Biografie, Teil 3

Ex-OFC-Präsident Dieter Müller: „Eigentlich hätte ich ein Pflegefall sein müssen“

Drei Offenbacher Fußball-Ikonen bei der Eröffnung des neuen Stadions im Jahr 2012. Der damalige Kickers-Präsident Dieter Müller (rechts), Ehrenspielführer Hermann Nuber (Mitte) und Rudi Völler. Foto:S IMAGO
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Drei Offenbacher Fußball-Ikonen bei der Eröffnung des neuen Stadions im Jahr 2012. Der damalige Kickers-Präsident Dieter Müller (rechts), Ehrenspielführer Hermann Nuber (Mitte) und Rudi Völler.

„Meine zwei Leben“, so lautet der Titel der Autobiografie von Dieter Müller. Der gebürtige Offenbacher skizziert darin seinen Weg vom talentierten Fußballer zum erfolgreichen Star, gibt aber auch tiefe Einblicke in ein von schweren Schicksalen geprägtes Leben.

  • Zwölf Jahre lang war Dieter Müller Präsident von Kickers Offenbach (OFC)
  • In seiner Autobiografie „Meine zwei Leben“ skizziert Dieter Müller sein Weg zu Star
  • Er schildert darin auch viele bewegende und prägende Lebensabschnitte

Offenbach – In Teil drei geht es um seine privaten Schicksalsschläge, den Tod seines Sohnes im Alter von 16 Jahren, seinen Herzinfarkt 2012. Abschließend erinnert er sich an seine lange Zeit als OFC-Präsident.

Kickers Offenbach (OFC): Der Tod des Sohnes von Dieter Müller

„Es war der 21. Juli 1996, als das Telefon klingelte. Henny, meine Exfrau, war am Apparat. In dieser Sekunde veränderte sich mein Leben schlagartig. Nichts würde danach mehr so sein wie vorher. Das Schicksal kann ein sehr mieser Verräter sein. Als Henny mir sagte, dass Alexander einen Gehirntumor habe, erfasste mich eine bleierne Lähmung und die Vorahnung, dass mein Sohn nie mehr gesund werden würde.“

Alexander lag im Klinikum in Aachen, wo er auf eine Gehirnoperation vorbereitet wurde. Glioblastom Stufe 4, der bösartigste Gehirntumor, der bis heute als unheilbar gilt. Die Operation mit anschließender Strahlentherapie konnte also lediglich eine lebensverlängernde Wirkung haben. Die letzte Phase der Krankheit fesselte Alexander ans Bett.

„Henny und ich merkten, dass es täglich bergab ging und Alexander immer schwächer wurde. Es war eine laue Frühlingsnacht Ende Mai. Ich saß an seinem Bett, wir hatten das Fenster geöffnet und der Wind wehte sanft durch die Vorhänge. Alexander war ruhig und es breitete sich eine Stimmung des Friedens aus. Ich betete für meinen Sohn und mit einem Mal fühlte ich Engel im Zimmer – ganz deutlich und fast körperlich spürbar. Bis heute bin ich mir sicher, dass diese Engel real waren und meinem Sohn als auch mir helfen wollten, diesen unglaublich schweren Moment zu meistern.“

Dieter Müller und sein Sohn Alexander.

Kickers Offenbach (OFC): Dieter Müller hat einen Herzinfarkt mit 58 Jahren

Anfang April hatte Dieter Müller Geburtstag, er ist 66 Jahre alt geworden - oder acht, je nachdem, welchen Geburtstag man nehmen möchte. Er kann sozusagen zweimal im Jahr feiern, einmal am 1. April und noch einmal am 30. September. An diesem Tag vor acht Jahren hatte Dieter Müller, 58-jährig, in seinem Haus in Maintal einen Herzinfarkt erlitten, 31 Minuten stand sein Herz still, seine spätere Frau Johanna Höhl holte ihn ins Leben zurück.

„Durch das Morphium habe ich Gnome und Feen gesehen. Plötzlich war Licht um mich. Weißes, grelles Licht. Wo war ich? Auf dem Weg ins Jenseits? In eine andere Welt? Aber ich glitt in keinen Tunnel hinein. Ich wollte diese Kabel unbedingt loswerden und sie mir vom Leib reißen, aber als ich danach griff, trat eine Frau in weißem Kittel vor mich und lächelte mich an. „Herr Müller, alles in Ordnung. Sie sind in der Kardiologischen Klinik Hanau. Sie waren fünf Tage im Koma. Alles wird gut.“

Dieter Müller: „Eigentlich hätte ich ein Pflegefall sein müssen“ – Kickers Offenbach (OFC)

Zehn Minuten Herzstillstand bedeuten den Exitus, danach, so die Lehrmeinung, sind die Schäden im Gehirn wegen mangelnder Sauerstoffzufuhr irreparabel.

„Eigentlich hätte ich ein Pflegefall sein müssen oder gar nicht mehr aus dem Koma aufwachen dürfen. So wie Heinz Flohe, mein einstiger Mitspieler beim FC Köln, der drei Jahre im Koma lag, bevor er starb. Ich überlebte und wurde gegen jede Wahrscheinlichkeit gesund. Ich war dem Tod von der Schippe gesprungen. Der Tod ist ein furchtbarer Begleiter. Ich weiß, wovon ich rede.“

Heute geht es ihm den Umständen entsprechend, sein Herz bringt nur noch 35 Prozent Pumpleistung, an Joggen ist nicht mehr zu denken, aber Müller schreibt:

„Ich stehe im Herbst meines Lebens und versuche jeden Tag zu genießen, weil ich weiß: Der Morgen ist nicht versprochen.“

Dieter Müller: Die Ära als Präsident von Kickers Offenbach (OFC)

Es war das Jahr 2000, als Müller bei seinem Heimatverein, dem OFC, eine neue Tätigkeit fand. Die Kickers waren aus der 2. Liga abgestiegen.

„Ich traf Klaus Gerster zufällig auf einem Golfplatz. Thema waren natürlich die Kickers und irgendwann fragte mich der gewiefte Manager, ob ich mir vorstellen könnte, Präsident zu werden. Ich schaute ihn überrascht an und fragte, ob er das ernst meine. Er nickte. Ich überlegte. Ich hatte ja nichts zu verlieren. Meine Fußballschule lief gut, ich hatte die notwendige Zeit. Warum sollte ich keine Verantwortung übernehmen, wenn es meinem Heimatklub, dem ich jahrzehntelang als Mitglied die Treue gehalten hatte, schlecht ging?“

Am 10. Dezember 2000 fand die mit Spannung erwartete Jahreshauptversammlung statt. Es kamen viermal so viele Mitglieder wie üblich, über 1000 Menschen versammelten sich in der Offenbacher Stadthalle. Im Vorfeld hatte sich niemand für den Posten des Präsidenten beworben, weil es den Kickers wieder mal nicht gut ging. Abgestiegen aus der 2. Liga, in der Regionalliga gleich wieder auf einen Abstiegsplatz gerutscht, und finanziell am Limit. Es ging auf Mitternacht zu, als Gerster ans Mikrofon ging.

„Ich wusste, dass jetzt der entscheidende Moment gekommen war. Gerster sagte: „Wir brauchen einen starken Mann, der von uns allen anerkannt und unterstützt wird. Mir fällt da nur ein Name ein: Dieter Müller“, und er zeigte auf mich. Die Überraschung war groß. Mit mir hatte keiner gerechnet, doch schon mischte sich unter das Raunen lauter Applaus. Danach ging alles recht schnell. Ich wurde mit großer Mehrheit gewählt.“

Ära Dieter Müller: Kickers Offenbach (OFC) und der Aufstieg in die 2. Bundesliga

In Dieter Müllers Ära stieg der OFC 2005 wieder in die 2. Liga auf, stieg drei Jahre später am letzten Spieltag 2008 wieder ab. Es folgten nervenaufreibende Jahre in der 3. Liga, in denen der Wiederaufstieg trotz großer Anstrengungen misslang. Aber in Müllers Amtszeit wurde das neue Stadion verwirklicht.

„2012 spürte ich einen Verschleiß auf allen Seiten. In den Hinterzimmern wurde ein neuer Präsidentschaftskandidat aus dem Ärmel geschüttelt, ohne dass man mit mir gesprochen hätte. Der neue Mann, Dr. Frank Ruhl, stellte sich mir noch nicht einmal vor. Das empfand ich als sehr trostlos, weshalb ich der Jahreshauptversammlung im September 2012 fernblieb. Meine Amtszeit fand ein unwürdiges Ende, nachdem ich so lange im Amt gewesen war wie kein anderer Präsident in der über 100-jährigen Geschichte des Vereins. Was bleibt, sind der Zweitliga-Aufstieg, aber auch der Bau des neuen Stadions. Die Art und Weise meines Abgangs tut aber noch immer weh.“

VON JÖRG MOLL

Personalentscheidung bei den Offenbacher Kickers: „Bomber“ Moritz Reinhard bleibt. Danach sah es zunächst nicht aus.

Kickers Offenbach schlägt auf dem Transfermarkt zu und verpflichtet einen Spieler für die Offensive.

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