Neuer OFC-Geschäftsführer im Interview

Thomas Sobotzik: „Wir haben jemanden im Auge“

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Antrittsbesuch im Verlagsgebäude: Der neue Geschäftsführer der Offenbacher Kickers, Thomas Sobotzik (Mitte), im Gespräch mit OP-Sportchef Jochen Koch (links) und Sportredakteur Christian Düncher. 

OFC-Geschäftsführer Thomas Sobotzik spricht im Interview über offene Stellen, das „Haifischbecken“ im Fußball und ein Vorbild aus der Bundesliga.

Kurz nach Beginn Ihrer Tätigkeit sagten Sie, es habe Sie überrascht, wie viel Beachtung der OFC trotz Viertklassigkeit weiter findet und dass das eine große Wucht sei...

Dieser Eindruck hat sich sogar verstärkt. Das ist zugleich eine große Verpflichtung, alles dafür zu tun, den Verein wieder in Regionen zu bringen, in die er gehört.

Ihr Vorgänger Andreas Herzog kehrt zum Jahresbeginn in seinen Job bei der Stadt Offenbach zurück. Haben Sie bereits die angekündigte Unterstützung für den kaufmännischen Bereich gefunden?

Wir haben jemanden im Auge. Ich hoffe, dass das bald geregelt wird und derjenige final zusagt. Es sieht ganz gut aus.

Der OFC musste in jüngerer Vergangenheit zweimal Insolvenz anmelden. Hat Sie das zögern lassen, als die Anfrage kam?

Natürlich war ich zunächst skeptisch und habe mich informiert – vor allem über die Leute, die seit Juni im Amt sind. Ausschlaggebend war, dass ich Präsident Joachim Wagner und seinem Team vertraue. Er steht für Verlässlichkeit und Handschlagmentalität, die es leider immer seltener gibt. Wir wollen gemeinsam etwas bewegen und haben alle etwas zu verlieren, falls es misslingt. Die Voraussetzungen sind aber gut.

Kickers Offenbach (OFC): „Wichtig zu wissen, woher man kommt“

Sie haben mehrfach betont, wie wichtig es sei, demütig und bescheiden zu sein. Hat diese Haltung auch mit Ihrer persönlichen Historie zu tun?

Es ist generell wichtig, zu wissen, woher man kommt und wohin man will. Man neigt als Traditionsklub dazu, sich in anderen Sphären zu wähnen. Wir sind aber dort, wo wir sind. Das heißt nicht, dass wir die Ziele verringern. Es geht um Demut vor der Aufgabe. Am Sonntag heißt der Gegner FC Gießen, nicht VfB Stuttgart. Es wird kein Selbstläufer. Im Gegenteil: Nur, weil wir Kickers Offenbach sind, schenkt uns keiner etwas. Es ist sogar schwieriger, weil das für die Gegner in der Regel das Spiel des Jahres ist.

Als Spieler durchliefen Sie fast alle Auswahlteams des DFB bis hin zur A2-Nationalmannschaft, kamen 135-mal in der 1. Liga zum Einsatz. Haben Sie das Maximum aus Ihrem Talent herausgeholt?

Mit Blick auf meine Verletzungshistorie: ja. Vom Talent her wäre mehr möglich gewesen. Ich hatte aber mit 16 Jahren den ersten Totalschaden im Knie. Daher war ich verletzungsanfällig. Insofern habe ich mit 357 Profispielen das Maximum aus dem Körper geholt – mit dem Preis, dass die linke Hüfte und das linke Knie hin sind. Aber ich habe so viele Gänsehautmomente erlebt, dass ich es immer wieder tun würde.

Sie spielten unter Trainerlegenden wie Jupp Heynckes und Otto Rehhagel, sagen aber, dass sie Felix Magath am meisten beeindruckt habe. Warum?

Viele Dinge, die er gemacht hat, habe ich erst später verstanden. Als Spieler fand ich das nicht alles toll und habe gemeckert. Mir imponiert es, wenn jemand mehr rausholt als alle anderen vor und nach ihm. Das hat er geschafft. Er gab einem das Gefühl, dass man alles erreichen kann, wenn man es will und alles dafür tut.

Kickers Offenbach (OFC): „Unfassbare Sehnsucht nach besseren Zeiten“ 

Rechnen Sie aufgrund Ihrer Eintracht-Vergangenheit mit Gegenwind?

Bis jetzt gab es nur Bestärkung und Zuspruch. Die Leute hoffen, dass es funktioniert. Es ist eine unfassbare Sehnsucht nach besseren Zeiten da. Wenn wir es alle wollen, können wir es erreichen.

Als Sie 2003/04 für Union Berlin spielten, stieg der Verein aus der 2. Liga ab, zwei Jahre später war er in der Oberliga angekommen. Nun sorgt Union als Aufsteiger in der 1. Liga für Aufsehen. Ist das ein Beispiel, wie sich etwas entwickeln kann?

In der Tat. Die waren auch in der Insolvenz und sind stetig hoch. Nicht von heute auf morgen, aber sie haben ihre Ziele beharrlich verfolgt. Das zeigt, wie ein kleiner Verein mit klarer Identität seinen Platz im Haifischbecken finden kann, auch wenn die Lage aussichtslos erscheint. Ich weiß, wie es um sie stand und wie sie dann mit Fans, Region, Politik, Wirtschaft so etwas Sensationelles geschafft haben.

Sie spielten für mehrere Vereine, die in ihrer Stadt oder Region nicht die Nummer eins sind, aber eine Nische belegten. Kann und muss das auch der Weg des OFC sein?

Wir haben ein einmaliges Merkmal, ein klares Image: Wir sind das Gegenteil der Eintracht – so wie St. Pauli das Gegenteil des HSV und Union Berlin das Gegenteil der Hertha ist. Ich glaube, das Rhein-Main-Gebiet würde einen starken OFC vertragen und alle würden sich sogar sehr darüber freuen, wenn es uns gelingt, den OFC im Profifußball zu etablieren.

Kickers Offenbach (OFC): „Natürlich muss der Trainer zur Philosophie passen“

Wie holt man in einer Saison, in der es außer dem Hessenpokal kein sportliches Ziel mehr gibt, die Fans zurück ins Boot?

Man muss transportieren, dass der Weg entscheidend ist. Wenn man so ein großes Ziel hat wie der OFC, kann man nicht sagen, wir fangen am 1. Juli 2020 an. Man muss Weichen stellen und Prozesse einleiten. Jetzt kommen wir wieder zur Demut. Das heißt auch, dass ein 1:0 gegen Bahlingen okay ist. Die muss man erst mal schlagen. Und es ist ein Erfolg, über den man sich freuen sollte. Ich kann nur auf RB Leipzig hinweisen. Die haben drei Jahre gebraucht, um aus der Regionalliga rauszukommen – mit einem unfassbar großen finanziellen Background und fähigen Leuten. Das ist kein Selbstläufer. Sehr viel muss passen, damit es klappt. Damit wollen wir 2020 anfangen, dass wir uns entwickeln, der Weg und die Handschrift des neuen Trainerteams erkennbar sind. Ich hoffe, dass die Fans das honorieren, auch wenn nach oben in dieser Saison nichts mehr geht.

Man muss die Liga also erst mal annehmen?

Ja. Nur weil ich DFB-Pokalsieger war, geht keiner freiwillig zur Seite. Die Erwartungshaltung ist da. Man sollte das Team aber nicht überfrachten und kann von ihm nichts erwarten, was es vielleicht nicht erfüllen kann. Das ist kontraproduktiv.

Kickers Offenbach (OFC): Der Trainer muss zur Philosophie passen

Wie haben Sie die Verantwortlichen davon überzeugt, dass Angelo Barletta der richtige Trainer ist?

Natürlich muss der Trainer zur Philosophie passen. Angelo Barletta war daher im ganz engen Kreis. Es gab auf der Liste der Kandidaten, mit denen wir uns unterhalten haben, drei Trainer. Da hat sich herauskristallisiert, dass Angelo der Richtige ist. Bei ihm hatten wir alle das Gefühl, dass er unbedingt zu uns will und an den Erfolg in dieser Konstellation glaubt.

Welche Erwartungen haben Sie an Barletta?

Wir haben besprochen, dass der Cheftrainer dafür da ist, die Wahrscheinlichkeit maximal zu steigern, Spiele zu gewinnen. Ich bin dafür da, ihm den Rücken freizuhalten. Wir diskutieren alles intensiv und sind ständig im Kontakt.

Kickers Offenbach (OFC): „Wir haben mit 25 Mann einen großen Kader“

Sie haben gesagt: „Die Qualität der Mannschaft wurde überschätzt.“ Wie konnte das passieren?

Wir haben sehr gute Spieler. Aber aus meiner Sicht reicht die Kaderstärke nicht aus, um das Ziel Aufstieg auszurufen. Dass wir besser sind als der derzeitige Platz, glaube ich schon. Aber in dieser Saison schätze ich andere Kader als stärker ein. Bei uns fehlt mir in der Gesamtheit eine Balance im Kader. Gewisse Waffen haben wir nicht, um wirklich über Platz eins nachzudenken.

Welche Waffen fehlen dem OFC?

Ich war nicht bei der Planung dabei, weiß nicht, was die Idee war. Aber ich sage es mal so: Wenn man einen Andis Shala und Moritz Hartmann vorne hat, braucht man Leute, die diese Stürmer mit ihren speziellen Fähigkeiten in Szene setzen. Detaillierter will ich nicht werden, das wäre nicht in Ordnung.

In der Winterpause sollen zwei bis vier Neue kommen. Wo ist am ehesten Handlungsbedarf?

Ob zwei, vier oder keiner, kann ich nicht sagen. Fakt ist: Wenn wir Spieler holen, sollen sie uns qualitativ verstärken. Wir haben mit 25 Mann einen großen Kader. Da werden wir auch einigen Spielern das Feedback geben, dass die Einsatzchancen im neuen Jahr nicht so groß sind.

Kickers Offenbach (OFC): „Das wäre eine Win-Win-Situation“

Worauf achten Sie bei Spielerverpflichtungen? Was ist Ihnen wichtig?

Egal, aus welcher Liga jemand kommt: Es muss ersichtlich sein, dass derjenige uns als die für ihn ideale Lösung ansieht – auch wenn er den OFC eventuell nur benutzen will, um einen weiteren Schritt zu machen. Das wäre dann eine Win-win-Situation. Ich will niemand überreden müssen, hierher zu kommen. Ich will das Leuchten in den Augen spüren, dass sie dieses Projekt angehen mit allen Chancen und Risiken. Um aus dieser Liga rauszukommen benötigt man Jungs, die, egal wo sie hinfahren, egal wie schlecht der Platz ist, sagen: Egal, gewinnen, Mund abputzen, nach Hause fahren. Diese Mentalität brauchen wir.

Beim Chemnitzer FC haben Sie ein Aufstiegsteam zusammengestellt. Wie geht man so etwas an?

Am Ende haben es die Spieler geschafft. Das Trainerteam und ich haben ihnen Hilfestellung gegeben. Entscheidend sind die Charaktere. Und es muss passen. Es müssen Jungs sein, die harmonieren und eine Idee verfolgen.

Haben Sie in Offenbach bessere finanzielle Voraussetzungen als in Chemnitz?

Ja, die sind besser. Der Etat ist in der aktuellen Saison höher als der, den wir in Chemnitz zur Verfügung hatten. Aber das ist ja keine Garantie für sportlichen Erfolg. Man braucht ein gewisses Volumen, damit das überhaupt darstellbar ist. Man kämpft in dieser Liga mit Saarbrücken, mit Elversberg, mit Steinbach. Saarbrücken ist schon weit von allen weg, Elversberg tendenziell auch und dann gibt es noch zwei, drei andere, die auf einem ähnlichen Niveau liegen. Nur übers Geld wird es nicht funktionieren. Beim Etat von RB Leipzig in den ersten zwei Jahren würde man sagen, damit muss man aufsteigen. Es war aber nicht so. Es gibt keinen Automatismus.

Kickers Offenbach: OFC in drei Jahren? „In der 3. Liga.“

Ihre Haltung beim Chemnitzer FC, als Sie klar Stellung bezogen gegen rechtsradikale Fans und letztlich nach Morddrohungen zurücktraten, hat Ihnen viel Respekt eingebracht, aber auch Kritik von Fans. Wie bewerten Sie das nun?

Es gibt Dinge, wo meine Kompromissbereitschaft gegen null geht. Heutzutage ist es wichtiger denn je, dass alle Beteiligten, die irgendwie öffentlich sind, klar Stellung beziehen, dass für gewisse Dinge kein Platz ist in der Öffentlichkeit. Denn Fakt ist ja auch, dass die Bühne Fußball missbraucht wird von diesen Leuten. Für manche stellt das fast schon einen rechtsfreien Raum dar. Es heißt, das seien Fans. Nein, Menschen, die in Fußballstadien rechtsradikale oder antisemitische Parolen brüllen, sind keine Fans, sondern Arschlöcher, um es mal klar zu sagen. Der Sport steht ja für etwas: Gemeinschaft, Fairness, Wettbewerb, Toleranz. Da kann man nicht sagen, wir tolerieren etwas, weil wir uns nicht trauen, weil wir das Trikot unseres Vereins tragen. Umso schlimmer. Da muss man halt das Trikot ausziehen. Dafür werde ich weiter kämpfen, egal, wo ich bin.

Seit der Partie am 14. September beim TSV Steinbach Haiger sahen Sie sich regelmäßig OFC-Spiele an. Warum dauerte es zwei Monate bis zur Ihrer Verpflichtung?

Es war ein Prozess, wo beide Seiten ihre Vorstellungen abgeklopft haben. Ich weiß für mich persönlich, wie man erfolgreich sein kann im Fußball. Es muss dann halt passen. Ich habe nicht einfach einen Job gesucht. Es hat gedauert, bis ich mir sicher war, dass ich hier ich selbst sein kann. Wir haben eine Weile gebraucht, bis klar war, in welcher Struktur, wie die Entscheidungskompetenzen verteilt sind. Erst ganz am Ende haben wir übers Geld diskutiert. Viel wichtiger sind die Dinge vorher, dass man die Erwartungshaltung abruft und weiß, worauf man sich einlässt.

Ihr Vertrag gilt für zweieinhalb Jahre. Wo sehen Sie den OFC am Ende dieser Laufzeit?

In der 3. Liga.

Das Gespräch führten Jochen Koch und Christian Düncher

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