„Raus aus negativen Schlagzeilen“

Präsidentschaftskandidat Helmut Spahn im großen OP-Interview

+
Helmut Spahn (links) beim Interview-Termin mit unseren Sportredakteuren Christian Düncher (rechts) und Jörg Moll. Nicht auf dem Bild: Ressort-Chef Jochen Koch

Offenbach - Die Offenbacher Kickers stehen vor richtungsweisenden 48 Stunden. Am Sonntag (14 Uhr) geht es im Topspiel gegen den 1. FC Saarbrücken darum, Perspektiven im Rennen um die ersten beiden Plätze der Fußball-Regionalliga Südwest zu bewahren. Am Montag (19 Uhr) wählt der Verein einen neuen Präsidenten. Von Jochen Koch, Christian Düncher und Jörg Moll

„Das Ergebnis wird Einfluss auf die Stimmung haben“, ist Helmut Spahn überzeugt. Der Froschhausener bewirbt sich um die Nachfolge von Claus-Arwed Lauprecht. Dessen Team hat im Sportzentrum Martinsee in Heusenstamm seinen letzten offiziellen Auftritt.

Am Montag tritt Ihr Schattenkabinett endgültig ins Rampenlicht. Spüren Sie eine gewisse Aufregung vor der Mitgliederversammlung?

Wir sind entspannt und relaxed. Wir werden unser Programm vorstellen und dann werden die Mitglieder entscheiden, ob sie das Programm gut finden oder nicht. Wenn wir gewählt sind, ist das Erste, was wir tun, Daten und Fakten zu sammeln, um uns einen Überblick zu verschaffen. Wir werden eine Bestandsaufnahme machen und dann Entscheidungen treffen.

Haben Sie nicht Angst, dass noch einiges auf Sie zukommt?

Es ist kein Geheimnis, dass finanzielle Probleme im Raum stehen, dass es Gläubiger gibt. Die Zahlen, die kolportiert werden, kann ich glauben, oder kann es lassen. Wir gehen vom Worst-Case-Szenario aus. Deswegen glaube ich, dass es keine großen Überraschungen geben wird.

Von welchem schlechtesten Fall gehen Sie aus?

Jede Zahl, die ich jetzt nenne, wäre Kaffeesatzleserei. Das wäre unseriös.

In der Woche nach der Wahl ist dann eine Bestandsaufnahme angesagt?

Wir werden das durch einen Wirtschaftsprüfer oder einen Experten, der sich in Wirtschaftsfragen auskennt, tun. Wir wollen in drei, vier Tagen wissen, wie es aussieht, in Verein und GmbH.

Haben Sie schon einen Plan, wie das Schuldenszenario in den Griff zu bekommen ist?

Einen Plan kann ich nur haben, wenn ich genau weiß, wie hoch die Summen sind, wann sie fällig sind. Wenn ich jetzt einen Plan hätte und sage, wir machen jetzt eins, zwei, drei, vier, wäre das genauso unseriös als wenn ich sagen würde, dass Kickers Offenbach in drei Jahren in der 3. Liga spielt.

Die Personalie Dr. Frank Ruhl, zweitgrößter Gläubiger des e.V., bleibt ein großes Thema. Hatten Sie schon Kontakt?

Nein. Was soll ich mit ihm sprechen? Das kann ich erst seriös machen, wenn ich ein Mandat habe.

Es ist bekannt, dass es in der Vergangenheit Streitigkeiten zwischen Dr. Ruhl und Ihrem Vizepräsidentschaftskandidaten Remo Kutz gab. Befürchten Sie, dass es da offene Rechnungen gibt und Ruhl den Verein unter Druck setzen könnte?

Die atmosphärischen Störungen zwischen Ruhl und Kutz sind mir wohl bekannt. Wenn persönliche Animositäten auf dem Rücken des Vereins ausgetragen werden, werde ich versuchen, das zu verhindern.

Den OFC-Tag im Ticker verfolgen

Welchen Auftrag werden die Mitglieder an Sie erteilen: Dass Sie die Schulden in den Griff bekommen oder möglichst schnell sportlichen Erfolg haben?

Finanzielle Konsolidierung muss ganz oben auf der Agenda stehen. Aber natürlich muss man auch zusehen, den Verein sportlich zu entwickeln.

Sie waren die letzten Monate mit möglichen FIFA-Präsidenten unterwegs, kennen alle Größen des Fußballs persönlich. Nun steigen Sie bei einem Viertligisten ein. Das sind extreme Diskrepanzen.

Der Unterschied zwischen großen Organisationen und kleinen Vereinen ist nicht so groß. Der sportliche Erfolg ist in allen Ligen gleich wichtig. Wenn ich Präsident von Bayern München werden wollte, würde ich das genauso angehen wie bei den Kickers.

In Europa kaufen Investoren immer mehr Anteile an Klubs und sogar ganze Klubs. Könnte das auch eine Möglichkeit für den OFC sein?

Claus-Arwed Lauprecht (links) und sein designierter Nachfolger als Präsident der Offenbacher Kickers: Helmut Spahn stellt sich am Montag als einziger Bewerber zur Wahl.

Wir haben eine Analyse des Vereins vorgenommen. Was ist Kickers Offenbach? Da kann man feststellen, dass es eine gute Basis gibt. Aber wenn man Erfolg haben will, braucht man etwas Besonderes. Nehmen Sie den FC St. Pauli. Wenn man an diesen Klub denkt, hat man ein Bild im Kopf. Oder den SC Freiburg, mit jungen Spielern und einem Trainer mit besonderer Philosophie. Das muss bei Kickers Offenbach passieren. Man braucht ein Alleinstellungsmerkmal, mit dem sich Unterstützer identifizieren. Der will etwas haben für sein Geld. Der will sich positives Image einkaufen.

Gibt es ein Alleinstellungsmerkmal beim OFC?

Tradition. Das sieht man am Zuschauerzuspruch. Das wollen wir kultivieren. Gepaart mit einer Infrastruktur drumherum. Mit einem Nachwuchsleistungszentrum, das Rechnung trägt, dass wir in Offenbach leben, mit 36 Prozent Ausländeranteil. Eltern müssen, wenn sie überlegen, wo ihr Junge spielen soll, auf den OFC kommen. Das ist planbar und konzeptionell umsetzbar. Schritt für Schritt mit den richtigen Leuten.

Dietmar Hopp hat sich in der Vergangenheit immer mal als OFC-Fan geoutet. Ist es Träumerei, dass man ihn mal anspricht?

Ich kenne ihn, habe aber in Sachen Kickers Offenbach noch keinen Kontakt gehabt. Wir müssen nach allen Seiten offen sein. Uns haben Leute angerufen und um Gespräche gebten, Hilfe angeboten. Ich habe gesagt, dass wir am 24. November damit starten können. Die Leute wollen, dass der OFC rauskommt aus den negativen Schlagzeilen.

Welche Möglichkeiten sehen Sie für Unterstützer?

Regional ist viel Potenzial da, langfristig muss man über die Grenzen hinaus denken. Aber: Wenn ich jetzt Sponsor wäre, würde ich denken: Was bringt es mir? Nicht nur monetär, sondern auch an Image. Das ist im Moment nicht optimal.

Der Umgang mit Mitgliedern bzw. Sponsoren war in der Vergangenheit oft kein offener. Es wurde wenig kommuniziert, kaum Kontakt gesucht.

Das unterschreibe ich, das ist ein Ergebnis unserer Analysen. Man kann für etwas bezahlen, aber es gehört mehr dazu, Service zum Beispiel. Du musst das Gefühl haben, dass du dazu gehörst. Dann kommen auch betriebswirtschaftliche Aspekte hinzu. Wenn ich ein Ticket für 160 Euro im VIP-Bereich verkaufe, benötige ich dafür 16 Kartenkäufer auf der Waldemar-Klein-Tribüne. Wir müssen für beide Bereiche attraktiv sein. In vielen kleinen Bereichen kann ich viel im Ganzen erreichen. Es muss Schritt für Schritt gehen und seriös geplant sein.

Die bizarren Rituale der Fußballstars

Wie beurteilen Sie die restlichen drei Spiele dieses Jahres gegen Saarbrücken, Kassel und in Homburg?

Sie sind von entscheidender Bedeutung. Dann gehst du in eine relativ lange Winterpause. Das ist die Zeit, in der du überlegen musst: Habe ich noch eine Chance oder plane ich für ein weiteres Jahr Regionalliga?

Haben Sie Befürchtungen, dass eine sportlich bedeutungslose Rückrunde den Verein weit zurückwirft?

Das wäre, was Zuschauerzahlen betrifft, problematisch. Deswegen hoffe ich, dass eine Perspektive besteht. Aber man muss seriös planen.

Das heißt, man muss dann auch personell die Weichen stellen: Trainer, Geschäftsführer.

Man muss mit allen reden und klären: Was ist der beste Weg? Es gilt, in dieser Zeit die Weichen zu stellen.

Der Vertrag von Trainer Rico Schmitt läuft am Saisonende aus.

Das ist richtig, er verlängert sich bei Aufstieg um ein Jahr. Natürlich müssen wir mit dem Trainer sprechen.

Ihre Vorvorvorgänger haben einen Passus entworfen, wonach der Vertrag des Geschäftsführers innerhalb von 100 Tagen nach einer Präsidiumsneuwahl aufgelöst werden kann. Gibt es den noch? Und steht David Fischer auf dem Prüfstand?

Ich weiß es nicht, ich kenne ja die Zahlen nicht. Fakt ist: In der Satzung ist dieser Passus noch verankert.

Zuletzt wurde über eine Abmeldung der U21-Mannschaft diskutiert - auch aus finanziellen Gründen. Wie stehen Sie zu diesem Thema?

Von der Mitgliederversammlung am Montag berichten wir im Liveticker!

Ich gehe davon aus, dass es diese Mannschaft braucht. Die Nachwuchsarbeit ist ein wichtiger Schlüssel. Natürlich gehört es auch dazu, Kooperationen mit anderen Vereinen einzugehen. Das muss nicht unbedingt in der Region sein, das kann außerhalb Hessens sein. Das kann außerhalb Deutschlands sein. Das ist etwas, was ich einbringen kann. Ich bin kürzlich auf einer Tagung in New York auf Kickers Offenbach angesprochen worden. Von einem englischen Erstligisten. Der Name Kickers Offenbach hat also noch Zugkraft.

Welche Rolle spielt im Präsidium der für den Sportbereich verantwortliche Sead Mehic?

Er wird sich vorrangig um Jugendarbeit und Nachwuchsleistungszentrum kümmern. Er soll uns mit Rat und Tat zur Seite stehen, was die sportlichen Belange anbetrifft. Und er soll mit dem Trainer in Kontakt stehen.

Sehen Sie Reibungspunkte mit Rico Schmitt? Er hatte Mehic als Kapitän abgesetzt.

Das war nie ein Thema. Sead Mehic denkt nur daran: Was kann man optimieren? An welcher Schraube kann man drehen, um das Ganze besser zu machen?

Wie beurteilen Sie die Situation, dass im Profbereich mit Trainer und Sportlicher Leiter alles auf eine Person fokussiert ist?

Ich vertrete die Meinung, dass ein Verein eine klare Philosophie braucht, der alle folgen müssen - Präsidium, Geschäftsführer, Trainer, Sportlicher Leiter, Spieler. Es kann nicht sein, dass ein Trainer die Philosophie eines Vereins bestimmt. Ziel muss es sein, dass alle austauschbar sind. Auch der Präsident. Ich bin dafür, Verantwortung auf mehrere Schultern zu verteilen. Ich habe beruflich und privat auch eine Vorstellung, aber wenn ich immer alleine entscheiden würde, hätte ich oft eine falsche Entscheidung getroffen. Es hat also nichts mit Macht oder Beschneidung von Kompetenz zu tun. Wichtig ist Teamwork.

Vom Stadion zur Arena: So hießen Fußballtempel früher

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare