Kalt: „Wir hätten die Reißleine ziehen müssen“

Ex-OFC-Geschäftsführer gehen auf Deal ein

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„Wir dachten immer, wir kriegen es hin“: Thomas Kalt äußerte sich vor dem Landgericht Darmstadt ausführlich.

Darmstadt - Fast fünfeinhalb Jahre hatte Thomas Kalt keine Stellung bezogen. Am zweiten Tag des Strafprozesses um Insolvenzverschleppung gegen drei ehemalige Geschäftsführer der Offenbacher Kickers legte er ein Geständnis ab, das in Länge, Ausführung und Präzision der Wortwahl auch beim Vorsitzenden Richter Marc Euler ein gelegentliches Kopfnicken erzeugte. Von Jörg Moll 

Neben Kalt hatten auch Jörg Hambückers und David Fischer den vorgeschlagenen Deal des Richters angenommen. Somit wird der Prozess, zu dem am Montag nochmals Zeugen angehört werden, schon am kommenden Mittwoch mit einem Urteil enden.

Kalt muss demnach mit 15 bis 24 Monaten Bewährungsstrafe rechnen, Hambückers mit zwölf bis 21 Monaten Bewährungsstrafe. Richter Euler hatte seinerseits dem Wunsch nach einer Reduzierung der Geldstrafe für Hambückers (5000 statt 15.000 Euro) und Kalt (10.000 statt 20.000) entsprochen. Hambückers und Kalt hatten darauf verwiesen, bereits Wiedergutmachungszahlungen geleitet zu haben.

Kalt hatte nach einem von Insolvenzverwalter Andreas Kleinschmidt angestrengten Schadenersatzverfahren vor einem Zivilgericht 100.000 Euro gezahlt. Für David Fischer ist der Prozess seit gestern beendet. Das Verfahren gegen den 34-Jährigen, der am 7. Juni 2013 den Insolvenzantrag stellte, wurde absprachegemäß gegen Zahlung von 10.000 Euro in fünf Raten eingestellt. „Mir ist heute klar, dass ich das alles früher hätte erkennen sollen“, sagte Fischer.

Durchaus brisant waren die Ausführungen von Kalt. „Ich bin in der Sozialisation aufgewachsen, dass für Fußball andere Gesetze gelten“, meinte Kalt, der 2000 als Vizepräsident der Kickers seine Funktionärslaufbahn begann: „Und ich muss mir eingestehen: Wir hätten an mehreren Punkten die Reißleine ziehen müssen.“

Kalt versicherte, bis zu seinem Ausscheiden als Geschäftsführer der 2010 gegründeten OFC Profi GmbH im Juli 2012 von einem Schuldenstand von 4,5 Millionen Euro ausgegangen zu sein, skizzierte auch seine Beweggründe, die er mit einer Verantwortung gegenüber seinem Herzensverein begründete: „Wir dachten immer, wir kriegen es hin.“ Auch und vor allem, nachdem der OFC die Zusage erhalten hatte, ein neues Stadion zu erhalten. „Wir haben eine Verbesserung der wirtschaftlichen Situation gesehen“, erklärte Kalt nicht nur mit Blick auf die erstmalige Nutzung von zehn Logen im Sparda-Bank-Hessen-Stadion.

Doch aus dem vermeintlichen Segen wurde ein kaum zu kalkulierendes Wagnis für den Klub. Die Stadt Offenbach, so Kalt, hatte in der Sparda Bank Hessen einen Namensgeber für das Stadion gefunden. Als Gegenleistung forderte das Unternehmen die Ausgliederung der Profimannschaft in eine Kapitalgesellschaft.

Die Ausgliederung in eine GmbH musste unter großem Druck erfolgen, wie Hambückers in seiner Aussage erläuterte: „Ich hatte noch nie eine Ausgliederung gemacht, und die Sparda Bank hatte nicht den Eindruck vermittelt, uns einen Aufschub zu gewähren“, sagte er mit Blick auf die im Vertrag eingebaute Rücktrittsklausel. „Ich bin total enttäuscht von mir selbst“, räumte Hambückers ein und gestand, 2010 die eigenen Signale missachtet zu haben. 2010 habe er einen Zusammenbruch erlitten, sich in psychologische Behandlung begeben. „Ich fühlte mich überfordert“, sagte er langjährige externe Finanzbuchhalter der Kickers.

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Überraschend erklärte er, dass ihm, anders als ein Zeuge der späteren Polizeirazzia bestätigte, die ungeordnete Buchführung nicht bekannt gewesen wäre. Er selbst habe auch ab 2009 nicht mehr gebucht, weil der OFC eine Buchhalterin eingestellt habe. Hambückers’ Aussagen standen im Widerspruch zur Zeuginnenbefragung.

Kalt übte erstmals auch offen Kritik an Dieter Müller. „Ich hatte einen Präsidenten, der nichts machte.“ Als verhängnisvoll, bezeichnete Kalt, dass der OFC die Baunebenkosten für das Stadion übernehmen musste. „Die Stadt hat uns etwas abverlangt, was wir nicht hätten annehmen dürfen“, meinte er und bezifferte diese Kosten auf eine Million Euro. Ähnlich argumentierte Hambückers, der auch auf den enormen organisatorischen Mehraufwand hinwies. Im Nachhinein skizzierte Kalt die Zeit von 2011 an als chaotisch. „Wir hatten enormen Druck“, räumte er ein: „Aber ich hätte nie gewagt zu sagen: Ich melde die GmbH ab.“

Abschließend entschuldigte Kalt sich bei den Käufern von Investorenzertifikaten, denen in einer Anleihe Zinsen von sechs oder sieben Prozent versprochen wurden. „Ich kann mich nur entschuldigen, ich dachte, im Sinne der Kickers zu handeln.“

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