Vor dem ersten Duell zwischen Dreieich und Offenbach

SC-Vizepräsident Karl-Heinz Körbel sieht OFC „mehr unter Druck“

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Karl-Heinz „Charly“ Körbel (rechts) hat als Vizepräsident großen Anteil am rasanten Aufstieg des SC Hessen Dreieich. Immer dabei auf dem Weg von der Gruppenliga bis in die Regionalliga: Danny Klein (links).

Dreieich - Das erste Duell in der Fußball-Regionalliga Südwest am Samstag (14 Uhr) zwischen dem SC Hessen Dreieich und Kickers Offenbach zieht auch die Macher beider Klubs in ihren Bann. Von Jochen Koch und Jörg Moll

Im Interview erläutern Karl-Heinz „Charly“ Körbel, 63 Jahre alter Vizepräsident des SC Hessen und bis heute Bundesliga-Rekordspieler (602 Bundesligaspiele), und Sead Mehic (43), Technischer Direktor im Vorstand der Kickers, welche Erwartungen sie haben, warum die Nerven eine Rolle spielen werden und auf wem der größere Druck lastet.

Hessen Dreieich ist mit nur einem Punkt Tabellenletzter, Kickers Offenbach mit fünf Punkten Tabellenzwölfter. Mit dem Saisonstart können sie beide nicht zufrieden sein, oder?

Karl-Heinz Körbel: Wir wussten, dass es schwer wird. Natürlich ist ein Punkt zu wenig, aber wir waren immer in de Lage mitzuspielen. Die Regionalliga ist ein ganz anderes Kaliber als die Hessenliga. Wir wollten mit 80 Prozent des Meisterteams durchspielen, aber in dieser Liga sind andere Typen gefragt.

Sead Mehic: Natürlich haben wir uns den Start anders vorgestellt und sind deshalb auch nicht zufrieden. 

Was muss in den nächsten Wochen besser werden?

Körbel: Wir müssen die Ruhe bewahren. Es war nicht alles scheiße. Entscheidend ist bisher: Irgendeiner hat immer einen Fehler gemacht, der entscheidend war. Das müssen wir abstellen. Und dann brauchen wir dringend ein Erfolgserlebnis.

Mehic: Wir müssen versuchen, genau die Sachen gezielt beizubehalten und zu verbessern, die wir 85 Minuten gut gegen Hoffenheim II gemacht haben. Unser Pressing, unser Angriffsspiel oder die Umschaltbewegung von Offensive in die Defensive und anders herum. 

Am Samstag geht es um die Offenbacher Kreismeisterschaft: SC Hessen Dreieich -Kickers Offenbach. Ist das ein echtes Derby?

Körbel: Man kann es nennen, wie man will. Für den SC Hessen ist es ein bisschen wie ein Pokalspiel. Es ist ja ein Märchen, gegen die Kickers ein offizielles Spiel zu machen. Der OFC ist großer Favorit, er steht mehr unter Druck.

Mehic: Von der Entfernung ist es auf jeden Fall ein Derby. Aufgrund der relativ zeitnahen Gründung des Dreieicher Vereins ist es jedoch schwer, von einem ,,echten’’ Derby zu sprechen.

Der SC Hessen Dreieich musste am Dienstag das Nachholspiel in Pirmasens bestreiten. Ist der kurze Abstand zum Spiel am Samstag ein Vorteil für die Kickers, zumal viele Dreieicher Spieler keine Vollprofis sind?

Körbel: Sicherlich ist das schwieriger, weil viele unserer Spieler noch arbeiten. Wir wollen versuchen, das zur Rückrunde umzustellen, müssen aber jetzt das Beste daraus machen. Klar ist: Es wäre eine Riesensache, wenn wir die Kickers schlagen.

Mehic: Ich denke nicht, dass man hier von einem Vorteil für uns sprechen kann. Die Spieler von Dreieich, selbst wenn manche keine Vollprofis sind, können die Zeit zwischen den beiden Spielen gut kompensieren.

Was wird am Samstag den Ausschlag geben?

Körbel: Es wird eine Nervensache. Die Kickers werden auch Respekt haben. Und wir dürfen keine Angst haben.

Mehic: Für uns wird gerade der Start des Spiels ausschlaggebend sein, das heißt, dass wir gut ins Spiel kommen und von der ersten Minute präsent sind. Auch wenn der SC Hessen Dreieich ein Aufsteiger ist, dürfen wir ihn in keiner Sekunde des Spiels unterschätzen.

Was wird für Ihre Mannschaft am Samstag die schwierigste Aufgabe?

Körbel: Dass wir die Nerven bewahren. Die Mannschaft ist bisher nicht frei. In der Hessenliga hat sie ja jedes Spiel bestimmt, das ist jetzt anders.

Mehic: Wir müssen versuchen, die Geduld zu bewahren, insofern wir auf eine tief und kompakt stehende Dreieicher Mannschaft treffen.

Herr Mehic, wie empfinden Sie die neue Konkurrenz im Kreis? Als Bereicherung oder ernsthafte Bedrohung für den Status des OFC?

Mehic: Für den Kreis Offenbach ist die Konkurrenz definitiv eine Bereicherung. Jedoch sehe ich keine allzu große Bedrohung für den langjährigen und weitreichenden Status des OFC. 

Was kann man vom SC Hessen lernen?

Mehic: Hessen Dreieich hat in den letzten Jahren eine gute Entwicklung vorzuweisen, sowohl im sportlichen, als auch im infrastrukturellen Bereich. Nichtsdestotrotz gehen wir mit Kickers Offenbach unseren eigenen Weg.

Wie würden Sie das Verhältnis beschreiben?

Mehic: Der Verein ist noch relativ jung, weshalb es schwer ist, von einem direkten Verhältnis zu sprechen. Das Verhältnis ist genau so, wie zu jedem anderen Klub im Kreis, gut und professionell.

Herr Körbel, Sie haben einst als Profi der Eintracht viele Derbys gegen die Kickers erlebt. Erinnern Sie sich noch an ein besonderes Spiel?

Körbel: Ja, an das 1:2 am 19. April 1974 gegen die Kickers mit ihrem Wundersturm Manfred Ritschel, Erwin Kostedde und Siggi Held. Da führten wir in Offenbach 1:0, dann nahm mich Held auseinander und brachte mich jungen Kerl auf den Boden der Tatsachen zurück. Der damalige OFC-Manager Willi Konrad stand vor der Tribüne und hat gesungen: „Hi, ha, ho, die Eintracht ist k.o..“ Das habe ich nie vergessen. Aber wir Spieler hatten immer ein gutes Verhältnis, nur auf dem Platz ging es knallhart zu. Ich selbst habe auch zu den Kickers immer ein sehr gutes Verhältnis, ob mit Waldemar Klein, Hermann Nuber oder Dieter Müller. Ich glaube, ich bin der einzige, bei dem die Kickers-Fans nicht „Eintracht-Schwein“ brüllen würden. Übrigens habe ich auch noch eine Wette mit Hermann Nuber laufen: Wir hatten uns mal versprochen, dass wir beide Fanklubs des anderen Verein besuchen. Ich werde ihn mal anrufen, dann machen wir das gemeinsam. (lacht)

Bilder: Auswärtsspiel des OFC bei Astoria Walldorf

Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass beide Mainrivalen nochmals auf Augenhöhe agieren?

Körbel: Ach, im Fußball ist alles möglich. Schauen Sie sich Fortuna Düsseldorf an, die waren schon weg. Oder 1860 München. Für die Kickers ist das auch möglich. Es ist gar nicht so schwer, aufzusteigen. Aber du brauchst die richtigen Leute und echte Spezialisten. Und du darfst nicht nach drei Spielen sagen: Es ist alles scheiße. Aber, und das meine ich ernst: Die Kickers gehören in die 2. Liga.

Kickers Offenbach steht für Tradition, Emotion. Der SC Hessen ist ein junger, aufstrebender Klub, der sich dank starkem Engagement von Sponsoren etabliert. Geht Erfolg im Fußball nur noch über diese Schiene?

Körbel: Beim SC Hessen geht es ja nur um eine Person: Hans Nolte. Er wird oft verkannt. Es geht ihm nicht nur ums Geld. Er hat eine unglaubliche Leidenschaft, will den Standort Dreieich super dastehen lassen. Wenn er wollte, könnte er wahrscheinlich eine Zweitliga-Mannschaft aufstellen, aber er will, dass es kontinuierlich wächst. Wir stehen mit unserem Etat in der Regionalliga ganz weit hinten. Es geht also nicht nur ums Geld. 

Sead Mehic hofft auf ein Heimspiel in Dreieich.

Mehic: Ich denke nicht, dass der Erfolg im Fußball nur noch über diese Schiene zu erreichen ist. Das Paradebeispiel ist 1860 München, das dadurch genau das Gegenteil von Erfolg erreicht hat. Ja, Kickers Offenbach steht für Tradition, Emotion und Fankultur und natürlich bräuchten auch wir noch mehr starke Partner, um wieder große Erfolge wie einst zu feiern bzw. ans Profigeschäft heranzukommen. Dafür müssen wir uns aber auch das Vertrauen, nach den letzten schwierigen Jahren, erarbeiten.
Wenn Sie sich etwas vom Gegner aussuchen könnten, was würden Sie nehmen? 
Körbel: Ich glaube, es ist die Tradition. Wenn wir zehn, 20 Jahre überspringen könnten und wir sowas hätten, das wäre toll. Diese Dynamik, die sich aus dieser Tradition ergibt. Dieses Zuschauerpotenzial, das die Tradition der Kickers mit sich bringt. Das würde ich gerne nehmen.
Mehic: Im Moment wollen wir nur die drei Punkte aus Dreieich mitnehmen.

Der Sportpark in Dreieich fasst knapp 3000 Zuschauer. Was für eine Atmosphäre erwarten Sie am Samstag? Heimspiel für Dreieich oder Kickers Offenbach?

Körbel: Der Vorteil wird womöglich 60:40, 70:30 für den OFC sein. Aber auch wir haben mittlerweile Fans. Wer hätte gedacht, dass wir zu einem Dienstag-Spiel nach Pirmasens einen Fanbus zusammenbekommen? Auch viele neutrale Fans kamen in den ersten Spielen nach Dreieich, um sich ein Bild zu machen. Und die werden wiederkommen. Ich freue mich auf diese Atmosphäre, hoffe, dass es ruhig bleibt. Wir heißen die Kickers-Fans herzlich willkommen, schenken dafür auch 1901 Becher Bier im Gästeblock für einen Euro aus. Für uns wird das auch neu sein, wenn hinter dem Tor die Gästetribüne voll besetzt ist.

Mehic: Die Atmosphäre wird natürlich riesig sein, da das Spiel ausverkauft ist. Ich denke, dass unsere Fans das Spiel zu einem Heimspiel für uns machen werden.

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