Rückblick

Die goldenen Zeiten des OFC - Wagner: „Wir müssen uns unserer Tradition und Verantwortung bewusst sein“ 

Ein Foto vom Programmheft 1950
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Ein Foto vom Programmheft 1950

Vor 70 Jahren gehörten die Offenbacher Kickers zu den Spitzenvereinen in Deutschland. Heutzutage, nach mittlerweile sieben mauen Jahren in der viertklassigen Fußball-Regionalliga Südwest, erinnert man sich fast ungläubig zurück an die großen Zeiten des OFC.

Offenbach – Kickers-Präsident Joachim Wagner ist erst Ende der 1960er Jahre auf die Welt gekommen, er hat diese „goldenen OFC-Zeiten“ nicht miterlebt. Er bezeichnet das Finale um die deutsche Meisterschaft vor 70 Jahren in Berlin gegen den VfB Stuttgart (1:2) als „Antriebsfeder für unseren Verein“.

„Wir sind ein Traditionsklub in der Regionalliga, die Gegner sind das selten. Sie haben weder eine große Geschichte noch große Erfolge zu bieten. Deshalb sind bei uns viel mehr Emotionen vorhanden als bei ihnen. Wir müssen uns unserer Tradition und Verantwortung bewusst sein. Glanzlichter zu setzen wie damals vor 70 Jahren, das muss für einen Verein wie unseren OFC immer das Ziel sein“, sagt Wagner.

Neun Jahre später standen die Kickers zum zweiten Mal in einem Endspiel um die deutsche Meisterschaft im Berliner Olympiastadion, verloren 3:5 gegen die Frankfurter Eintracht. Vor 50 Jahren feierten sie mit dem 2:1-Sieg gegen den 1. FC Köln im Finale des DFB-Pokals – da war Präsident Wagner zumindest schon auf der Welt – den größten Erfolg der mittlerweile 119-jährigen Vereinsgeschichte,

Die Kickers gehörten nach dem 2. Weltkrieg zu den Gründungsmitgliedern der Oberliga Süd und spielten dort bis zur Einführung der Bundesliga im Jahr 1963 ununterbrochen. 1946 wurde Paul Oßwald als Trainer verpflichtet und prägte das Spiel der Kickers für die nächsten zwölf Jahre. 1949 und 1955 wurde der OFC Meister der Oberliga Süd und gehörte in nahezu jeder Saison zur Spitzengruppe. In der ewigen Rangliste der damals höchsten Spielklasse belegen die Kickers hinter dem 1. FC Nürnberg Rang zwei.

Doch zurück zum 25. Juni 1950 und den nachfolgenden Zeitungsberichten, knapp fünf Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs mit heutzutage merkwürdigen Formulierungen. Arthur Kohlberger, später Sportchef unserer Zeitung, berichtete in der Abendpost von einem Spiel, „das der Größe und Vorgeschichte des Kampfes um die deutsche Meisterschaft würdig war.“ Der VfB hatte in der ersten Halbzeit klar den Ton angegeben. Und in den Phasen klarer Offenbacher Überlegenheit im zweiten Abschnitt verteidigten elf Stuttgarter laut Kohlberger mit „letztem, aufopferungsvollen Einsatz ihren hauchdünnen Vorsprung, der noch einmal im nicht mehr erwarteten Feuer des mitreißenden Offenbacher Spiels am seidenen Faden hing“.

Von Beginn an hatte sich den Reportern von damals zufolge im Olympiastadion ein technisch hochstehendes Spiel entwickelt, in dem beide Vereine gleichermaßen Anteil und abwechselnde Vorteile hatten. Stuttgarts Rechtsaußen Läpple hatte aus 35 Metern mit einem Heber zum 1:0 für den VfB Stuttgart (17.) getroffen. „Hätte Schepper in dieser an sich ungefährlich wirkenden Situation sein Tor auf der Linie und nicht meilenweit vorn behütet, wäre es wahrscheinlich nie zu diesem unerwarteten Führungstreffer des VfB gekommen“, schrieb Kohlberger in der Chronik zum 75-jährigen Bestehen der Kickers im Jahr 1976. Nach dem 2:0 für Stuttgart – Emberger hatte zuvor den Ball am eigenen Strafraum an Mittelstürmer Bühler verloren (27.) – „brannte es lichterloh im Offenbacher Strafraum“, jetzt aber klärte Torwart Schepper mehrfach in großer Not.

Die Kickers kamen wie verwandelt aus den Kabinen. Horst Buhtz traf schon kurz nach Wiederanpfiff – und „alle negativen Erscheinungen der ersten Halbzeit waren wie ein böser Spuk hinweggefegt“. Die Offenbacher schnürten den VfB im eigenen Strafraum ein, der Ball wanderte laut Kohlberger wie im „Schalker Kreisel über den Rasen“. Weber, Buhtz, Schreiner und Baas wurden stärker. Kohlberger schrieb jetzt von einem „bestechenden Spiel, das nur den Fehler hatte, zu sehr in die Breite getragen worden zu sein“. Letztlich kickte immer einer aus der vielbeinigen Abwehr der Stuttgarter das Leder aus der Gefahrenzone.

Als Schiedsrichter Korrmannshaus die Partie beendete, lagen sich elf Stuttgarter in den Armen. Die sichtlich deprimierten Offenbacher hatten die Partie „nicht im Dauersturm der zweiten Halbzeit verloren, sondern in den ersten 45 Minuten durch die mangelnde Leistung einzelner Spieler in der Hintermannschaft“, wie unser Berichterstatter Kohlberger damals analysierte. VON HOLGER APPEL

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