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„Tatort Offenbach statt Tatort Katar“: Verein boykottiert Wüsten-WM

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Von: Julius Fastnacht

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Der Förderverein für Offenbacher Fußballkultur stellt sich gegen die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar. Im Interview äußern sich die Vorsitzenden zum Schritt.

Offenbach – Den Fußball lieben die Mitglieder des Fördervereins zwar, aber nicht unter allen Umständen: Gegen die Weltmeisterschaft in Katar wehren sie sich. Im Gespräch erzählen die Vorsitzenden Sven Malsy und Janina Spiegel von fehlgeleiteten Fußball-Trends, ihrem Wunsch für künftige Turniervergaben – und werben für einen besonderen Fernsehabend.

Frau Spiegel, Herr Malsy, macht es einen Unterschied, wenn die rund 200 Mitglieder des Fördervereins den Fernseher bei der WM auslassen?

Malsy: Es macht faktisch wahrscheinlich keinen Unterschied. Allein schon deshalb, weil die Vermarktungsrechte längst verkauft sind. Was wir uns trotzdem gefragt haben: Ist das noch unser Fußball? Ist dieser Fußball, der in Katar zelebriert wird, das Umfeld, in dem er stattfindet, der Fußball, den wir uns wünschen? Wenn das nicht der Fall ist, entscheide ich mich genauso wie bei RB Leipzig gegen Hoffenheim: Das gucke ich mir nicht an.

Sie wollen also ein Zeichen über den WM-Boykott hinaus setzen?

Malsy: Wir sind nicht der Verein der Fußballromantiker. Trotzdem erleben wir dauerhaft die Abkehr von den klassischen Vereinsstrukturen. Es findet eine Kommerzialisierung statt, die wenig mit der Ursprünglichkeit von Fußball zu tun hat. Das hat alles seine Gründe. Die Frage ist, ob wir das mitgehen wollen. Ob wir Fußball nicht auch als gesellschaftliches Event verstehen, als Möglichkeit, Gemeinschaft zu erleben. An diesem Scheideweg stehen wir.

Kritisch begleiten wollen Sven Malsy und Janina Spiegel den Fußball über die Wüsten-WM hinaus.
Die Offenbacher Sven Malsy und Janina Spiegel wollen den Fußball über die Wüsten-WM hinaus kritisch begleiten. © privat

Offenbacher Förderverein für Fußballkultur: „Geht uns um die Menschenrechte“

Amnesty International hat sich gegen einen Boykott entschieden, um Reformen vor Ort zu schützen. Warum unterstützen sie die Initiative trotzdem?

Spiegel: Es geht uns auch um die Menschenrechte. Es sind keine Zustände, die da herrschen. Weder beim Aufbau der Stadien, noch wie der katarische Staat mit Menschen umgeht. Homophobie, Frauen haben keine ordentlichen Rechte. Solche Punkte sind uns einfach wichtig. Nicht nur der Fußball oder die Fußballkultur spielen eine Rolle.

Hansi Flick sagt: „Es ist keine WM für den normalen Fan“ - trotzdem fliegt der DFB nach Katar. Finden Sie das heuchlerisch?

Malsy: Ich habe ein gewisses Verständnis dafür, dass die Verbände trotzdem teilnehmen. Uns geht es mehr um den Rahmen. Letztlich hat sich das, was wir kritisieren, nochmal erweitert. Das eine ist die Vergabe an Katar. Im weiteren Verlauf kommen dann Arbeitsbedingungen dazu. Und das Aktuelle: Wir reden von Gaspreisen, Energiearmut. Gleichzeitig findet in der Wüste ein Turnier statt, bei dem Stadien auf angenehme Zimmertemperatur runtergekühlt werden.

Spiegel: Ich glaube, diese Nachhaltigkeitsfrage ist in den letzten Jahren viel mehr in den Fokus gerückt. Da werden Stadien mit 45 000 Plätzen in Städte gestellt, wo 11 000 Leute wohnen. Was macht man mit den Stadien danach?

Der Förderverein für Offenbacher Fußballkultur e.V.

Gegründet 2019, organisieren sich mehr als 200 Anhängerinnen und Anhänger von Kickers Offenbach im Förderverein. Gemeinsam unterstützen sie alle Abteilungen von Kickers Offenbach. Als Förderverein wurden auf diesem Weg bereits Investitionen im Bereich der Jugend, der Frauen- und Mädchenabteilung und der Handballabteilung getätigt, laut Vereinsangaben in fünfstelliger Höhe. (juf)

Offenbach: „Vergabekriterien sollten genauer unter die Lupe genommen werden“

Haben Sie Erwartungen an den DFB, wie er künftig mit Turnier-Vergaben umgehen sollte?

Malsy: Die Bedingungen sollten genauer unter die Lupe genommen werden. Welche Vergabekriterien angelegt werden, welche Möglichkeiten bestehen, eine Vergabe bei Nicht-Einhaltung wieder zurückzuziehen. Die katarischen Vertreter werden sich nicht hingestellt und gesagt haben: „Jawoll, 5 000 Arbeiter, die liegen danach unter dem Stadion.“ Am Ende müssen wir für die Zukunft sagen: Sport und Fußball sind immer auch ein Politikum.

Dass die WM in Katar stattfindet, ist seit zwölf Jahren bekannt. Warum hat die Protestbewegung erst so spät Fahrt aufgenommen?

Malsy: Das liegt am öffentlichen Fokus. Da waren WM und EM dazwischen. Ich könnte mir vorstellen, dass diese Kampagne deutlich mehr Reichweite gehabt hätte, wäre nicht der Ukrainekonflikt dazwischengekommen. Und Corona. Da ist viel verloren gegangen. Wenn wir aber auf die letzten Wochen schauen, was in den Stadien los war, Spruchbänder, Choreografien, Banner, dann zeigt das ja, dass es ein breites Thema ist.

Weshalb ist der Protest vor allem in der organisierten Fanszene verankert?

Spiegel: Ich glaube, das liegt ganz stark daran, dass viele aus den Fanszenen an einer Fußball-Kultur festhalten und eben nicht diesen kommerziellen Weg gehen wollen, eben nicht diesen modernen Fußball haben wollen, wie er jetzt stattfindet.

Russland war schon 2018 ein problematischer WM- Gastgeber. Damals gab es keine prominente Protest-Bewegung. Woran lag das?

Malsy: Ich glaube, die aktuelle WM ist medial präsenter. Russland ist nun mal ein Land, das irgendwie zum Fußball dazugehört. Und kein „Fußball-Zwerg“ wie Katar. Die Frage der Nachhaltigkeit war in Russland auch nicht so ausgeprägt. Dort sind Stadien genutzt worden, die sowieso standen, oder für russische Erstligisten gebaut wurden. In Städten, wo es zumindest einen ortsansässigen Verein gab.

„Viele Fans halten an einer Fußball-Kultur fest“, glaubt Janina Spiegel. Für sie ein Grund, weshalb in Deutschland vor allem die organisierte Anhängerschaft klare Kante gegen Katar zeigt.
„Viele Fans halten an einer Fußball-Kultur fest“, glaubt Janina Spiegel. Für sie ein Grund, weshalb in Deutschland vor allem die organisierte Anhängerschaft klare Kante gegen Katar zeigt. © imago

„Tatort Offenbach statt Tatort Katar“

Wie genau wollen Sie, speziell von Offenbach aus, ein Zeichen gegen die WM setzen?

Spiegel: Wir haben für 27. November mit dem Markthaus am Wilhelmsplatz eine Veranstaltung geplant. Statt dem zweiten Deutschland-Spiel zeigen wir eine andere Übertragung. „Tatort Offenbach statt Tatort Katar“, lautet das Motto. An die Tatort-Abende sonntagabends angelehnt schauen wir die Polizeiruf-110-Folge, die sich rund um Kickers Offenbach dreht: „Abseitsfalle“. Dazu laden wir ein.

Malsy: Natürlich bleibt die Frage: Was kann man lokal überhaupt machen? Viel mehr als Öffentlichkeit schaffen für das Thema ist nicht drin. Wir sollten überlegen, was eine Weltmeisterschaft wie in Katar mit dem Komplex Fußball macht. Ich glaube, diese WM hat eine negative Auswirkung.

Das Interview führte Julius Fastnacht.

Die Fußball-WM 2022 in Katar stößt in Deutschland auf breite Ablehnung. Auch Offenbach und Hanau positionieren sich gegen das Turnier. In beiden Städten wird es kein Public Viewing geben.

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