„Dieses System bringt uns um“

Kickers Offenbach: Präsident Wagner kritisiert Zuschauer-Beschränkung - OB kontert

Fußball vor Geisterkulisse: Bei der Partie zwischen Kickers Offenbach und Bayern Alzenau blieben drei der vier Tribünen geschlossen und es durften nur 100 Zuschauer ins Stadion. Der OFC gewann 3:0. Dennoch klagte Präsident Joachim Wagner: „Man nimmt uns den Heimvorteil.“ Auch in wirtschaftlicher Hinsicht sieht er seinen Verein benachteiligt. Dieser werde durch das „Gießkannenprinzip“ härter getroffen als andere Klubs.
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Fußball vor Geisterkulisse: Bei der Partie zwischen Kickers Offenbach und Bayern Alzenau blieben drei der vier Tribünen geschlossen und es durften nur 100 Zuschauer ins Stadion. Der OFC gewann 3:0. Dennoch klagte Präsident Joachim Wagner: „Man nimmt uns den Heimvorteil.“ Auch in wirtschaftlicher Hinsicht sieht er seinen Verein benachteiligt. Dieser werde durch das „Gießkannenprinzip“ härter getroffen als andere Klubs.

Joachim Wagner, Präsident der Kickers Offenbach, fordert eine deutliche Anhebung der Besucherzahl trotz Corona. Und ein grundsätzliches Umdenken. 

Offenbach – Joachim Wagner ist eigentlich ein recht besonnener Typ. Beim Thema Zuschauer-Beschränkung fällt es dem Präsidenten des Fußball-Regionalligisten Kickers Offenbach aber zunehmend schwer, gelassen zu bleiben. „Mir fehlt da jedes Verständnis“, sagt Wagner.

Grund für die Verärgerung des Kickers-Bosses sind die Vorkommnisse vom vergangenen Wochenende, als der OFC Corona-bedingt im Offenbacher Stadion (Fassungsvermögen 20500) vor nur 100 Zuschauern gegen Alzenau spielen durfte, während in der Nachbarstadt der Ligarivale FSV Frankfurt vor rund 1000 Besuchern (842 zahlende Zuschauer plus Arbeitskarten) gegen den KSV Hessen Kassel antrat und in der Ballsporthalle vor 369 Zuschauern (1100 wären zugelassen gewesen) der Supercup-Sieger im Volleyball ermittelt wurde. „Mich haben viele Leute darauf angesprochen, ich weiß aber nicht, was ich ihnen antworten soll. Ich verstehe es selbst nicht“, sagt Wagner angesichts der Tatsache, dass die Sieben-Tage-Inzidenz in beiden Städten fast identisch war. „Frankfurt hat die selben Probleme wie wir“, betont Wagner.

OFC-Präsident: „Das System bringt uns auf Dauer um.“

Jedoch durfte der FSV im Gegensatz zum OFC beispielsweise seinen VIP-Raum öffnen. „Man muss das auch mal im Verhältnis sehen“, meint der Kickers-Boss. Dem FSV gehe bei 1000 Zuschauern mit Blick auf dessen durchschnittliche Besucherzahl „nicht viel verloren“, während der OFC unter normalen Umständen gegen Alzenau oder zum nächsten Heimspiel (20. Oktober gegen Gießen) laut Wagner „7000 bis 10000 Zuschauer“ erwartet hätte. „Wir sind der Verein der Regionalliga Südwest, der am meisten unter diesem System leidet. Es bringt uns auf Dauer um.“

Der OFC-Präsident spricht von einem „Gießkannenprinzip“ und stellt dazu klar: „Es kann nicht sein, dass wir bei der zugelassenen Zuschauerzahl mit regionalen Amateurvereinen gleichgesetzt werden. Ich will diese Klubs nicht abwerten, aber wir sind nun mal kein reiner Amateurverein und spielen auch nicht auf einem Sportplatz.“ Vielmehr habe man für die Heimspiele im Sparda-Bank-Hessen-Stadion ein Hygienekonzept erstellt, das nachweislich funktioniere. „Wir hatten ja schon einige Spiele und haben sie alle mit Bravour gemeistert“, so Wagner. Davon konnten sich auch die vielen städtischen Mitarbeiter überzeugen, „die mit dem Fernglas auf der Tribüne saßen“.

Kickers-Präsident hinterfragt Vereinbarung mit der Stadt Offenbach

Der OFC-Boss betont, dass man ja keine 20-Prozent-Auslastung fordere: „Aber zwischen 100 und 4000 Zuschauern gibt es eine große Bandbreite.“ Unabhängig von der Inzidenz müsse es laut Wagner stets möglich sein, mehr als 1000 Zuschauer ins Stadion zu lassen. „Man muss die Pandemie ernst nehmen, jedoch zwischen Veranstaltungen unterscheiden, von denen eine Gefahr ausgeht und von denen keine Gefahr ausgeht. Mir ist in Deutschland kein Fall bekannt, in dem ein Zuschauer sich im Stadion infiziert hat.“ Der Kickers-Präsident fordert daher ein Umdenken auf Seiten der Stadt: „Man darf nicht nur die Inzidenz als Kriterium heranziehen, sondern muss zum Beispiel auch schauen, welche Gefährdung von einzelnen Veranstaltungen ausgeht.“

Dass die Beschränkung der Zuschauerzahl auf einer Vereinbarung mit der Stadt beruht, will Wagner nicht als Argument gelten lassen. „Uns wurde ziemlich klar gesagt, was wir genehmigt bekommen und was nicht“, betont Wagner, der bislang immer auf einen Dialog mit der Stadt gesetzt hatte: „Das hat nur bedingt funktioniert.“ Er sehe hinter der jüngsten Verfügung „keine Logik“ mehr.

Gesundheitsamt Offenbach hat Probleme bei Corona-Kontaktverfolgung

Allerdings: Sogar das Ländespiel heute in Köln muss ohne Zuschauer stattfinden. Einige Bundesligisten spielen ebenfalls unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Für den Kickers-Boss ist das ein hinkender Vergleich. „Die Zuschauerzahl hat in diesen Fällen eine viel geringere Relevanz. Bei uns macht sie hingegen mehr als 50 Prozent der Einnahmen aus. Wir sind wirtschaftlich ein Härtefall“, so Wagner. Daran würden auch die rund 3000 Dauerkarten nichts ändern: „Es gab bereits Regressforderungen und Mieter von VIP-Logen haben gekündigt.“

Oberbürgermeister Dr. Felix Schwenke betonte unterdessen, der OFC werde von der Stadt Offenbach genauso behandelt, „wie es die Einigung der Chefs der Staatskanzleien vorsieht und wie es die Hessische Landesregierung empfiehlt“. Das Vorgehen der Stadt Frankfurt vom letzten Wochenende widerspreche hingegen der Empfehlung. Im Herbst und Winter sei das Infektionsrisiko zudem „in noch unklarem Umfang höher“. Bei niedriger Inzidenz könne man zwar Großveranstaltungen durchführen, wenn das Gesundheitsamt aber wie in Offenbach mit der Kontaktnachverfolgung kaum nachkomme, müsse man vermeidbare Risiken reduzieren. Und es sei nun mal bundesweiter Konsens, dass Großveranstaltungen ein vermeidbares Risiko darstellen. (Von Christian Düncher)

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