„Die Stadt lebt die Insolvenz mit“

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Zukunft und Tradition. Insolvenzverwalter Andreas Kleinschmidt mit dem Erinnerungsstück an den größten Erfolg der Vereinsgeschichte: DFB-Pokalsieg 1970.

Offenbach - Seit fast sieben Monaten ist Dr. Andreas Kleinschmidt der starke Mann bei Kickers Offenbach. Der Insolvenzverwalter muss alle wichtigen Entscheidungen beim Regionalligisten treffen. Auf sportlicher und finanzieller Ebene.

Über die Schwierigkeiten, die er seit seinem Amtsantritt bewältigen musste, und auch über die Perspektiven des Traditionsvereins sprachen Jochen Koch, Christian Düncher und Jörg Moll mit dem Insolvenzverwalter.

Herr Kleinschmidt, seit dem 7. Juni arbeiten Sie am Insolvenzfall Kickers Offenbach. Wie fällt Ihr Rückblick aus?

Es war eine sehr spannende, aufreibende Zeit. Es war ein Wagnis und in den ersten drei Wochen nicht absehbar, ob die Saison finanzierbar war. Es gab Phasen, da sagte man sich: „Es geht einfach nicht.“ Aber dann fing es super an: sportlich und auch durch die Aufbruchstimmung der Fans. Das war Segen und Fluch zugleich, weil die Erwartungen danach umso größer waren.

Zu den finanziellen Problemen kamen auch sportliche hinzu. Wie bewerten Sie Platz 12 mit 25 Punkten aus 19 Spielen?

Das kann besser sein, keine Frage. Platz zwölf ist nicht das zufriedenstellende Ziel. Da sollte noch was passieren. Aber das Ziel vor der Saison war nicht der Aufstieg. Klar ist, dass das keine Weltklassemannschaft ist, das konnte auch keiner erwarten. Aber es ist eine Mannschaft, die kämpft, die alles gibt.

Für den Insolvenzverwalter gab es eine Vielzahl von Hürden zu meistern. Was war die schwierigste Aufgabe?

Offenbacher Führungstrio. Von links: David Fischer, Kickers-Geschäftsführer seit Oktober 2012, Dr. Andreas Kleinschmidt, seit Juni 2012 Insolvenzverwalter der Profi GmbH, und Offenbachs Oberbürgermeister Horst Schneider.

Am komplexesten waren die Trainerentscheidung und der Mietvertrag. Die Trainerfrage wurde öffentlich sehr begleitet. Es gab Fürsprecher für beide: Manfred Bender hatte womöglich sogar mehr als Rico Schmitt. Ich glaube aber, dass es die richtige Wahl war und Rico Schmitt passt. Von Bender wäre ich nicht überzeugt gewesen, sowohl vom Umgang miteinander als mit der Situation. Schmitt ist dahingehend absolut loyal. Rechtlich und wirtschaftlich war die Stadionfrage schwer. Die Stadiongesellschaft Bieberer Berg stand unter enormem Druck, ich aber auch. Es lief in sehr kurzer Zeit auf eine Konfrontation zu. Die schwerste Entscheidung für mich war: Wir machen das jetzt! Bei allem Risiko, auch für mich persönlich. Das Verhältnis mit der Stadt und der SBB ist ja mittlerweile sehr eng und gut.

Der OFC ist nicht der erste Sportverein, den Sie als Insolvenzfall betreuen. Sie haben früher Tennis Borussia Berlin oder TuSEM Essen betreut. Inwieweit ist der Fall Kickers Offenbach etwas Besonderes?

Das ist etwas absolut Besonderes. Die persönliche Wahrnehmung ist viel größer, das war ich so nicht gewohnt. Die Stadt lebt die Insolvenz mit. Was mich überrascht, ist, wie positiv ich aufgenommen wurde. Besonders ist auch, dass es so viele Ratgeber gibt. Das ist auch die Schwierigkeit, zu unterscheiden, wer aus Überzeugung rät und wer aus eigenen Interessen.

Inwieweit hat Sie das Geschäft Fußball überrascht?

Das ist schwierig, die Anforderungen kaufmännischen Verhaltens mit Sport in Einklang zu bringen. Man lebt immer nur von der Hoffnung auf den Erfolg. Da das Maß zu finden, was noch wirtschaftlich vertretbar ist, ist schwer. Das Argument „Können wir nicht, weil wir kein Geld haben“ zählte halt nicht. Wenn das Geld ausging, war die Frage: Wo kriegt man Neues her?

Der Stadionvertrag läuft ein Jahr. Wie sehen die Planungen für die nächste Saison aus?

Wir werden uns bald mit der Stadt treffen.

Was erwarten Sie für diese Gespräche?

Ich erwarte und habe die Hoffnung, dass jeder die Befindlichkeiten des anderen kennt und wieder nach Lösungen sucht und auch findet. Es geht ja nicht nur um Summe X, sondern dass man auch über gemeinsame Vermarktungsthemen guckt, ob man Summe X erreichen kann. Ich glaube, dass beide Seiten einen guten Willen haben. Die Stadt hat ein Problem, wenn die Kickers da nicht spielen, und die Kickers, wenn sie da nicht spielen können.

Die Vermarktung insgesamt ist ein heikles Thema. Der Vertrag mit Hauptsponsor EVO läuft aus. Nach unseren Informationen sind einige Logen im Stadion gekündigt.

Gekündigt ist noch keine Loge, ich gehe aber davon aus, dass einige gekündigt werden. Das ist für mich ein schwieriges Thema, weil ich - wenn alles normal läuft - nächste Saison nicht mehr da bin. Aber die Planungen überschneiden sich natürlich. Deshalb werden wir das sehr schnell angehen. Wir müssen die Konzepte, die wir erarbeitet haben, prüfen und umsetzen. Wir müssen sehen, wie wir die Regionalliga für Fans und Sponsoren attraktiv halten. Das ist die Herausforderung für die nächste Saison.

Haben Sie Sorgen, dass die EVO nicht mehr Hauptsponsor der Kickers sein wird?

Ich hoffe nicht. Wir haben im Januar den ersten Gesprächstermin. Ich wünsche mir, dass die Zusammenarbeit fortgeführt wird.

Wie groß ist nach der Insolvenz der GmbH und der folgenden finanziellen Schieflage des e.V. der Vertrauensverlust bei Sponsoren und Investoren?

Enorm. Da ist über Jahre hinweg Vertrauen verspielt worden. Es wird Zeit und Verlässlichkeit brauchen, das zurückzugewinnen. Da bemühe ich mich auch als Insolvenzverwalter und höre das auch als Feedback. Es ist glaube ich das erste Mal, dass überall pünktlich bezahlt wird.

Die Sponsorenzahlungen sind wohl verlässlich. Die Zuschauerzahlen liegen deutlich über der Kalkulation. Ist Ihre Etatplanung übertroffen worden?

Eine Etatplanung tritt nie eins zu eins ein. Da sind immer Ungewissheiten drin. Unter dem Strich sind wir im Plan. Aber es gibt Verschiebungen. Wir hatten erstmal Mehreinnahmen durch die Dauerkarten. Wir haben Mehrausgaben durch die höheren Zuschauerzahlen - wir brauchen ein Mehr an Catering und Sicherheitsdiensten. Und wir haben Mehrausgaben durch die vielen Strafen. Das war vielleicht etwas naiv, das so niedrig anzusetzen. Aber da haben wir jetzt die ersten Fans in Regress genommen. Die ersten zahlen schon in Raten. Das sind Risiken, die man nicht kalkulieren kann. Deshalb war es mir wichtig zu zeigen, dass die Randalierer nicht irgendjemand Anonymem schaden, sondern sich selbst.

Kann der OFC die Saison mit einem Plus abschließen?

Das ist das Ziel, aber wenn, dann wird es ein ganz kleines Plus. Eine schwarze Null wird es hoffentlich werden. Aber wir können kein großes Polster aufbauen. Ziel ist daher schon jetzt, für die Zeit nach der Insolvenz neue Partner zu gewinnen.

Stellt der e.V. als Gesellschafter der Profi GmbH für die neue Saison und die Zeit nach der Insolvenz Ansprüche auf finanzielle Bezuschussung?

Ich habe als Insolvenzverwalter immer Probleme, Geld an einen Gesellschafter auszuzahlen. Der Gesellschafter hat im Verfahren keine Bedeutung. Aber in diesem Fall gibt es Abhängigkeiten, beispielsweise bei der Frage der Lizenz. Ich habe also auch ein wirtschaftliches Interesse, dass der Verein bestehen bleibt. Wenn wir Leistungen beziehen, wird das in Rechnung gestellt. Beispielsweise, wenn Spieler aus der zweiten Mannschaft in der Regionalliga spielen. Es gab auch Ablösezahlungen an den e.V. für Spieler, die zu den Profis wechselten. Rechtlich nicht möglich ist, dass man ohne Zuordnung Unterstützungszahlungen leistet.

Wenn Sie den Etat für die neue Saison erstellen, wird dann der Verein nicht wieder anklopfen, um Forderungen zu stellen?

Ich gehe davon aus, dass der Insolvenzplan, den ich im Frühjahr vorlege, gewisse Einschränkungen vorsieht. Die Gläubiger werden nicht zufrieden sein, wenn ich ihnen sage: Du bekommst eine minimale Quote und dann ist alles vergessen. Ich werde für einen gewissen Zeitraum - ob drei oder fünf Jahre weiß ich noch nicht - ihnen etwas anbieten müssen. Ein Beispiel wäre, vom Gewinn die Hälfte weiterzugeben. Klar ist auch, dass Entnahmen von Gesellschaftern begrenzt werden.

Wie aber kann der Verein dann als Gesellschafter seinen Beitrag für weitere Zahlungen an die Gläubiger leisten?

Das ist natürlich aktuell schwierig. Deswegen kann der Beitrag hier nur sein, dass er für die Zukunft auf Erträge aus Gewinnen zu Gunsten der Gläubiger verzichtet. Das ist das, was ich den Gläubigern anbieten muss.

Der Verein hat aber die gleichen Probleme, muss dieses Prinzip auch anwenden.

Das Problem ist ja, dass der Verein nichts anbieten kann - außer aus der GmbH. Das ist jedem Gläubiger klar. Insofern ist auch angedacht, dass man im Zuge der Gespräche der GmbH mit den Gläubigern auch eine Lösung für den Verein findet, die über den 30. Juni 2015 hinaus geht. Wenn das alles rational wirtschaftlich denkende Gläubiger wären, müsste man eine Lösung finden.

Wie hoch wird denn die Quote für die Gläubiger sein?

Sie wird sehr überschaubar sein und zwischen eins und drei Prozent liegen. Dann muss man gucken, was in der Zukunft kommt. Ich erwarte noch Einnahmen aus der Realisierung von Ansprüchen. Das werde ich den Gläubigern zur Verfügung stellen. Da gibt es Anfechtungen, die ich im Moment sehr intensiv aufarbeite und die sich als umfangreicher und weit zurückreichender herausgestellt haben, als ich erwartet habe.

Was heißt das konkret?

Der Gerichtsvollzieher ist beim OFC lange ein- und ausgegangen. Wenn also daraus zu schließen ist, dass Zahlungsempfänger hätten wissen müssen, dass die Gesellschaft zahlungsunfähig ist, dann kann ich solche Zahlungen anfechten. Ich prüfe, ob irgendwelche Gläubiger Sondervorteile hatten. Solche Zahlungen kann ich dann zurückrufen.

Wie lange dauert so etwas?

Wir arbeiten das mit Hochdruck auf. Die Anfechtungen müssen vor Aufhebung des Verfahrens geltend gemacht werden. Andere Ansprüche, wie beispielsweise an Geschäftsführer der Profi-GmbH, kann ich auch nach Aufhebung des Verfahrens geltend machen. Da mache ich aber keine Schnellschüsse. Dass da etwas aufzuarbeiten ist, ist kein Geheimnis.

Wie hoch ist die Summe aus diesen Anfechtungen?

Im hohen sechsstelligen Bereich, vielleicht sogar im siebenstelligen Bereich.

Die Kickers haben André Hahn für 300.000 Euro an den FC Augsburg verkauft. Wie hoch ist die Schmerzgrenze für den momentan erfolgreichsten Torschützen Fabian Bäcker?

Aktuell ist ein Spielerverkauf kein Thema. Aber vielleicht erzielen wir ja noch eine Einnahme, wenn der FC Augsburg Andre Hahn verkaufen sollte.

Wohin würde diese Mehreinnahme denn fließen?

Grundsätzlich in die Insolvenzmasse.

Und wie sieht es mit Spielereinkäufen aus?

Prinzipiell will ich das nicht ausschließen. Aber wir sind nicht „auf Teufel komm’ raus“ auf der Suche.

Wo sehen Sie den OFC in einem Jahr, Ende 2014?

Außerhalb des Insolvenzverfahrens. Ich hoffe, dass man befreit von den Fesseln der Insolvenz sich wirtschaftlich mit neuen Partnern so aufstellen kann, um anzugreifen. Spätestens übernächste Saison muss man ganz vorne mitspielen. Wenn man sich über Jahre in der Regionalliga hält, wird das Potenzial weniger werden. Das ist das größte Pfund, das der OFC hat. Ich würde mir wünschen, dass man nächstes Jahr sagt: 2013 war ein großer Schock, aber jetzt können wir solide nach vorne gucken. Mein Wunsch ist, dass man das Maß hält und sich immer wieder vor Augen führt, was passiert, wenn man es nicht hält.

Kleinschmidt im Interview (Juni 2013)

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