“

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Am 31. Mai 2015 versank Fußball-Offenbach in Tränen. Der OFC musste als Meister der Regionalliga Südwest in den Aufstiegsspielen dem 1. FC Magdeburg den Vortritt lassen. Ab 2018 könnte der Südwest-Vertreter ein direktes Aufstiegsrecht erhalten.

Offenbach - Die Reform der Fußball-Regionalligen kommt. So viel scheint mittlerweile sicher. Die Frage ist nur: Wann kommt sie? Und wie sieht sie aus? Unser Sportredakteur Jörg Moll hat über die diskutierten Modelle mit Ronny Zimmermann gesprochen.

Der 56-jährige Jurist ist Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Zudem ist er Vorsitzender des Badischen Fußball-Verbandes und des Gesellschafterausschusses der Regionalliga Südwest.

Herr Zimmermann, der Reformprozess in den Regionalligen wird heiß diskutiert. Wie beurteilen Sie die Erklärungen, die die Vertreter der fünf Regionalligen und der 3. Liga abgegeben haben?

Ich habe nichts anderes erwartet. Wir hatten vor dem DFB-Bundestag 2016 auch eine solche Umfrage durchgeführt. Damals ist es nicht einmal gelungen, innerhalb der Regionalliga Südwest einen breiten Konsens für eine Lösung zu finden. Das ist nun zumindest im Südwesten anders. 14 Klubs sind in unserer Staffel für den Vorschlag, auf vier Regionalliga-Staffeln zu reduzieren und daraus alle Meister aufsteigen zu lassen.

DFB-Vizepräsident Ronny Zimmermann.

Was macht die Entscheidungsfindung so komplex?
Das pyramidale System ist ein großes Problem. Die Größe des deutschen Fußballs wird zur Schwäche, weil es nach unten schwieriger wird, allen Interessen gerecht zu werden. Wenn es um eine Lösung geht, bei der der eigene Verein am Ende nicht dabei ist, stimmt man dagegen. Das ist menschlich. Hinzu kommen regionale Unterschiede. Der Norden, Nordosten und Bayern sind eher ländlich besiedelt, die Regionalligen Südwest und West sind von Ballungsgebieten geprägt. Das macht es schwierig.

Wie stehen Sie als Vorsitzender des Gesellschafterausschusses der Regionalliga Südwest zu den Vorschlägen, dass der Meister der Südwest-Gruppe einen direkten Aufstiegsplatz erhalten soll und die Regionalligen auf vier Klassen reduziert werden sollen?

Ich habe dafür eine gewisse Sympathie. Die Dreier-Lösung in der Vergangenheit hat nicht geklappt, die Fünfer-Lösung auch nicht. Da könnten vier Ligen der richtige Kompromiss sein. Aber jetzt sind wir bei dem Problem. Du musst die Deutschland-Karte nehmen und fragen: Wie teilst Du auf? Du hast viele Klubs im Westen und Südwesten, die fast 50 Prozent aller deutschen Vereine ausmachen. Im Norden, Nordosten und Bayern hast Du viel Fläche. Man kann also nicht einfach vier Quadrate bilden. Orientiert man sich nur am Faktor Mensch, werden für die anderen die Fahrten zu groß.

Wie ist dieses Problem aufzulösen?

Eine Möglichkeit wäre, Identitäten aufzulösen. Beispielsweise könnten Thüringen, Sachsen und Bayern zusammengehen und eine Liga bilden. Der Südwesten kann da durchaus als Vorbild dienen. Bei uns spielen Identitäten keine Rolle mehr. Wir mussten ja sieben Landesverbände zusammenbringen. Es ist uns gelungen, eine Form der Zusammenarbeit zu schaffen. Das hat sich bewährt. Mir sind jedenfalls keine Klagen darüber bekannt.

Das Modell, auf das sich die Südwest-Clubs verständigt haben, sieht vor, dass der Vizemeister nicht mehr um den Aufstieg spielt.

Das ist so, wenn du eine gemeinsame Veränderung hinbekommen willst. Ich kann keine Veränderung fordern und nichts anbieten - nach dem Motto: „Wasch‘ mich, aber mach‘ mich nicht nass.“ Das funktioniert nicht.

Die Drittligisten haben Kompromissbereitschaft angedeutet und könnten auch mit vier Absteigern in vier Regionalligen leben. Erleichtert das die Konsensfindung?

Zunächst einmal habe ich Verständnis für die 3. Liga. Du kannst nicht einfach kommen und sagen: Du hast jetzt einen Absteiger mehr. Du darfst Änderungen nie nur auf eine Liga reduzieren. Wenn wir uns der Viererlösung nähern, müssen wir auch über den Aufstieg in die Regionalliga reden. Und wir müssen sehen, dass wir den Drittligisten etwas anbieten.

Im Gespräch war auch eine Aufstockung der 3. Liga auf 22 Vereine mit dann fünf Absteigern in fünf Regionalligen. Was spricht gegen diese Lösung?

Wir haben das im Südwesten ebenfalls diskutiert. Es gab nur zwei Klubs, die dafür waren. Diese Lösung fiel also durch. Eine 22er-Liga ist auch Wahnsinn. Du hast einen Riesenberg an Spielen, insgesamt 42 Spieltage. Hinzu kommen für die Drittligisten noch die Spiele in den Landespokalen. Dann schickst du den Dritten der 3. Liga in die Relegation gegen den Zweitligisten, der sechs Punktspiele weniger in den Knochen hat. Das ist Wettbewerbsverzerrung. Wenn jedes Jahr ein Drittel der Klubs die Liga verlässt, mindert das auch die Attraktivität der 3. Liga bei den Sponsoren. Fünf Absteiger sind in einer Profiliga kaum vertretbar und eine große wirtschaftliche Gefahr. Ich möchte auch die Verhältnismäßigkeit in Frage stellen: Man stockt die Liga um zwei Mannschaften auf und lässt zwei Mannschaften mehr absteigen – das passt nicht.

Zuschauer-Ausschreitungen und Trauer beim OFC: Bilder

Ist der finanzielle Verlust durch die Aufteilung der TV-Gelder auf mehr Teams nicht durch zusätzliche Heimspiele aufzufangen?

Nach Auffassung unserer Vermarktungsexperten wäre aktuell nicht mehr Geld von den TV-Partnern zu generieren. Bei den Zuschauerzahlen hängt es auch davon ab, wer die Gegner sind. Es gibt Gegner, da würde sich das sicher lohnen. Es ist aus meiner Sicht aber kein verbindlicher Faktor. Außerdem würden die zusätzlichen Spieltermine zum größten Teil auf Zeitpunkte fallen, die für Stadionbesucher nicht besonders attraktiv sind: nämlich unter der Woche sowie im Winter.

In anderen europäischen Ländern gibt es 3. Ligen mit bis zu 24 Teams.

Man kann das nicht einfach übertragen. Es gibt viele Aspekte, die zu beachten sind. Die Engländer beispielsweise sind bereit, am zweiten Weihnachtsfeiertag zu spielen. Die Engländer haben bis zur 4. Liga isolierte TV-Verträge. Außerdem schneit es in England so gut wie nie. Wintereinbrüche wie bei uns kennen sie nicht. Unsere Situation wäre eine andere, wenn wir in der 4. Liga so viel Fernsehgeld bekommen würden. Dann würden wir nicht über zu große Entfernungen reden. Ich halte das in Zukunft nicht für ausgeschlossen, aber soweit sind wir nicht.

Die Regionalligen Nord und Bayern präferieren weiter fünf Klassen und wollen nur die West- und Südwestmeister aufsteigen lasen. Die Nord-, Nordost- und Bayern-Klubs würden rollierend einen Direktaufsteiger und einen in einem Relegationsspiel ermitteln. Ein Meister würde also noch immer in Tränen versinken, oder?

So sieht es aus, ja. Aber wenn die Mehrheit der Klubs in zwei oder drei Verbänden sagt, wir ziehen die regionale Identität unserer Staffel dem Direktaufstieg vor, fällt mir wenig ein, sie zu einer anderen Lösung zu prügeln. Soll ich den Vereinen sagen, ihr müsst einen Direktaufsteiger haben? Wenn wir uns bundesweit nicht auf vier Ligen einigen können, halte ich das Modell auf jeden Fall für eine Verbesserung. Drei Direktaufsteiger hätten dann Planungssicherheit. Das sind natürlich nicht 100 Prozent, aber es sind mehr als jetzt.

Die Nordost-Vertreter überraschten mit der Idee einer zweigleisigen 4. Liga. Ist das überhaupt denkbar?

Da bin ich schnell bei der Finanzierbarkeit. Wir haben völlig unterschiedliche Vermarktungserlöse in den Regionalligen. Diese reichen für die Vermarktung einer zweigleisigen Liga nicht aus. Aufgrund des Wegfalls von vielen Derbys gäbe es auch nicht mehr Zuschauer. Das Modell wäre eine Lösung, wenn wir deutlich höhere Erträge in der 4. Liga erzielen würden. Aber Stand heute ist es wirtschaftlich nicht darstellbar.

Der Deutsche Fußball-Bund hat eine Arbeitsgruppe mit Vertretern der Regionalligen, der 3. Liga und DFL gebildet. Wann rechnen Sie mit konkreten Ergebnissen?

Ende November ist die letzte DFB-Vorstandssitzung 2017. Davor zu einem finalen Ergebnis zu kommen, ist meines Erachtens kaum möglich.

Welche Lösung präferieren Sie persönlich?

Ich würde es begrüßen, wenn wir uns auf das Modell mit vier Regionalligen und vier Aufsteigern verständigen könnten. Allerdings müssen dabei noch die Auswirkungen nach unten, vor allem auf die Oberligen, geprüft werden. Veränderungen der Spielklassen bedürfen eines Beschlusses des DFB-Bundestages. Dazu ist eine Zwei-Drittel-Mehrheit nötig. Ich könnte mir daher das von den Bayern und dem Norden vorgeschlagene rollierende Modell als Übergangslösung für die kommende Saison vorstellen oder, sofern keine andere Einigung möglich ist, auch als dauerhaften Kompromiss.

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