Kickers Offenbach

OFC-„Allesfahrer“ berichten, wie sie die Zwangspause meistern

Fans von Kickers Offenbach 
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Fans von Kickers Offenbach 

Viele Fans begleiten den OFC seit mehreren Jahren zu jedem Spiel. Die „Allesfahrer“ erzählen, wie die die aktuelle Zwangspause meistern.

Offenbach – „Nur der OFC“ ist für viele Fans des Fußball-Regionalligisten Kickers Offenbach mehr als bloß ein Motto. Die „Allesfahrer“ begleiten ihren Verein seit Jahren, manche seit Jahrzehnten. Sie sind in Bahlingen und Elversberg ebenso dabei wie in den Glanzzeiten in der 2. Liga in Mönchengladbach, Köln und St. Pauli. Vor allem an Spieltagen dreht sich bei ihnen alles um ihren Verein. Doch was machen die „Allesfahrer“ in der aktuellen Situation, in der keine Spiele stattfinden, mindestens bis 30. April? Wir haben mit einigen besonders treuen Kickers-Fans gesprochen - über das drohende Ende langer Serien, Alternativ-Beschäftigungen und Begegnungen ohne Zuschauer.

OFC: „Geistertickets“ gekauft

„Mir würde das Herz brechen, wenn ich Zeit hätte, ein Spiel im Stadion anzusehen, aber ans Sofa gefesselt wäre“, gibt Stefan Lau zu. Der 47-Jährige hat sich „natürlich“ Geistertickets gekauft, kann Spielen ohne Zuschauer jedoch nichts abgewinnen. „Ich habe das Geisterspiel zwischen Mönchengladbach und Köln im Fernsehen geschaut, das ist ja nicht zu ertragen. Da vermisse ich sogar das Ultra-Gejaule.“

Der Mühlheimer hat 535 OFC-Spiele in Folge aus dem Fanblock verfolgt. „Nur Ligaspiele, den Rest zähle ich nicht“, betont Lau. Das 6:2 im März 2005 gegen 1899 Hoffenheim war sein letztes verpasstes Spiel. Die freie Zeit an den Wochenenden verbringt Lau nun daheim, renoviert, bastelt und erholt sich von der Arbeit. Ob und wann er seine Serie fortsetzen kann, darüber denkt er angesichts der Corona-Krise nicht nach: „Es verschieben sich gerade die Wichtigkeiten.“

Seine persönliche Situation sei „ein bisschen verschwörungstheoretisch“, meint der „Serientäter“ des OFC: Vor einem Jahr hatte er seinem Vater zugesagt, am 21. März diesen Jahres zu dessen 80. Geburtstag zu kommen. Als auf diesen Termin die Kickers-Partie beim FK Pirmasens gelegt wurde, war Lau „verzweifelt, weil klar war: da reißt die Serie dann nach ziemlich genau 15 Jahren“. Lau hat dann „gehofft, dass es Ende März einen Wintereinbruch gibt, damit das Spiel ausfällt. Jetzt sind aber Spiel und Geburtstag ausgefallen und ich würde mir von ganzem Herzen wünschen, die Serie wäre am 21. März 2020 gerissen.“

OFC: „Ohne Fußball fehlt das Salz in der Suppe“

Bei Hans-Joachim Brendel, der es als Zuschauer immerhin auf 230 OFC-Ligaspiele in Folge bringt, verhält es sich ähnlich. „Ich habe andere Dinge, die mich interessieren“, sagt der 62-Jährige, gibt aber zu: „Ohne Fußball fehlt das Salz in der Suppe.“ Vor allem vermisst er seine Mitfahrer und Tribünennachbarn vom Bieberer Berg. Der in Offenbach geborene Frankfurter zeigt aber Verständnis für die getroffenen Maßnahmen: „Fußball ist gerade die unwichtigste Nebensache der Welt und muss hinter der Realität zurücktreten.“ Eine Fortsetzung der Saison im Mai hält Brendel, der 1968 erstmals ein OFC-Spiel sah, für unrealistisch. Er geht sogar noch einen Schritt weiter: „Man sollte bis zum Jahresende alles zur Seite schieben, sich von Januar bis März 2021 vorbereiten und dann dort weitermachen, wo man aktuelle stehen geblieben ist.“ Das wäre zwar eine extrem lange Überbrückungszeit, Brendel hält diese Variante aber für sinnvoll - und zwar nicht aus Egoismus. „Jeder Serientäter weiß, dass seine Serie irgendwann reißt. Ich hatte diese Befürchtung schon vor der Partie gegen Steinbach, die als Geisterspiel geplant war.“ Dass diese Begegnung abgesagt wurde, lässt Brendel auf eine Fortsetzung der Serie hoffen. „Ich würde erst wieder spielen lassen, wenn die medizinischen Institutionen sagen, dass es mit Zuschauern möglich ist.“

Auch für Wolfgang Schneider, seit 1976 OFC-Anhänger und in Fankreisen als „Meenzer“ bekannt, hat die Gesundheit absolute Priorität. „Das Positive an der ganzen Sache ist, dass sich die Menschen wieder auf das höchste Gut besinnen“, sagt der 58-Jährige. „Fußball ist die schönste Nebensache, jedoch nicht alles.“ Schneider geht es „wie jedem leidenschaftlichen Fußballfan. Ein Wochenende, an dem man nicht ins Stadion kann und an dem es nicht mal im Fernsehen Fußball gibt, ist schon komisch.“ Ihm fehlen „nicht nur die 90 Minuten grausames Gekicke in der Regionalliga“, wie er scherzhaft betont, sondern auch der persönliche Kontakt zu anderen Anhängern: „Ich vermisse die Gleichgesinnten. Da ist schon eine gewisse Leere.“ Schneider, der vor ein paar Jahren nach Villmar (Landkreis Limburg-Weilburg) gezogen ist, füllt diese unter anderem mit Spaziergängen, weiß aber auch, dass andere mehr an der Situation zu knabbern haben: „Ich kenne welche, die in ein brutales Loch fallen, weil sie aus dem OFC Zufriedenheit und Lebensglück ziehen. Ich brauche hingegen nicht jeden Tag stundenlang OFC-Videos als Ersatzdroge.“

OFC: VHS-Kassetten von früheren Spielen

Bei Stefan Alt verhält sich das etwas anders. „Ich gucke mir VHS-Kassetten von früher an, die ich im Keller gefunden habe“, erzählt der gebürtige Gießener, der mittlerweile in Bremen lebt, dem siebenköpfigen Kickers-Fanclub Nordseeküste angehört, und trotz der großen Entfernung regelmäßiger Gast bei den Partien der Kickers ist. Das Video vom Aufstiegsspiel 1999 in Osnabrück hat er sich zuletzt zweimal angesehen, „weil es so geil war“. Zudem digitalisiert er alte Fotos. „Eine Menge Arbeit ist das, aber ich habe ja Zeit“, erklärt der 56-Jährige, der eine chronische Krankheit hat und daher die meiste Zeit zu Hause verbringt - mit seiner Lebensgefährtin, seit 1980 Dauerkarten-Inhaberin bei Werder Bremen und damit in der aktuellen Situation Leidensgenossin. „Es geht ja nicht nur um Fußball, sondern auch um Freundschaften. Fußball verbindet und gehört zum Leben“, sagt Alt, der natürlich auch Geistertickets gekauft hat. „Ich war diese Saison bei 19 von 22 Ligaspielen, habe zudem das Pokalspiel bei Bayern Alzenau gesehen. Manchmal ziehe ich mir zu Hause ein OFC-Trikot an, nur um das Spieltagsgefühl zu haben“, berichtet Alt. 

VON CHRISTIAN DÜNCHER

Unterdessen hat das Ordnungsamt dem OFC verboten, in Zweiergruppen zu trainieren. 

Außerdem läuft die Kaderplanung der Kickers auf Hochtouren. Francesco Lovric muss den OFC verlassen. Der Abwehrspieler ist enttäuscht, er habe keine „klare Begründung“ bekommen.

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