Mit großer Wehmut

Daniel Endres nimmt Abschied nach 24 Jahren bei den Kickers

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In 15 Profijahren hat Daniel Endres immer nur für einen Verein gespielt: Kickers Offenbach. Foto: HARTENFELSER

Es ist ohne Übertreibung das Ende einer Ära. Daniel Endres nimmt Abscheid von den Kickers Offenbach - dem Verein, bei dem er sagenhafte 24 Jahre gespielt hatte. 

Offenbach – Als Kind und Jugendlicher stand er im Fanblock auf dem Bieberer Berg - dann wurde er selbst Profi, Publikumsliebling und Kapitän beim OFC. Daniel Endres spielt seit 1995 bei Kickers Offenbach und ist seit 2004 Profi.

Nach 15 Jahren in der ersten Mannschaft wird der „ewige Endres“ seinen Heimatverein verlassen. Sein Vertrag wird nicht verlängert. Am Samstag bestreitet Endres gegen den FC Homburg sein letztes Spiel für Kickers Offenbach.

Daniel Endres, noch einmal im Kickers-Trikot, wie viel Wehmut wird am Samstag dabei sein?

Sehr, sehr viel. Es wird sehr, sehr emotional werden. Und, ganz ehrlich: Es tut schon weh und es zerreißt mir ein bisschen das Herz.

Meister und Lehrling. Von Cesar Thier (rechts) hat Daniel Endres am meisten gelernt.

Zurück auf Los. Wann und wie hat es für Daniel Endres beim OFC angefangen?

Mein ganzes Leben hat sich um Kickers Offenbach gedreht. Ich bin Offenbacher und schon als kleiner Bub als Fan ins Stadion hoch. Ich stand am Zaun, habe in der E-Jugend für den OFC gespielt und bin mit dem OFC groß geworden. Seit ich 16 bin, durfte ich bei den Profis mittrainieren.

Dann folgte 2004 der erste Profivertrag.

Das erste Jahr war gleich bombastisch mit dem Aufstieg in die 2. Liga. Es hätte nicht schöner und besser losgehen können. Rückblickend waren die ersten auch die schönsten Tage mit dem OFC.

Unter Wolfgang Frank haben Sie 15 Zweitligaspiele bestritten, doch an der Nummer eins, Cesar Thier, kamen Sie nicht vorbei.

Es war kein Konkurrenzkampf, ich war Anfang 20, Cesar Mitte 30. Er war mehr als mein großer Bruder, eher eine Vaterfigur für mich. Von Cesar habe ich sehr, sehr viel mitgenommen. Er hat mich ein bisschen erzogen und mir das Torwartspiel richtig beigebracht. Und ganz wichtig: Er hat immer gesagt, du musst ehrgeizig sein, aber den Spaß am Fußball darfst du nie verlieren. Egal, um was es geht.

Nach dem Abstieg aus der 2. Liga 2008 sollten Sie die neue Nummer eins werden, doch dann wurde Robert Wulnikowski verpflichtet und gleich Publikumsliebling.

Natürlich war ich erst enttäuscht. Ich bin geblieben, obwohl ich zwei Angebote aus der 2. Liga hatte. Das musste ich erst mal verdauen. Aber Wulle war eben der beste Torwart der 3. Liga und ich hatte dann einige Verletzungen. Da kam ich nicht an ihm vorbei.

Kickers Offenbach (OFC): "Das Mannschaftsgefüge ist immer das Wichtigste."

2013 war es dann soweit, endlich die Nummer eins. Aber leider nach Insolvenz und Zwangsabstieg aus der 3. Liga in die Regionalliga.

Eine blöde Situation. Richtig blöd. Ich war im Thailand-Urlaub im gleichen Hotel wie Darmstadts damaliger Trainer Dirk Schuster. Als der plötzlich am Pool ins Handy jubelte „Wir sind drin“, ahnte ich, dass das nicht gut für uns war. Offenbach ohne Lizenz, und Darmstadt dafür in der 3. Liga. Aber mir war klar, ich gehe diesen Weg mit. Für mich persönlich war es ein guter Schritt. Für den OFC war es schon hart. Wenn ich nur an das Castingtraining mit 30 Spielern mit Namensschildern denke. Aber was daraus entstanden ist, war sensationell. Die Jungs haben nur einen Appel und ein Ei verdient, und wir sind ein Jahr später sogar Meister geworden. Leider hat es mit dem Aufstieg gegen Magdeburg nicht geklappt. Aber damals hat man gemerkt, dass Teamgeist viel mehr Wert hat als einzelne Topstars. Das Mannschaftsgefüge ist immer das Wichtigste.

Sechsmal gewann Endres den Hessenpokal.

Es gab bestimmt auch Angebote von anderen Clubs. Hat Sie nie die Lust gepackt, mal woanders zu spielen? 

Ich habe immer abgewägt zwischen, etwas Neues zu erleben, und das zu schätzen, was man hier in Offenbach hat. Familie, Freunde, der OFC - das war mir dann immer wichtiger, obwohl es einige interessante und lukrative Angebote gab. Ich hätte woanders den einen oder anderen Euro mehr verdienen können, aber hier war ich immer glücklich. Ich habe mir hier auch etwas aufgebaut. Ich glaube, wenn man an Kickers Offenbach denkt, dann denkt man vielleicht nicht als zweites oder drittes an mich, aber irgendwann denkt man schon an meinen Namen. Wenn man so lange Zeit in einem Verein bleiben kann, dann muss man auch etwas geleistet haben. Ich glaube, das habe ich getan. Das macht mich auch ein bisschen stolz.

Sie hatten geschätzt 200 Mitspieler in den 14 Profijahren. Sind Freundschaften geblieben?

Oh ja, einige. Vor allem mit Niko Bungert. Schon lustig, er hat mich am Samstag in Mainz zu seinem Abschiedsspiel eingeladen. Aber leider habe ich ja hier auch mein letztes Spiel. Und mit der Zweitliga-Mannschaft haben wir auch nach fast 15 Jahren noch regelmäßig Kontakt.

Endres über Zeit beim OFC: "Ich habe immer die Interessen der Mannschaft vertreten."

Sie hatten auch viele Trainer, angefangen von Hans-Jürgen Boysen in der Saison 2004/05 bis jetzt zu Daniel Steuernagel. Wer war der prägendste Trainer für Ihre Laufbahn?

Definitiv Wolfgang Frank. Fachlich und menschlich einfach überragend. Er war einer von wenigen Trainern, die sich auch für private Dinge der Spieler interessiert haben. Er hat mich in allen Belangen sehr geprägt.

Wenn Sie den jungen Daniel Endres mit den jungen Spielern von heute vergleichen: Was sind die größten Unterschiede?

Handys und WhatsApp - und der Respekt vor den älteren Spielern war viel größer. Der Umgang ist anders geworden. Als ich als 16-Jähriger das erste Mal mittrainiert habe, wurde ich nach jedem Gegentor richtig rund gemacht. So etwas gibt es heute nicht mehr. Da haben sich auch die erfahrenen Spieler verändert. Da wird nicht mehr auf den Tisch gehauen, das ist mehr ein Miteinander.

Sie waren seit 2013 Kapitän beim OFC. Im Sommer hat Ihnen Trainer Daniel Steuernagel die Spielführer-Binde abgenommen. Wie sehr hat Sie das getroffen?

Ich habe immer die Interessen der Mannschaft vertreten. Dafür habe ich auch oft aufs Maul bekommen, aber als Kapitän musst du vorangehen und alles lieber auf dich nehmen. Für mich hat immer die Mannschaft im Vordergrund gestanden. Der Coach wollte nun, dass ein Feldspieler die Binde trägt. Das ist okay. Mir war klar, dass sich in der Kabine nichts ändern wird, aber in der Öffentlichkeit konnte ich mich zurückziehen. das hat mir vielleicht auch etwas Last von den Schultern genommen. Deswegen habe ich vielleicht auch so eine gute Saison gespielt. Also im Endeffekt eine positive Entscheidung.

Was ist schief gelaufen, dass der OFC einer Identifikationsfigur, einem Spieler, der mit guten Leistungen überzeugt hat, keinen neuen Vertrag anbietet?

Mir wurde mitgeteilt, dass die Verantwortlichen nicht das Gefühl haben, dass ich diesen neuen Weg des OFC, also höheres Trainingspensum, mehr Videoanalysen, Yoga, Fahrradfahren, fünf bis acht Stunden täglich auf dem Trainingsgelände sein, nicht mitgehen will oder kann.

Ein Selfie mit OFC-Fans geht immer.

Wurde nicht gefragt, willst Du diesen Weg mitgehen?

Nein. Das verstehe ich auch nicht. Könnte ich diesen Weg nicht mitgehen, hätte ich es schon diese Saison nicht gekonnt und hätte keine guten Leistungen abrufen können. Aber das habe ich. Das zeigt mir wieder einmal, wie hart und undankbar dieses Fußballgeschäft sein kann.

Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu den Verantwortlichen beim OFC bezeichnen?

Professionelles Arbeitsverhältnis.

Wie würden Sie ihr Verhältnis zu den Fans bezeichnen?

Ich bin den Fans sehr, sehr dankbar. Sie haben mich sehr intensiv unterstützt. Ich glaube, man spürt, dass ich den OFC immer mit viel Stolz und Herz vertrete. Wir haben zusammen viel durchgemacht. Ich hatte immer Verständnis, wenn die Fans nach einer Enttäuschung sauer auf uns waren, ich war es ja auch. In mir schlagen ja zwei Herzen, einmal der Spieler und einmal der Fan des OFC. Seit der Ankündigung meines Abschieds bekomme ich so viele Nachrichten, dass ich leider gar nicht alle beantworten kann. Wahrscheinlich gibt es aber auch andere Stimmen, die sagen, ein Umbruch muss immer mal sein, endlich ist der Endres weg. Kann ich auch verstehen, aber ich bin mir sicher, die sind in der Minderheit.

Was für einen Abschied erwarten Sie am Samstag nach 24 Jahren Kickers Offenbach?

Ich hoffe, dass der Abschied würdig wird. Ich möchte mit einem schönen Ende in Erinnerung bleiben.

Haben Sie Angst vor dem, was ab Juli auf Sie wartet?

Nein. Es gibt zwei Optionen, was ich mache. Ich habe zwei sehr gute Angebote aus der Regionalliga, von Topvereinen, die um den Aufstieg spielen wollen. Dann müsste ich zum ersten Mal gegen den OFC spielen. Aber ich habe mir seit einem Jahr auch beruflich etwas aufgebaut. Es könnte sein, dass ich da expandiere und nicht mehr auf höchstem Niveau spielen werde. Welchen Weg ich gehen werde, muss ich in den nächsten Wochen entscheiden.

Urgestein Daniel Endres: Seit 1995 ein Teil der Kickers

Sie wurden am Donnerstag 34. Das ist für einen Torwart kein Alter. Können Sie sich vorstellen, noch bis 40 zu spielen?

Meine Vorgänger im OFC-Tor, Cesar und Wulle, sind die besten Beispiele, dass man mit fast 40 noch Topleistungen bringen kann. Ich habe mir vorgenommen, so lange ich Spaß habe und gesund bin, im Tor zu stehen.

Wird es das noch einmal geben, dass ein Spieler 15 Jahre lang für Kickers Offenbach spielen wird?

Nein.

Sie sind mit dem OFC den Weg nach unten, aus der 2. in die 3. Liga und dann in die Regionalliga, gegangen. Glauben Sie, dass der OFC in naher Zukunft wieder den Weg nach oben findet?

Ich wünsche dem Verein und den Fans den bestmöglichen Erfolg. Ob es klappt, wann es klappt, weiß man leider nicht. Fußball ist zwar planbar, aber Erfolg nicht so, da spielen ganz viele Faktoren eine Rolle. Wenn man das, was jetzt nicht so gut war, auf die richtige Bahn kriegt, dann kann man es schaffen.

Wird Daniel Endres wieder den Weg zurück zum OFC finden?

Die Tür ist nicht zu. Ins Tor zurückkommen werde ich wohl nicht mehr. Ich hänge immer an diesem Verein. Ich könnte mir gut vorstellen, irgendwann eine Funktion in meinem Verein hier in Offenbach zu übernehmen.

Das Gespräch führte Jochen Koch

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