Kapitän Kirchhoff macht sich Gedanken über seine Zukunft

OFC-Perspektiven: „Mit gezielten Verstärkungen viel möglich“

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„Es geht ums Dazwischenhauen“: Kapitän Benjamin Kirchhoff, (rechts, gegen Steinbachs Moritz Göttel) weiß, was es heißt, für den OFC auf dem Platz zu stehen.

Nachdenklich nippt er an seinem Espresso. Es ist eine kurze Zeit des Sammelns, die Benjamin Kirchhoff nutzt, um seine Worte mit Bedacht zu wählen.

Offenbach – Vor allem, wenn der Kapitän des Fußball-Regionalligisten Kickers Offenbach über seine Zukunft und die des Vereins spricht. Der Vertrag des 24-Jährigen läuft aus. „Es ist alles offen“, sagt Kirchhoff. Gedanken über die Zeit nach dem 30. Juni hat er sich freilich bereits gemacht. „Es muss einfach passen, es gibt viele Sachen, die ich abwägen muss“, räumt der viertjüngste Kapitän der Liga ein. Kirchhoff, der seit 22. Juni 2016 beim OFC ist und beim ernüchternden 2:2 bei der TSG Balingen sein 96. Pflichtspiel (90-mal Regionalliga, fünfmal Hessenpokal, einmal DFB-Pokal) bestritt, hat verinnerlicht, was es heißt, für den OFC auf dem Platz zu stehen. „Es geht ums Kämpfen, es geht um das Dazwischenhauen.“ Dafür kommen die vielen Fans zu den Spielen. „Was sie nicht ertragen können, ist, wenn eine Mannschaft auf dem Platz steht, die kein Leben hat. Diesen Geist muss man in sich aufnehmen.“ Umso härter ging Kirchhoff am Samstag auch mit sich ins Gericht. „Wir haben in der ersten Hälfte richtig scheiße gespielt. Ich selbst habe bestimmt zehn Bälle ins Aus geschlagen - das geht nicht.“

Der gebürtige Frankfurter, in der Jugend beim FSV am Ball, danach drei Jahre beim VfB Stuttgart II in der 3. Liga unter Vertrag, gehört zu den Kandidaten, die mit einer Verlängerung zögern. Auch wenn er weiß, was er an den Kickers hat. „Ich fühle mich hier sehr wohl, habe hier die Chance bekommen, mich in einer Herrenmannschaft zu beweisen.“ In Stuttgart hatte er diese Chance nie: „Ich habe ständig zwischen Startelf und Bank gependelt.“ Anfangs waren die Erfahrungen noch viel brutaler.

Kirchhoff: Perspektive „absoluter Profifußball“

„Im ersten Jahr in Stuttgart habe ich sehr früh Zeiten erlebt, wo es sehr schlecht lief für mich“, erklärt Kirchhoff: „Nach einem halben Jahr wurde mir gesagt, ich dürfe wieder gehen. Dann durfte ich mich nicht mal mehr mit der Mannschaft umziehen.“ Kirchhoff, gerade 18 Jahre alt und erstmals von zu Hause weg, ließ sich hängen. „Alle waren schuld – außer mir“, sagt er: „Dann trainierst du schlecht, gibst damit dem Trainer recht - und kommst in eine Negativspirale rein.“ Es war der Moment, der Kirchhoff zum Umdenken brachte und zu dem reflektierten jungen Profi machte, der er heute ist. Er krempelte seine Auffassung vom Beruf um. „Du musst Leistung zeigen, Arbeiten, Gas geben - das zahlt sich letztlich aus.“ Attribute, die der technisch starke Verteidiger in der Jugend gerne vernachlässigte. „Ich habe dann acht, neun Monate mit einem Athletiktrainer gearbeitet, war viel Laufen - und dann merkst du: Du wirst besser.“

Kirchhoff, der von Trainer Daniel Steuernagel, Nachfolger von Oliver Reck, zum Spielführer bestimmt wurde, weiß, dass in dieser Rolle „intensiver auf mich geschaut wird“. Doch das Plus an Verantwortung ist keine Bürde, eher ein Ansporn. „Ich versuche, in jedem Trainingsspiel zu gewinnen. Wenn sich da einer hängen lässt, kann ich auch mal sauer werden.“ Kirchhoff nippt kurz an seinem Wasser in der Risto-Bar in Bieber, seit Jahren ein Stammlokal Offenbacher Fußballer. Wieder so eine kurze Pause, die er sich nimmt, um Worte zu finden. Erfreut habe er die Aussagen von Sportdirektor Sead Mehic und seinem Trainer registriert, die als Profil für Kaderverstärkungen neben Tempo vor allem Erfahrung auserkoren haben. „Unser ältester Stammspieler ist Lucas Albrecht mit 28 Jahren“, sagt Kirchhoff.

Zusammenstellung des OFC-Kaders ist Teil der Zukunftsüberlegungen

Die Zusammenstellung des OFC-Kaders ist Teil seiner Zukunftsüberlegungen. „Uns würde es guttun, wenn wir den einen oder anderen dabei hätten, der so enge Situationen schon erlebt hat“, sagt der Verteidiger, der nebenbei ein Sportmanagement-Studium vorantreibt: „Aber solche Spieler kosten eben mehr Geld.“ Der Etat könnte nach den Ankündigungen der Gruppe um den Unternehmer Joachim Wagner künftig mehr Möglichkeiten eröffnen. Bislang aber war das nicht drin. „Von daher habe ich Christopher Fiori und Sead Mehic nicht um ihre Jobs beneidet: Sie mussten den Erwartungen gerecht werden - und hatten andererseits die wirtschaftlichen Zwänge“, sagt Kirchhoff über den scheidenden Geschäftsführer und den Sportdirektor.

Der Abwehrchef ist überzeugt, „dass mit gezielten Verstärkungen viel möglich ist.“ Er hat selbst erlebt, welche Eigendynamik Erfolge auslösen. „Gegen Mannheim waren letzte Saison 14000 Zuschauer im Stadion, von denen 13.000 dich anfeuern - und das in der Regionalliga. Es ist ein Privileg, für so einen Verein spielen zu dürfen“, betont er: „Ein Teil davon zu sein, hat definitiv seinen Reiz.“ Andererseits müsse er auch überlegen, „ob es in meiner Karriere noch einen Schritt nach vorne geht“. Das wird er mit sich ausmachen müssen - und sicherlich Rat in der Familie suchen. Bruder Jan, aktuell beim Zweitligisten 1. FC Magdeburg stellvertretender Kapitän, sieht er häufig in Frankfurt. Der einst bei Bayern München und Schalke 04 vor einer hoffnungsvollen Karriere stehende Defensivallrounder ist ein wichtiger Ansprechpartner. „Auch sein Vertrag läuft aus, da tauscht man sich natürlich aus. Wir haben ein super Verhältnis.“

Perspektive „absoluter Profifußball“

Klar ist: Bei einem Wechsel muss die Perspektive „absoluter Profifußball“ vorhanden sein. Nur dafür würde Kirchhoff den OFC aufgeben. „Jeder Spieler, der ein Angebot vom OFC hat, sollte sich genau überlegen, ob er das nicht annimmt“, sagt er. „Hier hast du sehr viel, was du brauchst.“ Kirchhoff wird das in seine Überlegungen einbeziehen. In zwei, spätestens drei Wochen will er seine Entscheidung treffen. Mit großem Bedacht, so wie er seine Worte wählt.

VON JÖRG MOLL

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