Die Macht der 10.000 Herzen

Vor 20 Jahren: Flutlichtausfall rettet die Kickers

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10000 Fans hatten die Offenbacher Kickers am 4. Juni 1997 zum Entscheidungsspiel um den Regionalliga-Aufstieg nach Mannheim begleitet. Vor dem Spiel gegen Memmingen waren sie zuversichtlich, jubeln konnten sie erst nach dem Flutlichtausfall.

Offenbach - Die Offenbacher Kickers standen zweimal im Endspiel um die deutsche Meisterschaft, gewannen das DFB-Pokal-Finale 1970, haben zig Derbys gegen Eintracht Frankfurt gewonnen und in der Bundesliga Bayern München 6:0 geschlagen. Von Jochen Koch

Doch unter den OFC-Anhängern genießt ein Spiel aus der Viertklassigkeit besonderen Kult-Status, das nicht einmal zu Ende gespielt wurde: Vor 20 Jahren, am 6. Juni 1997, fiel im Regionalliga-Aufstiegsspiel der Kickers gegen den FC Memmingen in der 89. Minute das Flutlicht aus - die Dunkelheit rettete den OFC. Als Zweiter in der Oberliga Hessen (hinter dem SV Wehen) hatten die Kickers sich für die Aufstiegsspiele zur Regionalliga qualifiziert. Erster Gegner war der FC Pforzheim. Im Mannheimer Rhein-Neckar-Stadion brachte Torwart Rene Keffel im Elfmeterschießen (2:1) die Kickers ins nächste Relegationsspiel gegen den FC Memmingen.

10.000 Offenbacher fuhren am Freitag, 6. Juni, wieder nach Mannheim. Aber sie hatten die Hoffnung schon fast aufgegeben: Der FC Memmingen führte kurz vor Schluss 3:2. Just als Schiedsrichter Zerr in der 89. Minuten zwei Minuten Nachspielzeit anzeigte, gingen plötzlich das Flutlicht und alle anderen Lichter aus. Stromausfall im gesamten Stadion. Stockdunkel. Ordner und Polizisten liefen nervös umher. Die Fans der Kickers zündeten Bengalos an. Auch die Live-Übertragung im Hessen-Fernsehen war abgebrochen. Statt Fußball zeigte der HR das Testbild. Ungewissheit im Stadion: Geht es weiter?

Klaus Gerster, von 1996 bis 2000 OFC-Manager: Zwei Aufstiege, ein Abstieg.

Der damalige OFC-Manager Klaus Gerster erinnerte sich im Fußballmagazin 11 Freunde: „Über den Stand der Reparaturarbeiten waren wir nicht informiert, auch die Ursache des Stromausfalls war noch unbekannt. Irgendwann begannen die Kickers-Fans zu singen: „Wir wollen ein neues Spiel!“ Dieser Chor der 10.000 aus der Dunkelheit brachte eine einzigartige Atmosphäre hervor, ich bekam eine Gänsehaut.“

Trotz aller Bemühungen der Mannheimer Verantwortlichen, den Schaden zu beheben, passierte nichts mehr. Der Einsatzleiter der Polizei setzte dem Warten dann ein Ende: Er könne in dem stockdunklen Stadion nicht für die Sicherheit garantieren. Und so verkündete der OFC-Fanbeauftragte Frank Schwarzhaupt per Megafon: „Der Schiedsrichter hat entschieden: Das Spiel wird abgebrochen!“ 10.000 Offenbacher Fans jubelten wie nach einem Sieg.

Einen Tag später war klar, was zum Stromausfall geführt hatte: Die Übertragungswagen des Hessischen Rundfunks hatten das Stromnetz des Stadions überlastet, eine Hauptsicherung war durchgebrannt. „Ich selbst wurde ja als Urheber dieses Vorfalls verdächtigt“, erinnerte sich Gerster. „Das ist geschmacklos. Ich bin Sportsmann und habe im Moment des Spielabbruchs natürlich auch an die Memminger gedacht - so ein Schicksalsschlag ist Wahnsinn.“ Aber für die Kickers war es, so Gerster, „wie ein Wunder, als das Licht ausging.“ Denn die Kickers wären finanziell nicht in der Lage gewesen, noch ein weiteres Jahr in der Oberliga durchzustehen.

Die „Endspiele“ des OFC in Bildern

Volker Goll schrieb damals im Fanmagazin Erwin: „Außerhalb Offenbachs munkelte man: „Sabotage“. Wir aber wussten: Das war die Macht der 10.000 Herzen.“ Memmingen wollte nur die letzten zwei, drei fehlenden Spielminuten nachholen, doch der Verband entschied: Es gibt ein neues Spiel, aber nicht mehr unter Flutlicht. Am Montag um 18 Uhr wurden Spielort (Gottlieb-Daimler-Stadion in Stuttgart) und Zeitpunkt (Dienstag, 16 Uhr) bekannt gegeben.

4000 OFC-Fans nahmen spontan Urlaub, oder machten blau, und fanden kurzfristig den Weg nach Stuttgart. Dort erzielte der eingewechselte Giuseppe Messinese in seinem letzten Spiel für den OFC beide Tore zum 2:0 und wurde zum Aufstiegshelden. Spät in der Nacht begrüßten 10.000 Fans mit Bengalos ihre Aufsteiger mit Trainer Wilfried Kohls und Jörg Hambückers auf dem Bieberer Berg und feierten eine wilde Aufstiegsparty - unter Flutlicht.

FC Memmingen - Kickers Offenbach 3:2 (2:0) in der 89. Minute abgebrochen

Offenbach: Keffel, Dolzer, Schummer, Gramminger, Koutsoliakos (46. Walz), Kastner, Scholl (82. Giersch), Simon, Dama, Roth, Hartmann

Schiedsrichter: Zerr (Ottersweier) - Zuschauer: 11.000 - Tore: 1:0 Keller (37.), 2:0 Schummer (39. Eigentor), 2:1 Dolzer (64.), 2:2 Simon (74.), 3:2 M. Kramer (75.)

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