OFC-Präsidentschaftskandidat im Interview

Joachim Wagner: "Wir müssen wieder kämpfen lernen"

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„Wir können die große Kugel nur gemeinsam ins Rollen bringen“: Joachim Wagner hat mit Kickers-Freunden durch finanzielle Zusagen ein Signal für bessere Zeiten gesetzt, jetzt hofft er auf die Unterstützung der Fans. 

Der Umbruch auf allen Ebenen beim Fußball-Regionalligisten Kickers Offenbach schreitet voran. Am Dienstag (19 Uhr) stellt sich bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung ein neuer Vorstand zur Wahl.

Offenbach – Unsere Zeitung sprach mit dem designierten Präsidenten Joachim Wagner.

Am Dienstag tritt Ihr Schattenkabinett endgültig ins Rampenlicht. Spüren Sie eine gewisse Aufregung vor der Mitgliederversammlung?

Ja natürlich, so etwas ist immer spannend. Alles was nicht alltäglich ist, erzeugt eine gewisse Anspannung.

Als Manager in der Wirtschaft sind Sie Versammlungen größerer Art gewohnt. Ist das mit einem Fußball-Klub vergleichbar?

Das ist etwas Anderes. Fußball ist emotional, gerade der Verein, der einem am Herzen liegt. Wir hatten auch schon spannende Aktionärsversammlungen. Aber das ist reines Business. Fußball ist zum Teil Business, aber eben auch viel Emotion.

Sie wollen sich mit einem neuen Team vorstellen, dem Peter Roth, Jörg Briel und der bisherige Schatzmeister Daniel Simon angehören sollen. Ist noch eine personelle Überraschung möglich?

Nein. Wir werden uns so zur Wahl stellen.

Wer verkörpert im Präsidium die sportliche Kompetenz?

Wir haben im Verein das Trainerteam, Sportdirektor Sead Mehic, Teammanager Bernd Winter - wir haben also viel sportliche Kompetenz im Boot. Wir werden nach der Wahl eine klare Aufgabenverteilung im Präsidium machen, es muss alles abgedeckt werden.

Für das scheidende Präsidium wird es die Abschiedsvorstellung. Wie beurteilen Sie die Arbeit des Teams im vergangenen Jahr, auch im Hinblick auf den Rücktritt des Präsidenten Helmut Spahn?

Gerade wenn man vor so eine Situation gestellt wird, ist das nicht einfach. Sie hätten ja mit hinschmeißen können, das haben die Protagonisten nicht gemacht. Insofern kann man nur den Hut davor ziehen, dass sie Verantwortung übernommen und versucht haben, das Beste daraus zu machen. Das gilt auch für meine Vorgänger. Das war sicherlich nicht viel Freude, die man da an Arbeit überlassen bekommen hat. Es war eine undankbare Sache für alle.

Michael Relic, Markus Weidner, Barbara Klein, Uwe Zeiler – werden Sie in anderer Rolle eine Zukunft beim OFC haben?

Für keinen ist eine Tür zu. Wir werden uns zusammensetzen und eine Lösung suchen. Wir sind um jeden froh, der etwas im Team tun will.

Ihr Vorgänger Helmut Spahn hat seine Mannschaft im Block wählen lassen. Wie werden Sie die Wahl handhaben?

Das wollen wir nicht. Das Mitglied soll schon entscheiden können, wer gewählt wird. Natürlich ist es uns wichtig, dass wir in der Formation zusammenkommen, wie wir das geplant haben.

Welche Eindrücke haben Sie bisher über den OFC und seine Situation gewonnen?

Seit Januar beschäftige ich mich intensiv mit dem OFC, wöchentlich mit größerem Aufwand. Anfangs beurteilt man es, wie man es mit Unternehmen macht. Dann ist man überrascht, dass man jedes Mal wieder in das gleiche Dilemma geht. Je länger man sich damit beschäftigt, desto mehr erkennt man die Unterschiede zwischen Fußballverein und Wirtschaftsunternehmen. Man muss mehr ausgeben, als man einnimmt. Das ist unlogisch, das würde man in der Wirtschaft selten machen. Aber es ist so, dass irgendjemand in Vorleistung treten muss. Sonst durchbricht man nicht den Kreislauf der Depression. Die Vorleistung heißt also: Etat verbessern, um eine qualitativ hoffentlich bessere Mannschaft an den Start zu schicken. Eine weitere Erkenntnis war, dass vielen die Visionen und Ziele verloren gegangen sind. Auch der Stolz und der Respekt gingen verloren.

Welche Gründe hat das?

Wir müssen wieder lernen zu kämpfen, geschlossen zu sein, sich nicht mit sich selbst zu beschäftigen. Das Wesentliche ist nicht das Interne, das muss einfach laufen. Wir müssen uns einen, da sind wir auf dem richtigen Weg. Dann müssen wir uns auf die Tugenden besinnen, die den OFC ausmachen: Kämpfen, nie aufgeben. Wir müssen aus diesem Strudel raus.

Warum muss man die Gremien einigen, könnte man daraus schließen, dass sie entzweit waren?

Das ist jetzt zwischen den Zeilen gelesen. Es ist nicht so, dass es entzweit ist. Ich komme aus einem eigenen Unternehmen, war dann in einer Aktiengesellschaft tätig. Je größer ein Unternehmen ist, desto mehr unterschiedliche Personen gibt es, und umso mehr unterschiedliche Richtungen. Aber es kann nur ein Ziel geben für den OFC. Aber wo war das Ziel in den vergangenen zwei Jahren?

Es wurde ja ein klares Ziel ausgesprochen, das aber nicht realistisch war.

Ziele können nur über die Breite formuliert werden, es funktioniert nicht, wenn das nur eins, zwei Leute formulieren. Mir hat die klare, untereinander abgestimmte Zielausrichtung gefehlt. Wir haben gemeinsam ein klares Ziel formuliert und verinnerlicht: Wir wollen in den nächsten drei Jahren aufsteigen. Diesem Ziel gilt es alles unterzuordnen. Dafür müssen wir auch gemeinsam mit Rückschlägen umgehen.

Mit welchen Erwartungen treten Sie Ihr Amt an?

Mein eigenes Ziel, das ich mir stelle, ist: Ich will den Verein weiterbringen, nach vorne bringen. Wenn ich irgendwann mal nicht mehr gewählt werde, will ich ihn deutlich besser übergeben.

Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Dr. Frank Ruhl, Ex-Präsident und Hauptanteilseigner der Profi GmbH, beschreiben?

Bei mir fängt jeder bei null an. Ich versuche externe Meinungen zu Personen auszublenden. Ich kann Stand heute sagen, dass ich mit Herrn Dr. Ruhl vernünftig zusammengearbeitet habe. Vernünftig heißt: sehr professionell. Ich kann nichts Negatives sagen.

Ist immer noch geplant, einen weiteren Investor ins Boot zu holen?

Aktuell ist das nicht im Fokus. Wir haben die Saison gesichert über den Einstieg der Kickers-Freunde.

Wie ist das abgesichert?

Auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung stellen wir vor, wie wir das machen wollen.

Letzte Saison betrug der Etat offiziell um die 2,5 Millionen Euro. Wie hoch wird er diese Saison sein?

Ich möchte nichts über Zahlen sagen. Dass wir den Etat erhöht haben, ist ersichtlich anhand der Personen, die wir für den Verein gewinnen konnten. Das ist nicht aus dem Würfelbecher gefallen, sondern in Absprache mit der sportlichen Leitung. Wir haben gefragt: Welchen Etat brauchen wir, um eine wettbewerbsfähige Mannschaft an den Start zu stellen. Da wurde uns eine Summe genannt. Unsere Aufgabe war es, diesen Etat aufzustellen. Das haben wir geschafft.

Können Sie skizzieren, wie die Investitionen wirtschaftlich zu verstehen sind? Darlehen, Kredite, GmbH-Anteile?

Das wird den Mitgliedern am Dienstag vorgestellt.

Sie haben von einem Drei-Jahres-Plan gesprochen. Wo soll der OFC am Ende dieser Zeit idealerweise stehen?

Man kann einen Aufstieg schwer planen, man kann die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass es gelingt. Aber es gibt keine Garantie. Wenn Saarbrücken, Steinbach oder Ulm den Etat nochmal erhöhen, sind wir wieder der Underdog. Ich tue mich schwer, eine Prognose abzugeben, wo wir in drei Jahren sind.

Was passiert, wenn die Realität auch dann Regionalliga heißt? Schließlich ist das Nadelöhr weiterhin sehr klein – und die Konkurrenz finanzstark.

Dann spielt der Verein immer noch in der Regionalliga.

Ist dann eine Vision noch aufrecht zu erhalten?

Das hängt immer davon ab, wie die drei Jahre gelaufen sind. Man kann drei Jahre lang extrem schlecht gespielt, extrem schlecht eingekauft haben - dann hat man es extrem schlecht gemacht. Man kann aber auch drei Jahre lang sehr gut eingekauft haben und ganz knapp gescheitert sein. Ist dann alles schlecht gewesen? Ich glaube nicht. Aber unser Anspruch ist, aus dieser Liga herauszukommen. Der Aufstieg in die 3. Liga ist der schwerste, danach ist nicht alles gut, aber es wird einfacher.

Joachim Wagner

Wenn man sich das letzte Heimspiel der vergangenen Saison vergegenwärtigt, war bei den Fans eine große Lethargie zu erkennen. Wie kann man neuen Optimismus wecken?

Es war eine Gleichgültigkeit da, das ist brandgefährlich und nicht gut. Es bringt aber nichts über die letzten sieben Jahre zu sprechen. Wir haben eine Möglichkeit, die wir nutzen müssen. Wir haben schon jetzt einen Etat für eine ganze Saison sicher, ich weiß nicht, wann es das das letzte Mal gab. Wir haben viel verändert, eine neue Mannschaft, ab Dienstag womöglich ein neues Präsidium. Es ist schwierig, das Wort Neuanfang zu benutzen, weil das so oft missbraucht wurde. Aber es tut sich viel im Moment. Und es ist erstmals so, dass nicht die Fans als erste die große Steinkugel in Bewegung setzen mussten. Dieses Mal haben es die Kickers-Freunde mit finanziellen Zuwendungen getan. Aber wir können die Kugel nur mit vielen Händen gemeinsam ins Rollen bringen. Deshalb hoffe ich darauf, dass die Fans uns zum Beispiel mit dem Kauf von Dauerkarten helfen.

Welchen Eindruck haben Sie von den für den sportlichen Bereich Verantwortlichen, Trainer Daniel Steuernagel und Sportdirektor Sead Mehic?

Einen sehr guten. Ich habe die letzten Wochen täglich mit ihnen zu tun gehabt. Habe ständig Feedback bekommen bei der Zusammenstellung der Mannschaft. Das Bild, das mir da gezeigt wurde, war sehr professionell, sehr fleißig, sehr aktiv.

Wie bewerten sie die Zusammenstellung der neuen Mannschaft?

Ich bin nicht der Spielerberater oder Sportlicher Leiter, aber ich finde, man sieht, welche Philosophie dahintersteckt, wie der Kader zusammengestellt wird. Es ist mehr Erfahrung, mehr Charakter und mehr Willensstärke in den Spielern zu entdecken. Die Kombination zwischen mehr erfahrenen Spielern und unseren tollen jungen Spielern macht auf mich einen guten Eindruck.

Die U19-Jugend der Kickers ist in die Bundesliga aufstiegen, spielt gegen Bayern München, Eintracht Frankfurt, 1899 Hoffenheim. Wo ordnen sie diesen Erfolg ein?

Das war absolut positiv. Wenn man sieht, dass zu einem U19-Spiel 2000 Zuschauer kommen, ist das unfassbar. Daran sieht man, was mit Emotionen möglich ist. Die U19 und die U15 sind absolute Leuchttürme im Verein. Die Charakterstärke, der Willen - das sind extrem beeindruckende Tugenden. Daran sieht man, was man mit Wille und Überzeugung schaffen kann. Da muss die erste Mannschaft fast schon rüberschauen und dieses Gen verinnerlichen. Man sieht, dass der Verein viel besser ist, als er dargestellt wird.

Hat man durch die Stagnation in den letzten Jahren einen Minderwertigkeitskomplex entwickelt?

Vielleicht schon. Die vergangene Saison war eine ganz unglückliche. Wir brauchen wieder unseren Stolz, die positive Emotion. Die Leute müssen sich mit dem OFC wieder uneingeschränkt identifizieren können. Wir müssen lernen zu kämpfen. Dafür brauchen wir das ganz klare Ziel: Wir wollen aus der Liga raus, wir können das. Wenn wir es dieses Jahr nicht schaffen, dann nächstes Jahr. Dann gehen bei uns nicht die Lichter aus. Wir schauen nur noch nach vorne.

Es gibt also eine Rückbesinnung auf Offenbacher Tugenden?

Ja, klar. Nie aufgeben! Offenbach ist eine Arbeiterstadt, musste sich immer neu erfinden. Wir sind immer in die Ecke des Verdrängten gestellt worden. Wir sind als Verein benachteiligt worden, jeder weiß das. Aber wir haben uns immer wieder rausgekämpft, sind immer wieder aufgestanden.

Also kämpfen und mit eigenen Kräften nach oben kommen.

Ja. Alles, was ich erreicht habe, habe ich mir erkämpft, ich habe mit mittlerer Reife neben Studierten im Vorstand gesessen. Unmöglich eigentlich. Deswegen identifiziere ich mich so stark damit: Der Verein muss wieder lernen zu kämpfen. Die Spieler dürfen auch mal verlieren, aber sie müssen 90 Minuten wirklich alles geben.

Der OFC steht vor dem radikalsten Umbruch der letzten Jahre: neues Präsidium, neuer Geschäftsführer, zwölf neue Spieler. Was überwiegt dabei: Chance oder Risiko?

Natürlich die Chance. Es wird kaum einen geben, der keine Akzeptanz für diesen Wandel hat. Der Wandel ist alternativlos. Wir haben es die letzten Jahre versucht. Den Spielern, die hier waren, kann man nichts vorwerfen. Aber es hat nicht für ganz oben gereicht. Dann muss man eben auch mal sagen: Jetzt wagen wir einen Schnitt. Auch wenn das bedeutet, dass eine komplett neue Mannschaft vielleicht nicht im ersten Spiel gleich ein Feuerwerk abbrennen kann. Aber die Fans müssen erkennen können, dass die Mannschaft alles gibt - und kämpft.

Im Sommer 2020 haben die Kickers einen Grund zum Feiern: 50 Jahre DFB-Pokalsieg 1970, oder darf man noch etwas feiern?

Den Hessenpokal? (lacht). Ganz klar: Mein größter Wunsch ist, dass wir aus dieser Liga rauskommen. Wir sind nicht mit der Situation zufrieden. Das Thema wird kein Sprint, vielleicht ein Halbmarathon, vielleicht ein Marathon. Aber es wird keine Ein-Schuss--Politik geben.

Das Gespräch führten Jochen Koch und Jörg Moll

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