Interview

Kickers Offenbach: Als Eier und Fäuste im Stadion flogen

Bernd Gramminger, von 1992 bis 2000 beim OFC.
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Bernd Gramminger, von 1992 bis 2000 beim OFC.

Die Offenbacher Kickers haben eine bewegte Geschichte hinter sich. Einer der schlimmsten Tage war heute vor 25 Jahren.

Offenbach - Am 21. April 1995 wurden Spieler von Fans mit Eiern beworfen und angegriffen. Ein Spieler, Bernd Gramminger, wehrte sich, und schlug einen Fan K.o.. Der ehemalige Kapitän erinnert sich im Interview an einen denkwürdigen Tag.

Bernd Gramminger, sie waren von 1984 bis 2000 Fußballprofi beim VfR Bürstadt, Viktoria Aschaffenburg und Kickers Offenbach. Aber der 21. April 1995 dürfte in ihrer Karriere ein ganz besonderes Datum gewesen sein.

Oh ja, so etwas vergisst man nicht. Da haben die Kickers und ich bundesweit für Schlagzeilen gesorgt.

Die Kickers waren in der Regionalliga in Abstiegsgefahr, lagen im Heimspiel gegen Tabellenführer Unterhaching 0:2 zurück - und was ist dann kurz vor Schluss passiert?

Man muss dazu sagen, die Situation hatte sich seit Wochen hochgeschaukelt. Wir haben die Erwartungen nicht erfüllt, die Fans waren entsprechend sauer und wütend. Schon vor dem Spiel hatten die Fans eine Aktion mit Eiern und Tomaten gegen uns geplant. Und nach dem Tor zum 0:2 sind zwei, drei über den Zaun geklettert. Einer hat sich zum Sitzstreik am Anstoßkreis niedergelassen. Ein anderer ist auf unseren Stürmer Michael Hartmann zugelaufen, mit geballten Fäusten. Michael Hartmann hat das einzig Richtige gemacht, er ist abgehauen. Plötzlich macht der Kerl eine Richtungsänderung und kommt auf mich zu. Der hatte richtige Wut und Hass in den Augen, mir war klar, der will mich jetzt schlagen.

OFC: Bernd Gramminger boxte in der 2. Bundesliga

Aber er hatte sich den Falschen ausgesucht. Was die wenigsten wissen, vor ihrer Karriere als Profifußballer haben sie geboxt, und das sogar in der 2. Bundesliga für Speyer.

Ich wollte mich nur wehren, das war wie ein Reflex, im Unterbewusstsein ist das mit dem Boxen wieder reaktiviert worden und ich habe ihn getroffen. Er hatte also wirklich Pech, dass er mich ausgesucht hatte.

Was war dann im Stadion los?

Erst waren alle perplex, dann hat die Fantribüne gekocht. Ich bin mit anderen Spielern zu den Fans, wollte alles erklären und beschwichtigen, aber das war an diesem Abend unmöglich. Da war eine Mauer von Wut und Hass. Viele Fans konnten das nicht glauben und fassen, dass ihr geliebter OFC zum ersten Mal vor dem Sturz in die Viertklassigkeit stand. Und dafür waren wir Spieler die Sündenböcke. Dabei hatten wir doch schon vor der Saison geahnt, was passieren könnte.

Inwiefern?

Wir hatten nur zwölf, dreizehn Spieler für Regionalliga-Ansprüche. Da sind wir vom Mannschaftsrat zum Präsidium und haben gesagt, der Kader ist zu dünn. Als unser Trainer Lothar Buchmann das erfahren hat, hat er uns Meuterei vorgeworfen. Passiert ist dann nichts.

An jenem Abend des 21. April ist im Stadion noch einiges passiert. Die Fans wollten sogar den VIP-Raum stürmen, haben Scheiben eingeschmissen. Wie hat das die Mannschaft erlebt?

Wir wurden beworfen, erst mit Eiern und Tomaten, dann sogar mit Gläsern und Flaschen. Wir wurden in der Kabine dann von der Polizei abgeschirmt. Der eine oder andere hatte Angst um sein Leben. Später haben wir dann erfahren, dass Ehrenpräsident Waldemar Klein mit seinem berühmten Auftritt auf der Mülltonne alles wieder etwas beruhigt hat.

Wie sind Sie mit der Schlägerei im Nachhinein umgegangen?

Zunächst einmal war damals im gesamten Fußball die Situation zwischen Fans und Spielern nicht einfach. Kurz vor dem Vorfall in Offenbach hat Eric Cantona, der Starspieler von Manchester United, mit einem Kung-Fu-Tritt einen pöbelnden Fan niedergestreckt. Oliver Bierhoff, der damals in Italien gespielt hat, wurde auch von Fans attackiert. Wir haben das damals in vielen Gesprächen aufgearbeitet. Ich hatte genügend Angebote, woanders hinzugehen. Aber ich habe mir gedacht, nein, da muss ich durch. Andere haben es anders aufgearbeitet. Ich glaube, für unseren Kapitän, Günter Albert, war das damals auch ein Anlass aufzuhören.

OFC: Keine Probleme für Gramminger mit den Fans

Sie haben weitergemacht, gab es noch Probleme mit den Fans?

Der damals auf mich zugestürmt ist, hat mir ausrichten lassen, dass es ihm leid tut, aber getroffen haben wir uns nicht. Und mit den anderen Fans gab es null Probleme. Die folgenden Jahre waren ja auch wieder erfolgreicher.

Sie sind zwei Jahre später wieder aufgestiegen.

Auch so eine irre Geschichte. Elfmeterschießen in Pforzheim, von zehn Elfmetern gehen nur zwei rein, Oli Roth und ich haben getroffen. Dann der Flutlichtausfall in Mannheim, Wiederholungsspiel, wir gewinnen durch den eingewechselten Messinese 2:0. Wenn du in Offenbach gespielt hast, hast du immer was zu erzählen. So etwas erlebt man in anderen Vereinen in 100 Jahren nicht.

Sie wären von Offenbach fast nach Italien gewechselt.

Ja, ich hatte ein Angebot vom AC Turin. Aber unser Manager Klaus Gerster hat gesagt, du bleibst da und dann hat er mir dann einen Zehn-Jahres-Vertrag gegeben.

Zehn-Jahres-Vertrag?

Zwei als Spieler, und für zehn Jahre hat mir der Verein die Stadiongaststätte und das Catering im Stadion verpachtet.

OFC: Trainer Boysen wollte Gramminger nicht mehr

Aber das ist nicht gutgegangen?

Na ja, wie man es sieht. Nach dem Aufstieg in die 2. Liga wollte mich Trainer Hans-Jürgen Boysen nicht mehr, also wurde ich freigestellt. Später wollten mich Peter Neururer und Stepi zurückholen, aber das hat dann nicht geklappt.

Und was war mit der Stadiongaststätte?

Da wollte der OFC auf einmal einen McDonald’s unterbringen. Ich hatte gerade erst den Umbau finanziert. Also hat man mich mit einem sechsstelligen Betrag ausbezahlt. Aber einen McDonald’s gab es dann nie.

Sind Sie heute noch im Fußballgeschäft tätig?

Ich habe alle Trainerscheine, habe bei Viktoria Aschaffenburg acht, neun Jahre lang Jugendmannschaften in der Bayernliga trainiert und war Stützpunkttrainer vom DFB. An einer Realschule leite ich eine AG Fußball. Außerdem habe ich zwei Jahre lang Fußballtraining in der Justizvollzugsanstalt in Aschaffenburg angeboten. Ich mache jetzt nur noch Dinge, die mir auch Spaß machen. 

Das Gespräch führte Jochen Koch

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