Notizbuch der Woche

OFC-Kommentar: Das Bocken der Alpha-Tiere

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Jörg Moll

Offenbach - Dass der 23. November 2015 ein bedeutendes Datum in der Geschichte der Offenbacher Kickers sein wird, steht schon jetzt außer Frage. Schließlich tritt ein Präsidium ab, ein neues stellt sich zur Wahl. Von Jörg Moll

Gespannt werden die Mitglieder verfolgen, wie sich die Mannschaft um Claus-Arwed Lauprecht verabschiedet. Welches Fazit werden die scheidenden Funktionäre ziehen? Und vor allem: Welche Töne schlagen sie an? Werden es versöhnliche sein, trotz aller Turbulenzen während der extrem schwierigen Zeit der Insolvenz der Profi GmbH? Oder werden sie wie zuletzt im Sommer dieses Jahres einen zynischen und verbitterten Abgesang („Der Verein ist fremdgesteuert“) anstimmen? Nach der erneut gescheiterten Einigung in der Schuldenfrage mit dem zweitgrößten Gläubiger Dr. Frank Ruhl ist ein Bocken der Alpha-Tiere am Bieberer Berg zumindest zu befürchten. Dabei wäre beim OFC nichts zwingender geboten als ein Wandel der Umgangsformen. Selbst Insider skizzieren die Gepflogenheiten im „Inner Circle“ des Viertligisten als „Schlachtfeld der Egos“. Die multiplen Interessen des engsten Umfelds zu katalysieren, zu kanalisieren und Lösungsansätze zu kommunizieren, wird die größte Aufgabe des neuen Präsidiums sein.

Wie dick die zu durchbohrenden Bretter sind, veranschaulicht die Causa Frank Ruhl. Der Ex-Präsident, mit 1,7 Millionen Euro zweitgrößter Gläubiger des e.V., lässt die Muskeln spielen und droht mit Klage gegen den Verein. Einerseits gutes Recht. Nicht zuletzt, weil Verjährungsfristen im Raum stehen. Dass es Ruhl nicht nur ums Begleichen von Forderungen geht, verhehlt er gar nicht. Er fordert einen Sitz im Aufsichtsrat. Dass eine Beteiligung an der GmbH im Raum steht, lässt erahnen, dass der OFC auch als Objekt für Finanzspekulation taugt. Dass das Finanzamt grünes Licht für die Rückübertragung der Schulden auf die GmbH gegeben haben soll, lässt manchen zum Taschenrechner greifen. 4,1 Millionen Euro Verbindlichkeiten sollen auf diesem Weg an die GmbH zurückkehren. Zahlt der Verein ab 2017 binnen fünf Jahren 60 Prozent der Summe zurück, gelten alle Forderungen als beglichen.

Bilder zur OFC-Mitgliederversammlung

Das heißt: Es könnte sich lohnen, 2,5 Millionen Euro und noch etwas mehr für die Verstärkung der Mannschaft zu investieren. Als Gegenleistung winkt eine GmbH-Beteiligung. Ganz kühne Visionäre sprechen sogar vom Stadionkauf. Erstaunlich konkrete Zahlen sind hierüber im Umlauf. Von acht Millionen Euro ist die Rede. Nach einem Rückkauf könnte ein Anteilseigner - schon ab der 3. Liga mit garantierten TV-Einnahmen und gewohnt guten Besucherzahlen - Geld verdienen. Doch vor der Vision steht die Realität. Der Verlauf, vor allem aber der Ton auf der Mitgliederversammlung, wird wichtiger für die Zukunft der Kickers sein als ein Sieg gegen den 1. FC Saarbrücken am Tag zuvor. Um im Bild zu bleiben: Aus dem besagten Schlachtfeld der Egos muss schnell wieder fruchtbarer Boden werden. Sonst versinken alle Hoffnungen auf eine bessere Zukunft in vergiftetem Schlamm.

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