Vor 60 Jahren

Drama um die deutsche Meisterschaft: Stolz und Frust beim OFC vereint

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Elfmeter in Berlin. Der Frankfurter Ekkehard Feigenspan verwandelt ihn gegen Kickers-Torwart Walter Zimmermann.

Zurzeit trennen Eintracht Frankfurt und Kickers Offenbach Welten. Die Eintracht spielt in der Bundesliga und in der Europa League, der OFC seit 2013 in der viertklassigen Regionalliga. Vor 60 Jahren spielten sie gegeneinander um die deutsche Meisterschaft.

Offenbach – „Eintracht Deutscher Meister“, titelte unsere Zeitung nach dem Endspiel um die deutsche Fußball-Meisterschaft 1959 in schwarzer Schrift. Und darunter weitaus größer in roter Farbe und fast ein bisschen trotzig: „Tapfere Kickers“. Vier Seiten widmete unsere Zeitung dem Finale am 28. Juni 1959 vor 75.000 Zuschauern im Berliner Olympiastadion, in dem die Frankfurter die Offenbacher Kickers nach großem Kampf mit 5:3 nach Verlängerung (2:2, 2:2) besiegten. Eine Mischung aus Stolz und Frust ist in diesen alten Berichten aus Offenbacher Sicht zu finden.

Stolz waren die Offenbacher natürlich, dass sie mit einer „prima Mannschaft mit vielen Spielern aus der Region“, die „wie Pech und Schwefel zusammengehalten hat“ (Verteidiger Alfred Schultheis) in Deutschland ganz vorn dabei waren und im Finale der Eintracht richtig Paroli geboten hatten. Das 2:2 nach 90 Minuten war ein top Ergebnis.

Kickers Offenbach: Nach Sattler-Ausfall zu viele Umstellungen

Frust kam auf wegen der einen oder anderen umstrittenen Schiedsrichter-Entscheidung zugunsten der Eintracht und taktischen Fehlern des damaligen Trainers Bogdan Cuvaj, die letztlich zu dieser Niederlage geführt haben. Schultheis und Erich Müller, langjähriger Sportchef unserer Zeitung, sind sich heute noch einig: Die internen Positionswechsel in der Offenbacher Mannschaft haben den Frankfurtern, die vom ehemaligen OFC-Trainer Paul Oßwald gecoacht wurden, in die Karten gespielt. Für Oßwald war es übrigens das zweite Finale mit der Eintracht nach 1932 (0:2 gegen den FC Bayern München).

Ein Blick noch weiter zurück, auf den 13. Juni 1959. Die Kickers lagen in der Endrunde gegen Tasmania Berlin nach 87 Minuten 0:2 zurück, waren in Unterzahl - und drehten dann sensationell binnen drei Minuten das Spiel - 3:2. Finale. Schiedsrichter Baumgärtel hatte den überragenden Mittelläufer Helmut Sattler nach einer harmlosen Rangelei vom Platz gestellt. Sattler, heute würde man ihn als zentralen Abwehrspieler bezeichnen, war somit für das große Endspiel gegen die Eintracht gesperrt. Ein herber Verlust für die Kickers.

Eintracht Frankfurt gegen OFC: Hermann Nuber kam nicht zur Geltung 

Für Sattler rückte Heinz Lichtl im Endspiel gegen die Eintracht in die zentrale Position, Willi Keim weiter nach links. Trainer Cuvaj zog zudem Spielmacher Gerd Kaufhold zur Absicherung der neu formierten Läuferreihe weiter zurück, er sollte den überragenden Ungarn Istvan Sztani auf Frankfurter Seite stoppen. Das klappte nicht. Sztani traf zweimal, erstmals nach 20 Sekunden. Frankfurts Mittelstürmer Ekkehard Feigenspan erzielte sogar drei Treffer.

Offenbachs Fußball-Idol Hermann Nuber spielte laut Erich Müller „statt einer Art Libero für Lichtl auf einer Halbposition und kam gegen den giftigen Hans Weilbächer nicht so zur Geltung. Das hat nicht gepasst.“

Fredi Schultheis stimmt ihm zu: „Das waren viele Umstellungen und sicher der Grund, weshalb es bei uns hin und wieder am Spielfluss gehapert hat.“ Der mittlerweile 83-Jährige aus Bieber ergänzt: „Wir haben uns leider nicht getraut, dem Trainer das eine oder andere zu sagen. Das waren andere Zeiten. Wir waren viel zu anständig.“ Die Offenbacher zeigten dennoch eine fulminante kämpferische Leistung, große Moral und ließen immer wieder ihre Klasse aufblitzen. Helmut Preisendörfer hatte kurz vor dem Ende der regulären Spielzeit sogar die Chance zum Siegtreffer. Erst in der Verlängerung mussten sie sich geschlagen geben.

Tapfere Kickers – die Titelseite unserer Zeitung nach dem Finale im Juni 1959. Auf dem Bild kämpfen Alfred Schultheis (vorn) und Istvan Sztani um den Ball. Hinten Karl Waldmann und Berti Kraus.

Offenbacher haben feines Gespür für ihre Mannschaft 

„Die Kickers waren trotz der Widrigkeiten gut, aber die Eintracht hatte damals wirklich eine bärenstarke Mannschaft mit Feigenspan und Sztani in Hochform. Wenn man alles zusammennimmt, waren die Frankfurter diesen kleinen Tick besser“, erinnert sich der fast 84-jährige Erich Müller zurück. Zur Erinnerung: Ein Jahr später stand die Eintracht im Finale des Europapokals der Landesmeister (3;7 in Glasgow gegen Real Madrid).

Auch interessant: Von Zimmermann bis Gast: Die Offenbacher Mannschaft vom Finale 1959

Die Bewohner der Stadt Offenbach hatten am Tag nach dem Endspiel ein feines Gespür für ihre Mannschaft, wie Müller versichert: „Der Empfang war einmalig. Die Kickers-Spieler sind nach der Rückkehr aus Berlin in offenen Autos durch die Stadt gefahren, wurden von gefühlt 100. 000 Menschen am Straßenrand wie die Sieger gefeiert. Das war absolut keine Verliererstimmung. Man hat die Riesenleistung der Mannschaft anerkannt.“

Am Abend nach der Rückkehr aus Berlin feierten die Spieler in der Offenbacher Messehalle. Und bekamen überraschenden Besuch. Bundestrainer Sepp Herberger schaute vorbei. „Die Kickers haben einen großartigen Kampf geführt und hätten gewinnen können. Wenn ihre Mannschaft jetzt hier als Meister gefeiert werden würde, hätte das dem Verlauf des Spiels entsprochen. Offenbach hat allen Grund, stolz zu sein“, sagte er. Dem ist nichts hinzuzufügen.

VON HOLGER APPEL

Lesen Sie auch unsere Serie zum Endspiel 1959:

Teil 1:  Die drei spektakulärsten Minuten der Kickers

Teil 2:  Große Lobeshymnen auf Trainer Paul Oßwald

Teil 3: „Wie eine Kreisauswahl“

Teil 4:  Ein Bier am Wannsee gegen die Nervosität

Teil 5: Die 22 Hauptdarsteller im Berliner Krimi

Teil 6:  „Großartig, faszinierend, hochdramatisch“

Teil 7: Volksfest bei der Heimkehr

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