Fan, Funktionär, Vorbestrafter

Thomas Kalt und der Crash des Lebens

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Thomas Kalt

Offenbach - Der 7. Juni 2013 und vor allem der 12. September 2018 haben das Leben von Thomas Kalt nachhaltig verändert. Mit dem Insolvenzantrag der Offenbacher Kickers setzte sich ein Prozess in Gang, an dessen Ende der langjährige OFC-Funktionär als Vorbestrafter das Darmstädter Landgericht verließ. Von Jörg Moll

Thomas Kalts Aufstieg vom Fan zum Fußball-Funktionär und der harte Fall gewähren tiefe Einblicke in das Paralleluniversum Profifußball. Am 12. September war der 56-Jährige vor dem Landgericht Darmstadt zu einer Bewährungsstrafe von eineinhalb Jahren und 10.000 Euro Bewährungsauflage wegen Verstoßes gegen das Kreditwirtschaftsgesetz, Betrug und Insolvenzverschleppung verurteilt worden. Sein langjähriger Wegbegleiter Jörg Hambückers kam etwas milder davon. Der frühere Finanzbuchhalter, dem zudem Steuerhinterziehung nachgewiesen wurde, erhielt 15 Monate auf Bewährung und 5000 Euro Auflage.

„Das bleibt auf ewig haften“, sagt Kalt, und das auf vielen Ebenen. Es ist leicht aufzuzählen, aber schwer auszumachen, was ihm am meisten zusetzt. Vor Gericht legte er ein umfassendes Geständnis ab, das der Vorsitzende Richter Marc Euler als authentisch und glaubwürdig einstufte und würdigte. Finanziell war sowohl die Insolvenz wie auch das juristische Verfahren teuer. Auf 500.000 Euro schätzt Kalt den persönlichen Verlust daraus ein. Im Zivilverfahren hatte Insolvenzverwalter Dr. Andreas Kleinschmidt 100.000 Euro Schadenersatz von Kalt erstritten, 15.000 Euro musste Hambückers zahlen.

Viel schwieriger ist die mentale und emotionale Aufarbeitung. Kaum ein anderer definierte sich so über Kickers Offenbach wie Kalt. „Ich war 44 Jahre beim OFC - und seit 2012 nie mehr da“, sagt er. Oft genug hatte er seine gesamte Familie für seinen Herzensklub eingespannt. „Der OFC war gewissermaßen unser Familientreffen, oft haben wir uns nur im Stadion gesehen.“

Frank Ruhl: „Sehr gute Verkäufer“

Kalts Motivation war von der Vision beseelt, den OFC wieder auf die bundesdeutsche Fußball-Landkarte zurückzubringen. „Aber ich war stets getrieben“, sagt er im Rückblick: „Ich bin ein Vereinssoldat, ich wollte nicht kneifen. Ich wollte immer den Wünschen aus dem Vereinsumfeld gerecht werden.“ Antriebsfeder war wohl auch die eigene Sehnsucht, immer höher, immer weiter zu kommen, der Drang, den OFC zu altem Glanz zu führen. Das gelang zuweilen, aber der Preis war oft viel zu hoch. In seiner Ära - seit 2000 als Vizepräsident, von 2010 bis 2012 als GmbH-Geschäftsführer - spielten die Kickers drei Jahre in der 2. Liga, von 2005 bis 2008. Vom Last-Minute-Abstieg in Osnabrück im Mai 2008 erholte sich der Klub aber nie mehr.

Der anvisierte Wiederaufstieg misslang immer wieder, trotz aller finanzieller Anstrengungen, trotz Überanstrengungen. Finanziert wurden die ebenso kühnen wie gewagten Bestrebungen vor allem durch Marketingmaßnahmen, die der „sehr gute Verkäufer“ (Ex-Präsident Dr. Frank Ruhl) Kalt initiierte. „Ein Verein zum Leben“ war nach der Wahl zum Vizepräsidenten im Jahr 2000 an der Seite von Ex-Profi Dieter Müller eine der ersten kreativen Ideen, Geld in die chronisch klammen Kassen zu spülen, und rettete den damals wieder einmal überschuldeten OFC. Später folgten die TV-Erlösbeteiligungen - und schließlich die verhängnisvollen Investorenverträge. Verhängnisvoll deshalb, weil Kalt und Hambückers versäumt hatten, die Zertifikate von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) absegnen zu lassen und sogar Warnhinweise der Behörde ignorierten. Sie hatten hohe Zinsen versprochen, im Verkaufsprospekt stand nichts vom möglichen Totalverlust. Im Strafprozess 2018 sah der Richter deshalb den Tatbestand des Betrugs als erwiesen an.

„Ich bin kein misstrauischer Mensch“

„Vorsprung durch Vertrauen“ war in Kalts Auto-Lacke-Vertrieb ein lange gültiger Slogan. Im Stahlbad Profifußball funktionierte diese Prämisse nur bedingt. „Mein einziger Vertrauter war Jörg (Hambückers)“, räumt Kalt ein. Präsident Dieter Müller hatte er vor Gericht ein einziges Mal öffentlich angegriffen. „Wenn man ehrlich ist, hat er ja nichts gemacht“, hatte Kalt gesagt. Dem Ex-Nationalspieler hat das gar nicht gefallen. „Ich möchte keine schmutzige Wäsche waschen“, sagt Müller: „Aber Thomas hat alles alleine machen wollen.“ Kalt habe ein starker Gegenpol gefehlt, so Müller: „Ich war das nicht, weil ich nie Machtmensch sein wollte.“

Hambückers war weit mehr als ein Finanzbuchhalter, er war oft Kalts Statthalter, wenn dieser seine Firma in Cottbus führte und den OFC aus der Distanz betreute. „Man kann aber kein Unternehmen dieser Größenordnung aus 650 Kilometern Entfernung führen“, übte Richter Euler in der Urteilsbegründung Kritik und verwies auf fehlende Professionalität auf der Geschäftsstelle.

„Ich bin kein misstrauischer Mensch“, rechtfertigt Kalt seine Lebenseinstellung. Doch in Offenbach musste er feststellen, dass gesundes Misstrauen hilfreich gewesen wäre. Kalt glaubte noch lange nach der Insolvenzanmeldung, dass der OFC 4,4 Millionen Euro Verbindlichkeiten hatte. „Das Controlling hat gefehlt“, konstatiert Kalts schärfster Kritiker Dr. Frank Ruhl. Erst ein selbst in Auftrag gegebenes Gutachten brachte die Gewissheit, dass die Lage viel schlimmere Ausmaße hatte als angenommen oder durch Hambückers errechnet.

Erstes OFC-Training im neuen Jahr: Bilder

Einige Wochen nach dem Urteilsspruch suchte Kalt den Kontakt zu seinem einstigen Rivalen und schärfsten Kritiker Ruhl. 2012 war er zurückgetreten, weil er sich vom späteren Präsidenten diskreditiert gefühlt hatte. „Bevor mich jemand vom Hof jagt, gehe ich lieber selbst“, hatte Kalt nach seiner Demission als Geschäftsführer erklärt.

„Er hat sich bei mir entschuldigt und mir in vielen Dingen recht gegeben“, bestätigt Ruhl das Telefongespräch. Der Ex-Präsident, von Kalt einst in den Senatorenkreis berufen, ist heute einer von zwei Großgläubigern der Kickers neben dem langjährigen Schatzmeister Thomas Röder. Gerade hat sich Ruhl mit dem Verein geeinigt und 24,5 Prozent Anteile an der Profi GmbH erhalten. „Ich bin Thomas Kalt nicht mehr böse und würde ihm sicher die Hand geben“, stellt Ruhl klar. Längst nicht jeder aus dem OFC-Umfeld schlägt - aus durchaus nachvollziehbaren Motiven - derart versöhnliche Töne an. Kalt weiß das und verzichtet daher auf einen Gang in das Stadion, für dessen Bau er wie kein Zweiter steht, das er seit 2012 aber nie mehr betreten hat.

Bilder: Die Geschichte von Kickers Offenbach im Fan-Museum

Vor Gericht räumte Kalt offen ein, dass es einige Szenarien gegeben habe, früher die Reißleine zu ziehen. Doch stets habe den Marathonläufer ein Satz zum Weitermachen getrieben: „Wir schaffen das alles, habe ich stets geglaubt.“ Heute denkt er differenzierter darüber. „Ich hätte 2008 nach dem Zweitliga-Abstieg aufhören sollen“, sagt er. Und warum machte er weiter? Trieben ihn gar manische Motive an? „Das würde ich nicht sagen, ich nenne es Verantwortungsbewusstsein.“ Das gleiche Motiv bewegte ihn 2010 dazu, Geschäftsführer der OFC Profi GmbH zu werden. Er stellte sich nach dem Abstieg den Problemen der 3. Liga. Deren wirtschaftliche Tragfähigkeit zweifelt er auch nach seiner Zeit bei Rot-Weiß Erfurt („Ich habe das gemacht, weil mir der Fußball gefehlt hat und ich dachte, dass mein Fachwissen nicht einfach so verloren gehen darf“) an. „Ohne Investor“, ist Kalt überzeugt, „geht es unterhalb der 2. Liga nicht mehr.“

Ausgeschlossen ist für ihn eine Rückkehr in verantwortlicher Position im Fußball. „Das ist vorbei“, betont Kalt. Dafür war der Crash des Lebens am 12. September 2018 zu gravierend.

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