OFC-Trainer Daniel Steuernagel im Interview

Shakes, Sprints und Streicheleinheiten

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Interview-Termin bei der Offenbach-Post: Der neue OFC-Trainer Daniel Steuernagel (rechts) im Gespräch mit unseren Sportredakteuren Jochen Koch (Mitte) und Christian Düncher.

Offenbach -  Daniel Steuernagel ist pünktlich. Zum Termin im Verlagsgebäude erscheint der neue Trainer der Offenbacher Kickers acht Minuten vor der vereinbarten Zeit. Der 38-Jährige legt zudem Wert auf gesunde Ernährung und respektvollen Umgang.

In sportlicher Hinsicht orientiert er sich an Teams wie RB Leipzig, wie er unseren Sportredakteuren Jochen Koch und Christian Düncher im Interview verriet. Bedeutet: Aggressiv gegen den Ball und schnell nach vorne. Im Optimalfall soll das den OFC in die 3. Liga führen. Die Vorbereitung beginnt am morgigen Sonntag (11 Uhr) mit einem öffentlichen Training im Sparda-Bank-Hessen-Stadion.

Herr Steuernagel, Sie waren Grundschullehrer und sind nun Fußballlehrer. Was hat sich dadurch geändert? Und gibt es eventuell Parallelen?

Geändert hat sich das Alter der zu Betreuenden. Die Größe der Gruppe ist ungefähr gleich – und man muss jeden mitnehmen. Nur wenn man Spaß und Freude hat, kommt etwas Gutes heraus. Man muss klare Ziele haben und den Spielern erklären, warum man was macht. Und um eine Gruppe zu führen, benötigt man gewisse Eigenschaften, damit die Spieler sehen, dass der, der was erzählt, davon Ahnung hat, das vorlebt und mit Akribie dabei ist.

Inwiefern hilft es Ihnen im Trainerjob, dass Sie schon als Pädagoge gearbeitet haben?

Einige brauchen etwas mehr Druck, andere mehr Streicheleinheiten. Daher hilft es mir. Und wenn man Leute mitnehmen will, bedarf es unterschiedlicher Arten von Mitnahme. Das ist heutzutage viel, viel wichtiger als es das vor 15 oder 20 Jahren war.

Sie sind mit 38 Jahren einer der jüngsten deutschen Profi-Trainer. Wie müssen die Spieler Sie anreden?

Ich habe es ihnen freigestellt. Die Anrede ist Trainer oder Coach, dazu können sie sich etwas aussuchen. Die meisten haben mich gesiezt, aber ich hätte auch mit Du kein Problem. Am wichtigsten ist ohnehin respektvoller Umgang. Respekt holt man sich aber nicht über das Sie oder Du, man muss die Spieler einfach überzeugen.

Co-Trainer Max Lesser ist sogar erst 23 und damit jünger als manche Spieler. Das ist ungewöhnlich. Warum haben Sie sich für ihn entschieden?

Daniel Steuernagel (links) gibt beim OFC nun die Richtung vor. Talent Luka Garic (rechts) und Jan Hendrik Marx hören zu.

Ich sehe viel von mir in ihm, aber er ist wesentlich weiter als ich es mit 23 Jahren war, auch weil ich mich damals eher noch als Spieler sah. Bei Max war schnell klar, dass er Trainer werden wollte. Ausschlaggebend war seine Fachkenntnis. Wenn er mit der und durch Menschenführung überzeugt, werden ihn die Spieler auch akzeptieren.

Wie kam die ungewöhnliche Maßnahme an, dass nach dem letzten Saisonspiel noch einige Tage unter Ihrer Leitung trainiert wurde?

Das war für uns sehr wichtig, auch um die Erkenntnisse, die ich hatte, abzugleichen und zu sehen, wie sich ein Spieler verhält – vor allem in einer Phase, in der er sich vielleicht schon im Urlaub wähnt und ein neuer Trainer da ist. Das war durchweg positiv. Und die Spieler wissen genau, wer da nun als Trainer kommt. Bis auf zwei Spieler, die am letzten Tag schon weg waren, habe ich auch mit allen einzeln gesprochen.

Es wurde auch ein Laktattest absolviert. In welchem Zustand waren die Spieler?

Der Ist-Stand war gut. Daher haben wir einen Plan entwickelt, wo viel im Grundlagenbereich gemacht wird, um dann sofort inhaltlich arbeiten zu können. Das Laufen im Wald haben wir in die Übergangsphase ausgelagert.

Nur drei Spieler sind neu im Kader. Sie sollen aber besser abschneiden als vergangene Saison. Präsident Helmut Spahn hält das für realistisch. Setzt Sie das nicht gleich unter Druck?

Den größten Druck mache ich mir selbst. Ich will jedes Spiel gewinnen. Und wenn man bei einem Traditionsklub wie Kickers Offenbach unterschreibt, weiß man, worauf man sich einlässt. Wir sind vom Kader überzeugt und haben daher nicht viel verändert. Und wir glauben, dass er so aufgestellt ist, dass wir unsere Ziele erreichen können.

Wie wollen Sie mit diesem Kader spielen lassen?

Wenn wir die Kugel verlieren, wollen wir nicht großartig nach hinten fallen, sondern sofort auf Balleroberung aus sein. Da muss man mal 15 Meter schneller sprinten, hat aber dann die große Chance, dass der Gegner etwas ungeordnet und man selbst etwas näher am Tor ist. Und unsere Analyse hat ergeben, dass die Jungs dafür geeignet sind.

Inwiefern?

Wir haben unheimlich viele Spieler, die sehr kreativ sind. Und in Varol Akgöz und Florian Treske haben wir Spieler, die Vollstrecker sein können. Wir haben personell wenig verändert, wollen die Spielweise aber punktuell ändern. Offenbach hat sehr gut mit dem Ball agiert. Viele Punkte wurden gegen untere Mannschaften geholt – und gegen die muss man erst mal Lösungen finden. Die Mannschaft hat sehr gute Fußballer und ist sehr variabel. Man könnte taktisch flexibel reagieren, wenn man möchte.

Sind Sie ein Freund dieser Variabilität?

Wichtig ist, dass jeder weiß, was er auf welcher Position zu tun und eventuell zu lassen hat. Aufgabe des Trainerteams wird sein, herauszufinden, wer wo am effektivsten ist. Je weiter es nach vorne geht, desto eher wird man wechseln, da die Abläufe dort einfacher sind.

Ihr Vorgänger Oliver Reck hatte im Team einen hohen Stellenwert, wurde teilweise „Papa“ genannt. Inwiefern erschwert das Ihre Aufgabe?

Ich denke, dass die Spieler damit professionell umgehen. Es ist wichtig, dass das Verhältnis Spieler/Trainer passt. Wichtig ist aber auch, den Gesamtverein zu sehen. Man wird nur maximalen Erfolg haben, wenn es zwischen Präsidium, Mannschaft, Sportdirektor sowie Trainer passt. Alles andere führt zu Nebenkriegsschauplätzen, die eventuell Punkte kosten können.

Gab es inzwischen ein Gespräch mit Oliver Reck?

Leider noch nicht, das werde ich aber noch machen, eventuell erst, wenn ich die Spieler besser kenne. Wir sind alle Kollegen. Dass man sich austauscht, ist nur sinnvoll.

In Julian Scheffler kam ein neuer Linksverteidiger, in Lucas Albrecht ein neuer Abwehrchef und in Kevin Ikpide ein Sechser. Was kann man von diesem Trio erwarten?

Jeder Zugang freut sich auf diesen tollen Klub, auf diese tollen Fans, auf die tolle Stimmung im Stadion. Wir Trainer erwarten, dass jeder alles reinhaut. Das wollen die Leute auch sehen. Ich denke, dass das Spieler sind, die genau das verkörpern.

Wie schätzen Sie die drei Talente Marco Ferukoski, Gerrit Gohlke und Luka Garic ein?

Die sind mir sehr positiv aufgefallen in den zwei Tagen Training. Als junger Spieler ist es immer schwierig, wenn man in den Seniorenbereich kommt, selbst wenn man Junioren-Bundesliga gespielt hat. Männerfußball ist mehr Abnutzungskampf. Oft geht es darum, sich im Kampf um den Ball durchzusetzen.

Der OFC hat sieben Spieler, die unter die U23-Regel fallen. Sind das auch alles Alternativen?

Ja. Ich fände es nicht gut, jemand nur zu nehmen, weil er die Regel erfüllt. Und: Junge Leute wollen die Welt erobern. Sie sind belastbarer. Das ist ja auch ein Grund dafür, warum bei RB Leipzig alle Spieler unter 23 sein sollen. Dort hat man die Idee, viel zu sprinten. Und wenn man jünger ist, hat man eine kurzere Regenerationszeit. Das sind alles Faktoren. Auch wenn man mit Spielern in eine gewisse Richtung gehen will, zum Beispiel beim Thema Ernährung. Wer hat Lust, sich Vorschreiben zu lassen, dass Hamburger, Pommes und Cola für einen Profifußballer nicht ideal sind? Da muss man die Leute mitnehmen, gemeinsame Schnittmengen finden, aber auch eine Richtung vorgeben.

Wie macht man das?

Essen muss ein Genuss sein. Ihab Darwiche ist Araber, in dieser Kultur wird beim Essen traditionell viel Brot gereicht. Ihm muss ich eventuell erklären, wann diese Kohlenhydrate gut sind. Ko Sawada kann ich nicht sagen, dass er künftig auf Reis verzichten soll. Bei mehreren Nationen muss man immer sehen, was eine Esskultur und was leistungsfördernd ist. Natürlich kann man auch mal etwas essen, was nicht so gesund ist, sollte es aber nicht übertreiben. Der Körper ist das Gut der Spieler. Sofern sie ehrgeizige Ziele haben, müssen sie auch alles dafür tun.

Was tut der Verein diesbezüglich?

Der Bieberer Berg ist ja sehr schön. Daher kann man dort viel Zeit verbringen. Es ist angedacht, eine Mahlzeit gemeinsam einzunehmen. Da sind wir aber noch in Gesprächen, wie man es organisieren kann. Es geht um Regenerationsprozesse, um Nahrungsergänzungsmittel, Shakes, die man nach dem Training zuführen kann. Wenn man erfolgreich sein will, sollte man alles prüfen und versuchen.

Haben Sie beim Thema Ernährung das Wissen? Oder ziehen Sie Fachleute hinzu?

Wir haben gute Partner, die uns helfen.

Sportdirektor Sead Mehic hofft, dass Sie den Verein in vielen Bereichen voranbringen. Welche sollen das noch sein?

Videoanalyse, Scouting – wir wollen einfach gut aufgestellt sein. Dafür braucht man aber viele Mitstreiter. Man darf nicht den Fehler machen, alles alleine machen zu wollen.

Ersatztorwart Sebastian Brune hatte vergangene Saison eine bessere Bilanz als Daniel Endres. Ist der Platz im Tor offen?

Jeder Spieler muss sich neu beweisen. Es geht in jedem Training und jedem Spiel darum, den Trainer zu überzeugen, aber auch respektvoll damit umzugehen, wenn eine Entscheidung fällt. Ich erwarte von jedem, dass er das professionell nimmt. Heutzutage werfen Spieler oft zu schnell die Flinte ins Korn. Man muss sich auf Dauer beweisen. Das sind für mich Führungsspieler, die durch Leistung überzeugen, sich entsprechend verhalten, auch mal einen anderen Spieler maßregeln.

Endres war zuletzt Kapitän. Wird das so bleiben?

Ich will die Spieler erst mal kennenlernen, um entscheiden zu können, auf welcher Position uns ein Kapitän am besten hilft. Die Gespräche mit Daniel Endres waren absolut positiv. Aber man muss abwarten, wie sich alles entwickelt. Eventuell kommt eine andere Dynamik in die Gruppe. Und wir brauchen auch Führungsspieler im Feld. Der Kapitän muss zudem die Philosophie des Vereins in die Kabine bringen.

Ihr Vertrag läuft zwei Jahre, der der meisten Spieler nur bis 2019. Heißt das, dass es im Falle des Nichtaufstiegs einen Umbruch geben wird?

Dann würden wir von etwas Negativem ausgehen. Das tun wir aber nicht. Ein Einjahresvertrag kann auch Vorteile haben. Man kann gucken, ob es passt, beziehungsweise ob es noch passt. Und sofern es passt, verlängert man eh.

OFC stellt neuen Trainer vor: Bilder

Rechtsverteidiger Jan-Hendrik Marx machte auf sich aufmerksam. Gehen Sie davon aus, dass er bleibt?

Ich finde ihn super und habe ihm gesagt, dass er für seine Position ideale Qualitäten mitbringt. Und er hat mir gegenüber nicht geäußert, dass er den Verein verlassen will. Im Gegenteil: Er will mit dem OFC die Ziele erreichen. Das spricht für seine Identifikation mit dem Verein.

Sie sind inzwischen einen Monat beim OFC. Was haben Sie bereits über die Stadt und über den Verein gelernt?

Das, was ich schon wusste: Der OFC wird medial ganz anders wahrgenommen, als die Vereine, bei denen ich vorher war. Dass eine große Fan-Basis da ist. Dass sich das, was ich mit dem Sportdirektor über die Mannschaft besprochen habe, bewahrheitet hat. Alles passt bislang sehr gut.

Haben Sie Vorbilder?

Man findet viele Sachen gut von anderen Trainern – auch von denen, die man hatte, auch wenn es nur im Amateurbereich war. Man muss sehen, was gut war und das auf die Gruppe angepasst anwenden. Daher gibt es Trainer, die an Ort X funktionieren, aber an Ort Y nicht.

Der Spielstil welches Vereins kommt Ihren Vorstellungen am nächsten?

Was mich immer fasziniert hat, war RB Salzburg unter Roger Schmidt. Deren 3:0 gegen Bayern München war ein Spiel, bei dem ich mir überlegt habe, wie ich das runterbrechen kann auf das Niveau, auf dem ich trainiere. Super fand ich auch Leverkusen unter Christoph Daum. Dazu Thomas Tuchel, Pep Guardiola – auch Louis van Gaal. Van Gaal ist ja umstritten, aber gerade was junge Spieler betrifft, macht das nicht jeder wie er. Dafür muss man aber auch Potenzial erkennen. Und man braucht einen Plan, wie man 100 Prozent aus ihnen herausholt.

Sie haben auch bei Niko Kovac hospitiert...

Das ist jemand, der mich interessiert hat, gerade weil auch ich den athletischen Bereich sehr interessant finde.

Was ist Ihr Lieblingsklub?

Dadurch, dass mein Opa leidenschaftlicher OFC-Fan war, habe auch ich den OFC immer verfolgt – und in der Bundesliga den 1. FC Köln. Aber mit der Zeit haben mich eher die Vereine interessiert, die den Fußball gespielt haben, den ich interessant fand. Also neben den Erwähnten noch Hoffenheim unter Ralf Rangnick, Ajax Amsterdam oder Roter Stern Belgrad mit Robert Prosinecki und Co.

Welches OFC-Spiel ist Ihnen in Erinnerung geblieben?

Ein Spiel aus der jüngeren Vergangenheit, das mich unglaublich beeindruckt hat, war das DFB-Pokalspiel gegen Hannover 96. Da habe ich damals als Trainer von Watzenborn gedacht: Wow, wie wollen wir die schlagen? Die Art und Weise, wie der OFC gegen diesen damals gefühlten Erstligisten agiert hat, war super. Das sind Dinge, die einen beeindrucken und das Potenzial einer Mannschaft zeigen.

In Saarbrücken und Mannheim sind erneut zwei Südwest-Teams in den Aufstiegsspielen gescheitert. Ist die Südwest-Gruppe nicht so gut wie ihr Ruf? Oder gibt es andere Gründe dafür, dass die Südwest-Teams regelmäßig scheitern?

Um das seriös zu beantworten, müsste man alle Spiele analysieren. Und bei K.o.-Spielen muss immer alles passen. Erst mal ist es schwierig, wenn man Meister ist und nicht direkt aufsteigt. Sogar RB Leipzig hat zwei Anläufe gebraucht und ist sehr glücklich gegen Lotte aufgestiegen. Und dieses Jahr hätte es zwischen Saarbrücken und 1860 München auch anders ausgehen können. Saarbrücken hat mehr individuelle Fehler gemacht. Das hat den Ausschlag gegeben. Ich glaube nicht, dass 1860 besser war. Sie hatten mehr Glück. Für uns wäre es natürlich besser gewesen, wenn Saarbrücken und Mannheim aufgestiegen wären.

Kommende Saison berechtigt nur Platz eins zum Aufstieg. Wer wird um diesen Platz kämpfen?

Die, die oben standen, sind die potenziellen Mannschaften, die es unter sich ausmachen werden. Vielleicht Hoffenheim II oder Mainz II. Es gibt meistens auch ein Team, das keiner auf dem Zettel hat. Vielleicht Homburg, die eine sensationelle Runde gespielt und nach dem Aufstieg personell nachgelegt haben. Elversberg geht immer irgendwie als Favorit an den Start und Steinbach hat sich stabilisiert und punktuell verstärkt. Wichtig ist natürlich immer, wie man startet.

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