„Brauner Bomber“ erinnert sich an erfolgreiche OFC-Zeiten

Erwin Kostedde im Interview: „Ich wollte nie aus Offenbach weg“

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Erwin Kostedde mit einem Tor für Offenbach gegen Hertha BSC Berlin. In 219 Bundesligaspielen hat er 98 Tore geschossen. Für die Offenbacher Kickers traf in 93 Spielen 52 Mal. Unvergessen sein Tor des Jahres 1974, das 3:3 gegen Borussia Mönchengladbach.

Offenbach - In den 70er Jahren haben die Offenbacher Kickers ihre erfolgreichsten Bundesligajahre erlebt. Nach einem 6:0-Sieg gegen Bayern München waren die Kickers vor 43 Jahren, am 24. August 1974, Tabellenführer in der Bundesliga. Zweifacher Torschütze damals: Erwin Kostedde. Von Jochen Koch

Der „braune Bomber“ war der erste farbige Nationalspieler im DFB-Trikot. Der mittlerweile 71-Jährige hatte sich lange Zeit aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Vor dem Retterspiel der Offenbacher Kickers am Mittwoch gegen Bayern München hat der einstige Publikumsliebling Kostedde unserer Zeitung sein erstes Interview seit vielen Jahren gegeben.

Hallo Herr Kostedde, die Offenbacher Kickers sind mal wieder Tabellenführer, wie vor 43 Jahren…

... damals in der Bundesliga.

Nach einem 6:0-Sieg gegen Bayern München, mit zwei Toren von Erwin Kostedde.

So etwas vergisst man sein Leben lang nicht. 6:0 gegen Bayern München. Einmalig. 

Kickers Offenbach - Bayern München 6:0, wie war so etwas möglich.

Alles hat gepasst. Die Bayern waren irgendwie kaputt, die mussten vorher noch Freundschaftsspiele machen. Wir haben toll gespielt und das richtig gut gemacht. Der einzige, der Pech hatte, war ich.

Warum, Sie haben doch zwei Tore gemacht?

Aber beim zweiten, dem 5:0, einem Kopfball, habe ich mir die Hand gebrochen und musste raus. So ein 6:0 konnte niemand erwarten. Gegen fünf Weltmeister. Und Kalle Rummenigge hat sein erstes Bundesligaspiel gemacht. 0:6, der hat geguckt.

Sie sind 1971 aus Belgien nach Offenbach gekommen. Sie waren mit Standard Lüttich Meister und Torschützenkönig, warum sind Sie ausgerechnet nach Offenbach gewechselt?

Ich hatte einige Angebote, auch von großen Klubs. Offenbach war der kleinste Verein, aber der damalige Offenbacher Manager Willi Konrad war sehr hartnäckig. Am Ende hat mich Präsident Canellas endgültig überzeugt. Ein ganz feiner Mensch.

Sie haben 1971 bei einem Bundesligisten unterschrieben, aber dann kam der Bundesliga-Skandal und Offenbach ist abgestiegen.

Canellas war fair, hat mir angeboten, den Vertrag aufzulösen. Aber ich stand zu meinem Wort und war mir sicher, wir steigen wieder auf.

Hat ja geklappt. Die Kickers sind ungeschlagen aufgestiegen.

Aber kaum waren wir aufgestiegen, wurde unser Trainer gefeuert. Auf der Meisterschaftsfeier in einem Hotel in Heusenstamm hat mir Kuno Klötzer gesagt: Erwin, ich wurde gerade gefeuert. Unglaublich, oder? Aber das war Offenbach. 

Sie waren in Offenbach immer Publikumsliebling.

Diese Zuschauer, diese Begeisterung, diese Leidenschaft. Das war einmalig. Ich konnte machen, was ich wollte, die haben immer noch gerufen: Erwin, Erwin. Sensationell. Ich passte einfach nach Offenbach, das war wie Arsch auf Eimer. 

Aber 1975, nach vier erfolgreichen Jahren, kam die Trennung. Warum?

Das war ein bisschen schmutzig. Der damalige Präsident Böhm sagte mir: Wir haben Probleme, kannst du ein bisschen was vom Gehalt abgeben. Ich habe sofort zugesagt. Aber das wollten die gar nicht. Manager Willi Konrad hat mir dann gesagt. Wir müssen dich verkaufen. Wir brauchen die Ablöse, sonst kriegen wir keine Lizenz. Das war richtig blöd, ich wollte doch niemals weg. Aber es ging nicht. Die brauchten die 650.000 Mark von Hertha BSC.

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Die Kickers waren einige Spieltage Tabellenführer, fast Herbstmeister, hatten Meisterchancen und eine gute Perspektive, warum ist das schief gegangen?

Das lag am Vorstand und am Geld. Das war kein gutes Management, die haben das nicht hingekriegt. Sie sind das falsche Risiko gegangen. Sie haben Winni Schäfer und mich verkauft. Das war der Tod. Plötzlich hatten sie keinen mehr, der das Mittelfeld geordnet hat und keinen, der Tore gemacht hat. Ich hätte auf die Hälfte meines Gehaltes verzichtet, wenn ich weiter in Offenbach hätte bleiben können. 

In Offenbach wurden Sie Nationalspieler. 

Das war schon außergewöhnlich. Offenbach war kein Mönchengladbach, Köln, Hamburg oder München. Ich hatte Glück, dass Bundestrainer Helmut Schön vor der Haustür in Wiesbaden gewohnt hat und oft Spiele in Offenbach gesehen hat. Es waren aber dann doch nur drei Länderspiele. Die waren auch nicht so toll. Ich war eher Mitläufer.

Mitläufer, jetzt untertreiben Sie aber.

Naja, die anderen Spieler waren schon Extraklasse. Die Bayern, die Gladbacher. Das war nicht einfach für mich. Der laufstärkste war ich nie, am Ball war ich ganz gut. Aber wenn ich nicht oft den Ball bekommen habe, konnte ich auch nicht viel zeigen.

Aber Sie sind in die Annalen des DFB eingegangen. Sie waren der erste farbige Nationalspieler im DFB-Trikot.

Mein Vater war ein amerikanischer GI, den ich nie kennengelernt habe. Ich war damals ein Exot. Vor meinem ersten Länderspiel auf Malta fragt einer den Franz Beckenbauer, wer ist das denn und deutet auf mich. Da sagt der Franz: Das ist Erwin Kostedde unser Mittelstürmer. Die wollten das gar nicht glauben, ein Farbiger in der deutschen Nationalmannschaft. Später haben wir in England im Wembley-Stadion gespielt. Die Zeitungen haben von der „german black power“ geschrieben. Das war damals absolut außergewöhnlich. Heute ist das normal, jede Mannschaft hat drei, vier farbige Spieler.

Gab es auch Anfeindungen wegen Ihrer Hautfarbe?

In Offenbach nie, woanders schon. Da haben sie gesungen: Zehn Schwule und ein Neger. Ich musste mir oft Nigger-Rufe anhören. Wenn man da nicht stark war, hätte man zusammenfallen können. In Frankfurt war es besonders schlimm. Die konnten mich überhaupt nicht leiden, wahrscheinlich weil ich gegen die immer getroffen habe. 3:0 in Frankfurt gewonnen, zwei Tore geschossen, einen Elfmeter rausgeholt. Dann haben wir in Offenbach gespielt und ich habe alle drei Tore zum 3:2-Sieg gemacht.

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Stimmt die Geschichte, dass Sie Ihr Auto in eine Frankfurter Werkstatt gebracht haben, aber der Besitzer hat sich geweigert, Ihr Auto zu reparieren?

Ja, ja. Ich hatte damals einen Fiat und bin am Tag nach dem 3:2 gegen die Eintracht in die Werkstatt. Da haben die gesagt. Ne’ Herr Kostedde, für Sie geht das heute nicht. Die waren richtig sauer. 

Sie haben dreimal mit Otto Rehhagel zusammengearbeitet, in Offenbach, Dortmund und Bremen…

Jetzt verrate ich Ihnen etwas. Den Otto Rehhagel habe ich nach Bremen geholt.

Wie kam das zustande?

Kuno Klötzer war Werder-Trainer, hatte aber einen schweren Unfall und konnte nicht mehr weitermachen. Ich habe bei Werder gespielt und Otto, seine Frau und sogar seine Schwiegermutter haben mich immer wieder angerufen, ich soll doch mal beim Werder-Manager, dem Rudi Assauer vorsprechen. Das habe ich dann gemacht, aber erstmal hat Rudi den Otto nicht gewollt. Aber dann ist er zu mir gekommen: Gib mir mal die Nummer vom Otto. Dann hat Otto den Job bekommen. Und das erste, was Otto gesagt hat, als er mich in Bremen gesehen hat, war: Du Erwin, ab jetzt musst du mich siezen. Da hab ich nur gesagt: Wenn du das brauchst, bitte schön, bist du jetzt der Herr Rehhagel.

Haben Sie noch Kontakte nach Offenbach?

Ja, zu Tim Bossert und seiner Familie. Das sind große Kickers-Fans. Er hat mir und meiner Frau in schweren Zeiten sehr, sehr geholfen, Dafür werde ich ihm immer dankbar sein.

Herr Kostedde, verfolgen Sie die Kickers heute noch?

Natürlich immer. Das ist mein Verein. Ich war Torschützenkönig in Belgien und Frankreich. Aber Offenbach war meine schönste Zeit. Ich wollte hier nie weg. Ich hätte meinem Herzen folgen müssen und einfach bleiben müssen. Wenn damals ein anderer Vorstand da gewesen wäre, wäre ich heute noch in Offenbach.

Wo leben Sie heute?

In Westfalen, in Everswinkel, ein schöner Ort zwischen Münster und Warendorf.

Sie haben persönlich schwere Zeiten durchgemacht und nach ihrer Karriere viel Geld verloren.

Ich habe damals gut verdient, aber ich habe alles verloren. Mein Steuerberater hat mich gelinkt. Aber das habe ich erst gemerkt, als ich aufgehört habe, zu spielen. 

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Und dann?

Dann musste ich kämpfen. Ich habe mein Trainerdiplom gemacht, war eine Zeitlang Trainer, in der 5. Liga. Aber ich bin kein Trainer. Als Trainer musst du eine zweite Haut haben, manchmal auch eine Sau sein. Und das bin ich nicht. 

Sie saßen 1991 unschuldig vier Monate im Gefängnis. Wie kam es dazu?

Ich sollte in Coesfeld eine Spielothek überfallen haben. Aber alles war ein Irrtum, eine Verwechslung. Ich wurde komplett rehabilitiert. Der Richter hat gesagt, normalerweise müssten alle Kripobeamte, die ermittelt haben, suspendiert werden. Aber diese Wochen im Gefängnis waren furchtbar für mich. Ich träume heute noch davon, dass ich damals monatelang unschuldig weggesperrt wurde. Auch meine Frau hat damals viel mitgemacht. 

In Offenbach ist sogar das Fanmagazin Erwin nach Ihnen benannt. Wann kommen Sie mal zu einem Spiel der Kickers auf den Bieberer Berg?

Das wird schwer, meine Frau ist sehr krank. Wenn es irgendwie geht, komme ich vorbei. Am liebsten schon Mittwoch gegen die Bayern. Aber viel wichtiger ist: Hoffentlich erleben die Kickers bald wieder bessere Zeiten.

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