Teil eins der OFC-Serie

Reck-Nachfolger Daniel Steuernagel setzt auf neue Methoden und Start in Sand

+
Bedrückte Stimmung auf der Bank der Offenbacher Kickers (von links): Bernd Winter (Teammanager), Sead Mehic (Sportdirektor), Max Lesser (Co-Trainer) und Daniel Steuernagel (Cheftrainer).

Die sechste Spielzeit in der Fußball-Regionalliga war eine wechselvolle in vielerlei Hinsicht für die Offenbacher Kickers. In einer vierteiligen Serie blicken wir zurück.

Offenbach – TEIL I: Paradigmenwechsel

Nach der Enttäuschung über den in einer schwachen Rückrunde verspielten möglichen Aufstieg in der Saison 2017/18 stellte sich der OFC auf der Trainerposition neu auf. Das Profil, das der Neue erfüllen sollte, war schnell umrissen. Er sollte quasi der „Anti-Reck“ sein. Für Oliver Reck, den knorrigen, kantigen Ex-Profi, dessen Verhältnis zu den Vereinsverantwortlichen um Präsident Helmut Spahn und Sportdirektor Sead Mehic auf Minusgrade abgekühlt war, präsentierte der OFC Daniel Steuernagel. Einen damals 38-jährigen Trainernovizen, dessen größter Erfolg 2016 der Aufstieg mit Teutonia Watzenborn-Steinberg in die Regionalliga Südwest war. „Wir hatten vom ersten Gespräch an eine große Schnittmenge“, sagte der studierte Grundschullehrer, der Mehic seit gemeinsamen Zeiten beim SSV Lindheim kennt.

Seine Auffassung vom Fußball glich einem Paradigmenwechsel. „Wir wollen nicht nur Spieler entwickeln, sondern den Verein weiterentwickeln. Dazu gehört zum Beispiel das Scouting“, erklärte Mehic. In Max Lesser erhielt Steuernagel einen 23 Jahre alte Assistenten, der zuvor den Nord-Verbandsligisten SG Johannesberg trainiert hatte. Der in der Ära Hans-Jürgen Boysen schon mal am Bieberer Berg wirkende Bastian Kliem kam als Athletik-Trainer auf Honorarbasis hinzu.

Trainer führte Ernährungspläne beim OFC ein

Steuernagel („Ich habe einen ganzheitlichen Blick auf den Fußball“) führte Ernährungspläne und gemeinsame Mahlzeiten ein. Pulsuhren zur Belastungssteuerung gehörten fortan zum Trainingsstandard. Auch ein Lauf auf den Feldberg zählte zu den ungewöhnlichen Maßnahmen in der Vorbereitung. Der Mann, der im März 2018 seine Fußballlehrer-Ausbildung abgeschlossen hatte, führte einen Trainingsalltag ein, der durchaus skeptisch beäugt wurde. Vor allem von Spielern, die unter Reck und dessen Co-Trainer Joti Stamatopoulos (ging als Assistent zum FC Homburg) geregelte und häufig wiederkehrende Trainingsabläufe kannten.

In Abstimmung mit Mehic hatte Steuernagel den Großteil der Mannschaft übernommen, die mit Vorgänger Reck ein enges Vertrauensverhältnis gepflegt hatte. Maik Vetter hatte sogar beim Abschied ehrfurchtsvoll von „Papa Reck“ gesprochen.

Externe Zugänge waren zunächst nur Lucas Albrecht (Hessen Kassel/Innenverteidigung), Julian Scheffler (1. FC Nürnberg II/Linksverteidiger), Kevin Ikpide (1899 Hoffenheim II/Mittelfeld). Dazu kamen in Luka Garic, Marco Ferukoski und Gerrit Gohlke drei A-Jugendliche. Den OFC verlassen hatten Winterflop Grgo Zivkovic (Stuttgarter Kickers), Linksverteidiger Alexandros Theodosiadis (SC Hessen Dreieich), Luca Dähn (Viktoria Aschaffenburg), Nicola Jürgens (Carl Zeiss Jena II) und als einzige unumstrittene Stammkraft Stefano Maier (Viktoria Köln).

OFC verpflichtet Stürmer von Kreisoberligisten

Schnell wurde klar, was Steuernagel mit neuem Scouting meinte. Erstes Beispiel für seine neue Denke war die Verpflichtung von Jake Hirst. Der Stürmer vom Kreisoberligisten Türk. SV Bad Nauheim hatte sich mit couragierten Auftritten in Testspielen für einen Vertrag empfohlen. Der Brite, zuvor hauptberuflich Tennislehrer, hatte im ersten Testspiel gegen Hanau 93 gleich dreimal getroffen.

Doch der frische Wind, für den Steuernagel sorgen sollte, wurde schnell zur steifen Brise, die ihm selbst ins Gesicht wehte. Was auch mit einer Aussage Helmut Spahns zusammenhing. Der OFC-Präsident hatte Platz eins, der erstmals den sicheren Aufstieg bedeutete, als klares Ziel auserkoren. 34 Spieltage später ließ Steuernagel erstmals durchblicken, was er von dieser forschen Ansage hielt. „Das war utopisch, wir haben versucht, das Unmögliche möglich zu machen.“

Gleich zu Beginn setzte es herbe Dämpfer. Auf zwei 1:1 gegen Elversberg und in Walldorf folgten Niederlagen gegen Mainz 05 II (0:1) und beim SSV Ulm 1846 (1:2). So schlecht war der OFC noch nie in eine Regionalliga-Saison gestartet. In Ulm stellte Steuernagel zur Pause beim Stand von 0:2 erstmals um - und setzte mit den Regionalliga-Debütanten Garic und Hirst klare Signale an die bisher unumstrittenen Stammspieler Serkan Göcer und Dren Hodja. Im Nachhinein war es der Anfang vom Ende für jene Spieler, die unter Reck Leistungsträger waren. Göcer fand keine Berücksichtigung mehr, spielte überhaupt nur noch dreimal und wechselt nun zum FC Homburg. Dass Hirst in Ulm sein erster Treffer gelang, brachte dem OFC zwar keine Punkte, aber neuen Mut. Mit dem trotz seiner Jugend erstaunlich abgezockten Garic im Mittelfeld und dem euphorisierten Kreisoberliga-Angreifer Hirst in der Startelf gelang gegen die TSG Hoffenheim II (5:2) ein phasenweise berauschender Sieg. Und Steuernagel schien die ersten Eckpfeiler für seine Art Fußball zu spielen, gefunden zu haben. Doch der Rausch sollte nicht lange anhalten.

Lesen Sie morgen in Teil II: Stimmungswechsel: Die Höhen und Tiefen

VON JÖRG MOLL

Lesen Sie auch:

Duo kommt als Pokalsieger zu den Kickers

Sie haben sich mit ihren Teams für den DFB-Pokal qualifiziert, werden jedoch nicht daran teilnehmen: Marco Schikora (1:0 mit Viktoria Berlin gegen TeBe Berlin) und Luigi Campagna (2:0 mit dem SSV Ulm gegen den TSV Essingen) wechseln als Landespokalsieger zu Kickers Offenbach.

Nach Absage von Sebald sucht OFC U23-Torhüter

Zweifelsohne ist es ein Rückschlag für die Offenbacher Kickers, aber keiner, der sie völlig unvorbereitet trifft, wie Sead Mehic, Sportdirektor des Fußball-Regionalligisten, betont.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare