HALBJAHRESBILANZ Gewinner Ristic zieht richtige Schlüsse / Bozic in zwei Kategorien Spitze

Euphorie seit makellosem Oktober bei Kickers Offenbach

Offenbacher Jubelorgie: Topscorer Dejan Bozic (links) feiert nach dem 3:1 gegen Elversberg mit den Teamkollegen vor der Fantribüne.
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Offenbacher Jubelorgie: Topscorer Dejan Bozic (links) feiert nach dem 3:1 gegen Elversberg mit den Teamkollegen vor der Fantribüne.

Offenbach – Ein bemerkenswertes erstes Halbjahr hat Kickers Offenbach in der Fußball-Regionalliga Südwest hinter sich - und angesichts von nur zwei Zählern Rückstand auf die Tabellenspitze (bei einem Spiel weniger) ein spannendes zweites Halbjahr vor sich. Ein Rückblick in Stichpunkten:

Der erneute Kaderumbau: Aus der ursprünglichen Devise, den Kader der Vorsaison, der mit Rang drei die beste Platzierung seit 2018 erreicht hatte, punktuell zu verstärken, wurde schließlich doch ein formidabler Umbau. 14 Spieler gingen, darunter der vermeintliche Königstransfer der Vorsaison, Angreifer Abu Bakarr Kargbo. 13 Neue kamen hinzu. OFC-Geschäftsführer Thomas Sobotzik hatte als Grund dafür den Wunsch nach einem breiteren Kader genannt. Was anfangs für das eine oder andere Sandkörnchen im mannschaftlichen Getriebe gesorgt hatte, entpuppte sich im Laufe der Saison als wichtig und richtig. Je besser das neuformierte Team und Trainer Sreto Ristic zueinander fanden, umso besser lief es für viele der Neuen. Osarenren Okungbowa etwa hatte als Sechser einen schweren Stand, überzeugte dann aber als Innenverteidiger nach den Ausfällen von Malte Karbstein und dem ebenfalls neu hinzugestoßenen Moody Chana. Und als dann auch noch Okungbowa ausfiel, sprang Jayson Breitenbach ein und überzeugte. „Das, was wir jetzt an Ausfällen verkraftet haben, hätten wir letzte Saison nicht überlebt“, sah sich Sobotzik bestätigt: „Wir haben inzwischen mehr Möglichkeiten, so etwas zu kompensieren. Wir haben echte Alternativen, Jungs, die die Rolle einfach übernehmen oder dafür sorgen, dass wir uns dort sogar gesteigert haben.“ Und im Winter sollen nun noch zwei weitere Zugänge hinzustoßen.

Starker Start: Das große Problem der vergangenen Runde löste sich beim OFC scheinbar nach zwei Spielen in Luft auf. In Partien gegen die Topteams hatten die Kickers in der Saison 2020/21 regelmäßig schlecht ausgesehen. Nun aber gewannen sie zum Auftakt 1:0 gegen den FC Homburg - und 2:1 bei der SV Elversberg. Die Euphorie war entsprechend groß, erhielt aber einen ersten Dämpfer durch das 1:2 gegen den SSV Ulm 1846.

Trister September: Der OFC-Motor stotterte erheblich. Nur zwei Siege gab es in sechs Partien (4:4 Tore). Dafür aber nach dem 0:2 beim Überraschungsteam und Titelkonkurrenten FSV Mainz 05 II auch noch eine 0:1-Pleite gegen Schlusslicht TSV Schott Mainz. Danach war ordentlich Druck auf dem Kessel. Die Trainerfrage wurde gestellt - und vom Präsidium eindeutig beantwortet. „Es ist allen bewusst, dass wir schnellstmöglich aus diesem Tal rausmüssen. Allerdings ist aktuell keinem damit geholfen, einen Schuldigen zu suchen. Das Team und die sportlich Verantwortlichen brauchen Unterstützung und Vertrauen, um aus dieser Situation rauszukommen“, sagte Präsident Joachim Wagner. Der Vertrauensbeweis sollte sich schnell auszahlen.

Goldener Oktober: Das 2:0 beim FK Pirmasens hatte Ristic noch als „kleinen, aber wichtigen Schritt“ bezeichnet. Es folgten fünf weitere Siege - und eine makellose Gesamtbilanz in diesem Monat mit 18 Punkten und 20:1 Toren. Höhepunkt war der 4:0-Erfolg gegen den Aufstiegskonkurrenten TSV Steinbach Haiger, eine Partie, in der der OFC mit tollen Toren und tollem Fußball ein ganzes Stadion in Verzückung setzte. Bis Weihnachten kamen in sechs weiteren Partien zwölf weitere Zähler hinzu. Beim 2:3 in Großaspach und beim 0:1 in Ulm schlug sich der phasenweise klar überlegene OFC gewissermaßen selbst.

Der höchste Sieg: Im dritten Auftritt bei der TSG Balingen knackte der OFC endlich das schwäbische Bollwerk. Nach einem Remis und einer Niederlage gewannen die Kickers erstmals bei der TSG - und wie! 6:1 hieß es am Ende. Und viel fehlte nicht zum höchsten Sieg seit dem Abstieg in die Regionalliga Südwest. Der datiert aber weiter vom 2. September 2018 (7:0 gegen den FSV Frankfurt).

Die bitterste Niederlage: Das 0:1 gegen die Feierabendfußballer des TSV Schott Mainz war die am schwersten zu verdauende der vier Niederlagen. Die Mainzer waren im Wochentagsspiel sogar im Stau stecken geblieben, sodass die Partie verspätet angepfiffen wurde - und durften am Ende doch jubeln. Anschließend forderten einige OFC-Fans sogar den Rauswurf von Trainer Sreto Ristic.

Emotionale Momente: Die turbulenten Tage nach der Schlappe gegen Mainz produzierten einige Aufregungen. Höhepunkt war eine Pressekonferenz vor dem Spiel beim FK Pirmasens, in der Stephan Flauder erst ein flammendes Plädoyer für mehr Zusammenhalt hielt, dann aber erst die Fans und später die Presse kritisierte. Knapp zwei Monate später produzierten die Kickers längst wieder positive Emotionen. Nach dem überzeugenden 3:1 gegen Titelkonkurrent SV Elversberg feierten 5173 Zuschauer am Bieberer Berg ein Team, das mit Vorstellungen wie jenen unter Beweis stellte, reif zu sein für das ganz große Ziel: die Meisterschaft und damit die Rückkehr in die 3. Liga nach dann neun Jahren Abstinenz.

Die (vielen) Gewinner: Trainer Sreto Ristic ist einer der Offenbacher Gewinner, weil er zeigte, dass er auch Krisen wie im September moderieren - und vor allem auch die richtigen Schlüsse daraus ziehen kann. Er veränderte die taktische Ausrichtung seines Mittelfeldes, weg von einem starren Sechser mit Osarenren Okungbowa, hin zu einer flexiblen Raute mit Tunay Deniz als defensivem Taktgeber, der zu Vorjahresform und Torgefahr (sieben Treffer, vier Vorlagen) fand. Gleiches gilt für Denis Huseinbasic und Florent Bojaj. Sie alle profitierten auch vom Aufschwung eines Mannes, der als Letzter der 13 Neuen gekommen war: Rafael Garcia. Der Linksaußen (28) ist mit fünf Toren und sechs Vorlagen zu einem ganz wichtigen Faktor in der Offensive geworden. Beim 6:1 in Balingen und vor allem beim 4:0 gegen Steinbach erwischte er Sahnetage, war jeweils an drei Toren direkt beteiligt.

Der beste Torschütze: Dejan Bozic entwickelte sich schnell zu Offenbachs Mann für besondere Momente. In den ersten sieben Partien erzielte er fünf der acht OFC-Tore, darunter das 2:1 in Elversberg in der fünften Minute der Nachspielzeit. Der schönste seiner acht Treffer war sicher das Führungstor per Fallrückzieher beim 2:0 gegen Astoria Walldorf. Doch auch als Vorbereiter ist er vereinsintern Spitze: Siebenmal legte er seinen Kollegen auf.

Die (wenigen) Verlierer: Davud Tuma, in der vergangenen Saison noch in 34 von 42 Spielen aufgeboten (4 Tore/6 Vorlagen), kommt seit der Verpflichtung von Rafael Garcia kaum noch zum Zuge. In elf Partien blieb der Linksfuß ohne Torbeteiligung. Ein Wechsel in diesem Winter ist nicht ausgeschlossen. Christian Stark ist der Zugang, der mittlerweile am weitesten entfernt ist von einem Einsatz für den OFC. In sechs Kurzeinsätzen kam der Außenbahnspieler, der vom FC St. Pauli II gekommen war, auf 77 Minuten Einsatzzeit. Deutlich häufiger (elfmal) stand er nicht mal im Kader.

Die Dauerbrenner: Torwart und Kapitän Stephan Flauder fehlte in keinem Punktspiel, pausierte nur im Hessenpokal einmal. Getoppt wird er eindeutig von Sebastian Zieleniecki. Der Pole hat seit seinem Wechsel im Winter 2020 keine Minute Einsatzzeit beim OFC verpasst. Der Innenverteidiger ist die personifizierte Konstanz im Spiel der Kickers. Und wenn mal wenig läuft, wie beim 2:1-Erfolg im Hessenpokal beim Gruppenligisten 1. FC/TSG Königstein, dann schießt er mal eben mit einem satten Fernschuss das Siegtor.

Die Pechvögel: Ganz klar die drei Langzeitverletzten. Malte Karbstein war der erste, beim 2:0 gegen Walldorf musste der Dauerbrenner der vergangenen Saison (41 Punktspiele) mit einer Sehnenverletzung im Oberschenkel raus, es folgte eine Operation und das wahrscheinliche Saisonaus. Moody Chana vertrat ihn fortan als Innenverteidiger prächtig - bis er sich beim Aufwärmen im Spiel gegen den VfR Aalen (4:0) die Achillessehne riss. Im gleichen Spiel erwischte es Angreifer Elia Soriano, der sich ohne Fremdeinwirkung den dritten Kreuzbandriss seiner Karriere zuzog.

Die Zuschauer: 48 235 kamen in zehn Heimspielen. Mit durchschnittlich 4824 Besuchern pro Spiel liegt der OFC ligaweit wie schon seit Jahren klar vorne. Der KSV Hessen Kassel kommt als Zweiter noch nicht mal auf die Hälfte (1709), Und doch räumte Präsident Joachim Wagner ein, dass die Zahlen unter der Kalkulation liegen, was auch an den ab Dezember wieder strengeren Corona-Auflagen lag. „Gegen Elversberg wären normal 9000 Zuschauer gekommen, so waren nur 5000 da“, sagte er.

Von Jörg Moll

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